Birk Grüling

Wissenschaft für kleine und große Leser:innen, Buchholz

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Mary Anning: Auf Saurierjagd

Wenn Evie am Strand von Lyme Regis steht, einem Küstenort in Südengland, interessiert sie sich nicht für das Meer und die Kreidefelsen. Sie schaut auf den Boden zu ihren Füßen. Evie Swire ist 13 Jahre alt und sammelt gerne Fossilien, also versteinerte Überreste von Lebewesen, die älter als 10.000 Jahre sind. Besonders schön findet sie Ammoniten. Das sind versteinerte Schneckenhäuser von urzeitlichen Tintenfischen. "Die liegen so schön in der Hand", sagt Evie. Einmal fand sie sogar den Zahn eines Ichthyosauriers, eines großen Fischsauriers, der vor mehr als 90 Millionen Jahren lebte. "Er sah aus, als wäre er gestern erst aus seinem Maul gefallen", sagt sie.

Die Küste in der Nähe von Evies Heimatort ist dafür bekannt, dass man hier versteinerte Knochen oder Zähne von Meeresbewohnern aus der Zeit der Dinosaurier finden kann. Wo heute Evie am Strand entlangstapft, war vor mehr als 200 Jahren ein anderes Mädchen unterwegs: Mary Anning. Als die ungefähr so alt war, wie Evie heute ist, fand sie das Skelett eines riesigen Ichthyosauriers. Später wurde Mary eine der ersten Paläontologinnen überhaupt, so nennt man Wissenschaftlerinnen, die ausgestorbene Lebewesen erforschen.

Heute kennen alle in Lyme Regis die Geschichte dieser Frau. "Wir haben schon in der ersten Klasse viel über Mary Anning gelernt", erzählt Evie am Telefon. "Mir gefällt, dass sie sehr hartnäckig war." Die Fossiliensammlerin ist Evies großes Vorbild. Deshalb will sie dafür sorgen, dass Mary ein Denkmal in ihrem Heimatort bekommt. Damit das klappt, hat Evie einen Verein gegründet, viel Geld gesammelt und inzwischen sogar den Bürgermeister von ihrer Idee überzeugt.

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Die Menschen in Lyme Regis wurden zum ersten Mal im Jahr 1812 auf Evies großes Vorbild aufmerksam. Da war Mary gerade 12 Jahre alt. Der Vater war zwei Jahre zuvor gestorben, und die Familie war sehr arm. Deshalb mussten auch die Kinder Geld verdienen. Marys Bruder Joseph arbeitete in einer Sofa-Fabrik, sie selbst ging jeden Tag an den Strand, suchte nach versteinerten Meeresbewohnern und verkaufte sie im Ort an Urlauber. Die zahlten ihr gerade so viel, dass es für ein warmes Essen reichte.

Doch noch im selben Jahr fand Mary ein ganzes Skelett an der Steilküste. Vorsichtig klopfte sie die versteinerten Knochen aus dem Felsen - monatelang. Es war ein fast fünf Meter langer Ichthyosaurus. Er sah ein bisschen aus wie ein Delfin, mit langer Schnauze, spitzen Zähnen und riesigen Augen. Der Fund war eine Sensation. So ein Meeresungeheuer hatte noch niemand gesehen!

Die Dorfbewohner halfen Mary, das Skelett in den Ort zu tragen. Ein Adeliger zahlte ihr dafür so viel Geld, dass die Familie ein halbes Jahr lang davon leben konnte. Der Meeressaurier wurde nach London gebracht, wo die Menschen bald Schlange standen, um das seltsame Wesen zu bestaunen. Dass es von einem kleinen Mädchen gefunden worden war, die zweite Sensation, erfuhren die Besucher nicht.

Wenn Evie heute darüber nachdenkt, macht sie das wütend. "Niemand hat sich dafür interessiert, dass Mary Anning so was Tolles gefunden hat. Die Männer haben ihre Arbeit einfach nicht erwähnt", sagt sie. Wissenschaft war damals etwas für reiche Herren. Frauen durften nicht studieren und auch keine wissenschaftlichen Texte schreiben. Eigentlich. Mary ließ sich davon nämlich nicht einschüchtern. Sie las alles, was sie über Dinosaurier und andere Urzeitbewohner finden konnte. Und sie ging weiter ans Meer und suchte nach Fossilien.

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