Birk Grüling

Bildungsjournalist, Wissenschaft für kleine und große Leser:innen,..., Buchholz

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Quallen: Erfolgsmodell der Natur mit Potential zum Superfood

Ich erinnere mich an einen Ostsee-Urlaub in meiner Kindheit. Ich freute mich auf ein Bad im Meer, doch Strand und Wasser waren voll mit großen, durchsichtigen Quallen. An Schwimmen war nicht zu denken, die Warnung meines Vaters vor brennenden Stichen verschreckt mich zusätzlich. Für mich waren diese Tiere damit von meiner Liste sympathischer Meeresbewohner gestrichen.

Eine ähnliche Haltung hatten offensichtlich auch viele Forschende. „Das wissenschaftliche Interesse an Quallen war lange überschaubar. Die Medusen bestehen zu 98 Prozent aus Wasser und sind sehr einfach aufgebaut. Deshalb hielt man sie lange für eine Sackgasse in Nahrungsketten. Auch im Magen von Fischen zerfallen sie so schnell, dass sie lange nicht nachweisbar waren", erzählt Jamileh Javidpour, Quallenexpertin an University of Southern Denmark in Odense und Leiterin des internationalen Quallenforschungsprojekts „GoJelly".

Inzwischen wächst zum Glück das Interesse für die zum Plankton zählenden Meeresbewohner und damit auch das Verständnis für ihre Rolle im Ökosystem. Zum Beispiel weiß man inzwischen, dass sie auf dem Speiseplan von Schildkröten, Pinguinen und einigen Walen und Fischen stehen. Ihnen liefern sie wertvolle Nährstoffe und sind - einmal gefunden - in großer Zahl vorhanden.

Doch Quallen werden nicht nur gefressen: Werden ihre Fressfeinde weniger, erobern sie viele freiwerdende ökologische Nischen. Auch die Erwärmung der Meere oder ein niedriger Sauerstoffgehalt macht ihnen kaum etwas aus. Diese Anpassungsfähigkeit macht Medusen zu einem Erfolgsmodell der Natur - seit 600 Millionen Jahren auf der Welt, in allen Regionen der Meere, aber auch in Seen und Flüssen vertreten. Um diesen Erfolg zu verstehen, lohnt ein genauer Blick auf ihr Leben.

Einfach gestrickt, trotzdem oft tödlich

Es gibt mindestens 260 verschiedene Arten, ihr gemeinsames Erfolgsrezept lautet „Keep it simple". Quallen besitzen weder Herz noch Hirn, ihr Körper ist ein Gebilde aus zwei hauchdünnen Zellschichten. Außen sitzen je nach Art unterschiedlich weit entwickelte Sinnesorgane, innen der Magen und der Verdauungstrakt.

Auch bei der Beschaffung von Nahrung sind sie für ihre plancktonhafte Passivität erstaunlich erfolgreich. Die meisten Quallen besitzen kurze Tentakel oder lange Fangarme, in denen sich die Beute verfängt und durch das Gift aus Nesselzellen am Wegschwimmen gehindert wird. Manche Arten sind sogar so giftig, dass sie locker einen Menschen töten können - Würfelquallen gehören zum Beispiel zu den giftigsten Tieren der Welt.

Dazu gibt es unter den Medusen echte Überlebenskünstler, die im Notfall sogar ihre eigenen Körperteile verdauen oder sogar den Alterungsprozess umkehren. Die Zellen der Mittelmeerqualle Turritopsos nutricula kehren dafür in den Embyronalstatus zurück und wandeln sich dann beliebig in Nerven oder Nesselzellen um. Obwohl dieser Fund die Formel für Unsterblichkeit verspricht, ist das Leben der allermeisten Quallen begrenzt. Haben sie sich fortgepflanzt, ist das Lebensziel erreicht und der Organismus stirbt. Es bleibt nur Glibber übrig und damit gefundenes Fressen für Fische.

Auch die Fortpflanzung ist mehr als ungewöhnlich. Aus befruchteten Qualleneiern schlüpfen Larven. Diese suchen sich einen guten Ort, um zu wachsen und werden dann zu sogenannten Polypen, ein bisschen erinnern sie an Korallen - kein Wunder immerhin sind beides Nesseltiere. Polypen vermehren sich „ungeschlechtlich". Stark vereinfacht: Er schnürt von seinem Körper Miniquallen ab, die dann zu großen Exemplaren heranreifen. Es gibt aber auch Arten, die diese verrückte Art der Fortpflanzung überspringen.

All diese Andersartigkeit hilft ihnen offensichtlich dabei, seit Millionen von Jahren jeder großen Klimaschwankung zu trotzen. So mehren sich die Indizien, dass Quallenblüten unter anderem durch Überfischung und globaler Erwärmung zunehmen. Und das hat Auswirkungen auf das gesamte Ökosystem: Die Quallen konkurrieren mit manchen Fischen um Nahrung oder fressen so viele ihrer Larven, dass ein vielfältiger Fischbestand zusätzlich bedroht wird.

Quallen sind doch nützlich und nahrhaft

Naheliegend ist also vor allem eine Frage, was können wir mit der ganzen Biomasse aus Medusen Sinnvolles machen. Genau danach suchen auch Javidpour und ihre Kolleginen im GoJelly-Projekt. Ihre Vision sei nachhaltige Nutzungsmöglichkeiten ohne starken Eingriff ins Ökosystem.

Eine Qualle (Pelagia noctiluca) schwimmt neben Plastikmüll in der Nähe des Hafens von Salina in Italien. © Quelle: Enrique Talledo/EUO OCEANA/dpa

Eine erste Idee dafür ist ein Filter, der mit Hilfe von Quallenschleim Nano- und Mikroplastik aus dem Wasser filtern kann, und zwar zu fast 100 Prozent. Genau damit haben herkömmliche Anlagen in Klärwerken oft Probleme. Ein entsprechendes Patent wurde bereits angemeldet, nun will man die kleine Testanlage vergrößern und der Serienreife näherkommen. „Denkbar wäre auch eine Nutzung auch als feuchtigkeitsspendender Inhalt in Kosmetik oder hochwertigen Dünger in der Landwirtschaft. Im Labor hat sich jedenfalls eine deutliche Verbesserung der Bodenqualität gezeigt", berichtet die Meeresbiologin.

Vielleicht landen Medusen bald auch direkt auf unserem Teller. In Asien sind sie schon seit Jahrhunderten Teil der Küche. Am Bremer Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung (ZMT) beschäftigt sich Holger Kühnhold im Rahmen des Projektes „Food4Future (F4F) - Nahrungsmittel der Zukunft" unter anderem mit dem Nährwert von Quallen.

Sein Fazit ist eindeutig. „Sie haben das Potential zum Superfood. Getrocknet sind viele Quallen reich an wichtigen Nährstoffen wie essentiellen Aminosäuren und Fettsäuren, sowie Mineralstoffen, Pigmenten und Antioxidantien. Außerdem enthalten Quallen kaum Kalorien und wachsen äußerst ressourceneffizient", sagt der Meeresbiologe. Neben traditionellen asiatischen Rezepten könntet Quallen hierzulande auch als getrocknete Chips oder als Proteinpulver zur Nahrungsergänzung verwendet werden.

Doch Kühnhold und seinen Kollegen geht es nicht nur um einen neuen Foodtrend, sondern vielmehr um eine essenzielle Frage: wie kann die nachhaltige Ernährung für eine wachsende Weltbevölkerung aussehen? Neben Quallen werden hier auch Algen und Seegurken untersucht. Sie alle sind nahrhaft, verbrauchen im Anbau aber deutlich weniger Ressourcen als Nutztiere und ihre Bestände sind nicht so bedroht wie viele Speisefischarten.

Nutzen ja, aber bitte nachhaltig

Doch auch hier gibt es eine große Herausforderung: Selbst die Quallen zu einer wichtigen Ressource der Zukunft werden, darf ihre Nutzung nicht auf Kosten der Ökosysteme im Meer gehen. Und hier wird es kompliziert. Die angeschwemmten Quallen an Nord- und Ostsee würden eine kommerzielle Nutzung kaum ausreichen.

Ein naheliegender Impuls wäre der Wildfang. Tatsächlich tauchen vor allem dort Quallen vermehrt auf, wo der Mensch bereits Ökosysteme geschädigt hat. „Im Moment bedienen wir uns vor allem am oberen Ende der Nahrungskette, an Raubfischen wie Lachsen oder Thunfischen. In Zukunft werden diese Fische immer weniger und das hat große Folgen für die Ökosystem. Wir brauchen also Nahrungsalternativen, die in größerer Zahl und einfacher verfügbar sind", sagt Kühnhold.

Einfach in großer Zahl Quallen abzufischen sei trotzdem keine gute Idee. Immerhin wisse die Forschung über ihre Rolle im Ökosystem noch zu wenig, um die Tragweite eines solchen schwerwiegenden Eingriff realistisch abzuschätzen. So tragen Quallen dazu bei, dass die Meere mehr Kohlenstoffdixoid aus der Atmosphäre speichern können. Auch die Bedeutung von Quallen in den Nahrungsnetzen lässt sich noch kaum quantifizieren. „Ohne dieses Verständnis müssen wir sehr behutsam mit den Quallen umgehen und sie nicht nur als Schädlinge sehen, sondern eben als schützenswerten Teil der Meere", sagt auch Javidpour.

Aus dem gleichen Grund seien auch Aquakulturen in Buchten und Fjörden, wie in China üblich, kein passendes Vorbild für die deutschen Küsten. Immerhin besteht hier immer die Gefahr, dass Quallen unkontrolliert ins Meer gelangen. Am Bremer Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung hat sich Kühnhold deshalb bewusst für leicht zu züchtende Mangrovenquallen aus den Tropen entschieden. Sie leben bodennah in eher flachem Gewässer und strecken ihre Tentakeln in Richtung Sonne. Das ist ziemlich unspektakulär, aber ziemlich praktisch für die Zucht. Die gelingt nämlich sogar in Wasserkanistern ohne Strömung.

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