Birk Grüling

Bildungsjournalist, schreibender Papa, Spielplatzheld, Buchholz

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Kinderärzte im Podcast: Was Eltern von „Hand, Fuß, Mund" lernen können

Hannover. Nibras Naami und Florian Babor sind Podcast-Fans, je nischiger und wissenschaftlicher, desto besser - und sie sind Kinderärzte. Entstanden ist daraus der Podcast „ Hand, Fuß, Mund ", bei dem es vorrangig um Kindergesundheit geht. Dabei werden auch schwere Krankheiten wie Krebs oder Leukämie thematisiert und nicht zuletzt Corona und die Auswirkungen der Pandemie auf Kinder.

Bevor wir über Ihren „Hand, Fuß, Mund"-Podcast sprechen, müssen wir einen kurzen Corona-Umweg nehmen. Welche Auswirkungen der Pandemie spüren Sie in der Kinderklinik?

Nibras Naami: In der Kinder- und Jugendmedizin sind wir kaum von Corona betroffen. Kinder zeigen in der Regel keine oder nur sehr milde Corona-Symptome. Schwere Verläufe sehen wir eigentlich nur bei starken Vorerkrankungen. Um diese „Ruhe" sind wir ganz froh, so können wir uns weiter mit aller Kraft und Zeit um die Patienten auf der Kinderkrebsstation kümmern.

Florian Babor: Tatsächlich spüren wir die Pandemie eher an einer anderen Stelle. Unsere Notaufnahme ist etwas leerer als sonst. Die Menschen meiden Krankenhäuser aus Angst vor einer Ansteckung und gehen lieber erst mal zum Kinderarzt. Das gilt vor allem für leichtere Erkrankungen oder Unfälle, die sonst auch häufig bei uns gelandet sind, obwohl es vielleicht gar nicht so notwendig gewesen wäre.

Vonseiten der Kinderärzte gibt es viel Kritik an der Schließung von Grundschulen und Kitas. Teilen Sie die Kritik Ihrer Kollegen?

Nibras Naami: Es ist kein Geheimnis, dass Kinder und Jugendliche besonders stark unter dieser Pandemie leiden und nun seit über einem Jahr viel zurückstecken müssen. Sie müssen soziale Kontakte einschränken, dürfen die Kita und die Schule nicht besuchen. Das hat natürlich Auswirkung auf ihre Bildung und ihre Entwicklung. Vielleicht könnte sogar das Immunsystem unter den Schließungen leiden. Immerhin ist es wichtig, dass gerade kleine Kinder ab und zu mal krank sind und sich mit bestimmten Erregern anstecken. Das stärkt die körpereigenen Abwehrkräfte.

Florian Babor: Das stimmt. Die Kinderärzte sehen vermutlich so wenig Infekte bei Kindern wie selten zuvor. Ohne Kita und Grundschule fällt auch da viel weg. Auch in der Klinik berichten uns Kinder, dass ihnen langweilig ist und sie besonders schlapp, müde und antriebslos sind. Das ist schon ein deutliches Zeichen dafür, dass geschlossene Kitas und Schulen keine Dauerlösung sein können.

Nun haben Sie bei ihrem „Hand, Fuß, Mund"-Podcast im März letzten Jahres ein kleines Corona-Spezial gemacht. Wie hoch war das Interesse?

Florian Babor: Gerade am Anfang war das Interesse bei Eltern immens. Die Folgen wurden sehr oft gehört und es gab viele Zuschriften. Inzwischen halten sich Corona-Fragen sehr in Grenzen. Es ist einfach bekannter, dass die meisten Kinder durch das Coronavirus nicht schwer erkranken.

Nibras Naami: Außerdem bekamen wir viele Fragen, ob das Tragen von Masken für Kinder schädlich sei. Dieses Gerücht wurde ja aus Richtung der Corona-Skeptiker und Querdenker gestreut und schnell hinlänglich widerlegt. Trotzdem entstand daraus eine große Unsicherheit bei den Eltern und es gab auch teils kontroverse, teils sehr absurde Diskussionen auf unseren Social-Media-Kanälen.

Gehen wir einen Schritt zurück. Wie sind Sie überhaupt auf die Idee gekommen, einen Podcast über Kinder- und Jugendmedizin zu starten?

Nibras Naami: Wir sind beide selbst große Podcast-Fans. Vor allem Wissenschaftsformate hören wir gerne, je nischiger, desto besser. Und dabei stellten wir fest, dass es zwar Podcasts zu fast jedem Fachgebiet der Physik gibt, aber keinen über Kinder- und Jugendmedizin. Das wollten wir ändern und den Eltern mehr verständliches und fundiertes Wissen über die Gesundheit ihrer Kinder vermitteln.

Rat der Experten: Nicht nach Krankheiten googeln

Zwei wichtige Anlaufpunkte in Sachen Kinderkrankheiten sind ja Dr. Google und der eigene Kinderarzt. Wo würden Sie Ihren Podcast einordnen?

Nibras Naami: Wir sehen uns genau dazwischen. Im besten Fall hat der Kinderarzt des Vertrauens auch viel Zeit für die Familien und kann ihnen jede Erkrankung ganz genau erklären - egal ob es sich nun um einen leichten Schnupfen oder eine chronische Erkrankung handelt. Leider sieht die Realität oft anders aus. In den meisten Praxen fehlt durch die hohe Auslastung die Zeit für ausführliche Gespräche und damit bleiben auch die Eltern mit ihren Fragen zurück. Und dann greifen sie verständlicherweise zum Smartphone und versuchen im Internet Antworten zu finden.

Florian Babor: Das ist Fluch und Segen zugleich. Es gibt im Internet unendlich viel Wissen und das auch noch frei verfügbar. Leider hapert es oft an der Einordnung. Bei jeder Suche nach Symptomen stößt man immer auf die schwerste aller Diagnosen. So wird aus Kopfschmerzen schnell der Hirntumor. Deshalb raten wir den Eltern in der Kinderklinik auch möglichst nicht zu googeln, sondern alle Fragen direkt uns zu stellen. Und ähnlich sehen wir auch unser Angebot im Podcast. Wir erklären die Kinderkrankheiten sehr ausführlich und versuchen sämtliche Fragen aufzuklären, die bei Eltern aufkommen könnten. Was wir nicht wollen, ist, in irgendeiner Form den Kinderarztbesuch überflüssig zu machen.

Eltern werden unsicherer und besorgter

Haben Sie das Gefühl, dass die Sorgen und Ängste der Eltern von heute zugenommen haben?

Nibras Naami: Ich glaube schon, dass Eltern heute unsicherer im Umgang mit kranken Kindern geworden sind. Das hat mehrere Gründe. Zum Beispiel leben heute deutlich weniger Großeltern in unmittelbarer Nähe der Familie. Eine Oma mit ihrem Erfahrungsschatz könnte in manchen Situationen Sorgen und Ängste nehmen. Auch die Erwerbsquote der Eltern hat zugenommen. Das ist auch total gut, gerade im Sinne der Gleichberechtigung. Das sorgt aber auch für weniger Zeit mit dem Kind und in manchen Situationen für größere Verunsicherung, wie viel Fieber noch auszuhalten ist oder ob der Husten nun wirklich ein Fall für den Kinderarzt ist.

Florian Babor: Vor Corona haben wir genau diese Verunsicherung auch in den Notaufnahmen der Kinderklinik stärker gespürt. Dort saßen schon manchmal Eltern mit ihren Kindern, die mit einem Wadenwickel im Bett deutlich besser aufgehoben wären als im Wartebereich der Klinik. Wir können mit unserem Podcast sicher nicht die Oma ersetzen. Aber vielleicht können wir mit gut vermitteltem Hintergrundwissen einen kleinen Beitrag dazu leisten, damit Eltern solche Situationen besser einzuschätzen wissen. Dieses Hintergrundwissen kann natürlich nicht nur „überflüssigen" Besuchen in der Notaufnahme vorbeugen, sondern eben auch für eine schnellere Reaktion bei wirklich ernsten Vorfällen sorgen.

In Ihrem Podcast widmen Sie sich nicht nur „leichten" Erkrankungen wie Grippe mit Fieber und „Hand, Fuß, Mund", sondern thematisieren auch schwere Erkrankungen wie Krebs oder Themen wie Gewalt gegen Kinder. War das von Anfang an geplant?

Nibras Naami: Absolut. Wir wollten nicht nur die häufigen Erkrankungen aufgreifen, sondern eben Dinge, die vielleicht nicht alle Eltern betreffen. Inzwischen wissen wir, dass auch Eltern, die nicht direkt betroffen sind, einen Einblick zu Themen wie akute Leukämie oder seltene Erkrankungen sehr schätzen. Das eigene Kind ist zwar im Moment gesund, aber bei manchen Symptomen werde ich einfach hellhörig und lasse sie doch genauer abklären.

Florian Babor: Ein anderes Beispiel ist die Folge zu Ertrinkungsunfällen bei Kindern. Die sind vielleicht nicht sehr häufig in Deutschland. Wenn wir aber nur einen solchen Unfall durch ein bisschen mehr Aufklärungsarbeit verhindern, haben wir schon viel erreicht.

Kollegen empfehlen Podcast weiter - „große Ehre"

Euer Podcast hat viele positive Bewertungen im Netz. Haben Sie mit so positivem Feedback der Hörer gerechnet?

Florian Babor: Wir haben uns anfangs überhaupt keine Gedanken um eine mögliche Reichweite gemacht. Entsprechend groß war dann die Freude, als wir gemerkt haben, dass wir doch ziemlich oft gehört werden und uns die Hörer auch aktiv Fragen stellen.

Nibras Naami: Viele haben uns auch geschrieben, dass unsere Folgen ihnen wirklich geholfen haben, als ihr Kind krank war. Mal, weil ihnen Ängste genommen wurden und mal, weil sie bewusster zum Kinderarzt gegangen sind. Manche Eltern haben uns auch geschrieben, dass sie unseren Podcast nun in der Kita oder in der Krabbelgruppe empfohlen haben. Das ist schon eine tolle Rückmeldung.

Gab es auch schon Rückmeldungen von den Medizinerkollegen?

Florian Babor: Tatsächlich sind die Rückmeldungen sehr positiv. Manche Kollegen haben sogar Flyer und Plakate unseres Podcasts in ihrer Praxis aufgehängt. Das ist für uns eine große Ehre.

Gibt es besondere Pläne für dieses Podcast-Jahr?

Nibras Naami: Wir wollen noch mehr Experten einladen und noch mehr Interviews führen. Von vielen Hörern kam auch schon der Wunsch, wir sollten doch auch mal ein Buch über Kinderkrankheiten schreiben oder Webinare anbieten. Solche Gedanken sind auch durchaus reizvoll. Natürlich wollen wir gleichzeitig weiterhin mit voller Kraft und Leidenschaft unserer Arbeit auf der Kinderkrebsstation nachgehen.

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