Birk Grüling

Bildungsjournalist, schreibender Papa, Spielplatzheld, Buchholz

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Artikel

Digitale Medien im Familienalltag: Weniger Handy, mehr Kind!

"Papa, warum schaust du ständig auf dein Telefon?" Mein dreijähriger Sohn blickt mich vorwurfsvoll an. Immerhin habe ich ihm eine Conni-Geschichte vor dem Aufbruch in die Kita versprochen. Vorher wollte ich meiner Frau nur kurz meine Gedanken zum Thema Staubsauger-Roboter senden. Das muss warten, jetzt wird erst mal vorgelesen, ganz klassisch, ganz analog. Natürlich ist mein Sohn kein Digitalisierungsgegner, schon gar nicht, wenn die Aussicht auf seine Lieblingsserie "Peppa Wutz" besteht. Ein, zwei Folgen auf Papas Handy, dazu eine Fruchtschnitte auf dem Sofa und der stressige Kindergartentag ist vergessen.

Wie uns geht es vielen Familien. Digitale Medien sind nicht mehr nur fester Bestandteil unseres Alltags, sie verändern ihn nachhaltig. Für junge Mütter ist das Smartphone in der Elternzeit oft der schnellste Kontakt nach draußen, wichtiger Ratgeber bei Fragen rund um Schlaf, Stuhlgang oder Stillen. Der digitale Familienkalender hilft, den Überblick zwischen Arztterminen, Bastelnachmittagen und Sportveranstaltungen nicht zu verlieren. Smartphone und Laptop ermöglichen es vielen Eltern, fle­xibler zu arbeiten, zu Hause präsenter zu sein, auch in der Woche mit zum Fußball, Tanzen oder Schwimmen zu kommen. Und das Wichtigste: Eine Folge "Peppa Wutz" ist für uns Eltern manchmal die einzige Möglichkeit, in Ruhe einen Kaffee zu trinken, den Abendbrottisch zu decken oder auf die Toilette zu gehen.

"Wir können uns vor der digitalen Welt nicht mehr verschließen. Umso wichtiger ist es, eigene Ansätze für den Umgang mit digitalen Medien innerhalb der Familie zu finden", sagt Patricia Cammarata, Podcasterin und Autorin des Buchs "Dreißig Minuten, dann ist aber Schluss! Mit Kindern tiefenentspannt durch den Medien­dschungel". Das ist alles andere als einfach. So präsent digitale Medien in unserem Leben sind, so groß ist auch die Unsicherheit - befeuert durch ein gern gebrauchtes Schreckensbild von Kleinkindern, die ständig vor dem Tablet geparkt werden und ihr kindliches Interesse an Natur, Freunden und Bewegung eingebüßt haben. Natürlich gebe es diese bedauerlichen Fälle, in denen Netflix zum Babysitter wird, sagt Cammarata, wie übrigens schon früher zu Zeiten des "normalen" Fernsehens. Das sei eher die Ausnahme als die Regel. Den meisten Eltern gelingt ein gesundes Maß. Dennoch macht es natürlich Sinn, seinen eigenen Medienkonsum regelmäßig zu hinterfragen, sich Grenzen zu setzen und damit ein Vorbild für das eigene Kind zu sein.

"Wenn ich als Mutter beim Stillen oder während des Mittagsschlafs auf mein Smartphone schaue, zerstöre ich keine Bindung. Präsent und aufmerksam muss ich dagegen sein, wenn ich zum Beispiel mit meinem Kind spiele oder es aktiv den Kontakt sucht", sagt sie. Blickt man in solchen Momenten tatsächlich regelmäßig auf das Smartphone, kann bei den Kindern durchaus das Gefühl entstehen, dieses Gerät sei wichtiger als sie selbst. Was ja auch Psychologen und Gehirnforscher inzwischen zuhauf bestätigt haben.

Umso sinnvoller sind deshalb digitale Freiräume im Familienalltag. Als Orientierung empfiehlt Cammarata ein einfaches Gedankenspiel: Stellt euch die Frage, wie ihr euch fühlen würdet, wenn sich euer Partner in dieser Situation mit seinem Smartphone beschäftigen würde. Mit dieser Faustregel wird es schnell klar: Beim gemeinsamen Essen sollte das Smartphone in der Tasche bleiben, genauso wie bei der Gutenachtgeschichte, bei den ausführlichen Erzählungen über die Abenteuer des Kita-Tages oder dem Bau einer Lego-Stadt. In solchen Momenten verdienen unsere Kinder Aufmerksamkeit und das Gefühl, ernst genommen zu werden. Und muss doch eine wichtige Mail beantwortet werden, sollte man dies seinem Kind erklären.

Augenmaß statt strenger Medienzeiten

Ein weitere wichtige Frage, die viele Eltern umtreibt, sind die Grenzen. Aus Sicht der Expertin ist Augenmaß statt strenger Medienzeiten gefragt. "Es ist völlig in Ordnung, wenn mein Kind auch mal selbst entscheidet, ob es nun zwei oder drei Episoden 'Peppa Wutz' schaut. So lernt es auch, sich selbst zu regulieren", sagt sie. Natürlich muss ich mich als Vater oder Mutter erst mal mit einer App oder einer Serie beschäftigen, um zu sehen, ob mein Kind vielleicht von Inhalten verunsichert wird oder andere Probleme auftreten.

Viel wichtiger als eine zeitliche Begrenzung ist ohnehin die Art der Nutzung. Es ist eben ein Unterschied, ob ich ein lustiges Katzenvideo schaue oder mich mit einer kreativen App beschäftige oder in einem Spiel etwas über den Weltraum erfahre. Je älter die Kinder werden, desto stärker lassen sich auch kleinere Projekte mit dem Smartphone oder Tablet umsetzen. Zum Beispiel könnte man auf dem Weg zur Kita alle roten oder blauen Gegenstände fotografieren und so die Farben erleben. Auch in die Natur lässt sich das Smartphone gut mitnehmen, zum Beispiel könnte man mal die Geräusche des Waldes oder Stimmen der Tiere aufnehmen. Ein positiver Nebeneffekt: Mama und Papa brauchen am Ende des Tages kein schlechtes Gewissen haben, dass der eigene Nachwuchs sich nicht genug bewegt oder zu wenig an der frischen Luft ist.

Buchtipp:

"Dreißig Minuten, dann ist aber Schluss! Mit Kindern tiefenentspannt durch den Mediendschungel" von Patricia Cammarata, Eichborn Verlag, 16 Euro.

Kaum ein Thema beschäftigt Eltern so sehr wie der Medienkonsum ihrer Kinder. Was? Warum? Ab wie vielen Jahren? Und was war gleich "Fortnite" noch mal? In ihrer typisch humorvollen Art beantwortet Patricia Cammarata die dringendsten Elternfragen zu moderner Medienerziehung: Wie lange sollen Kinder digitale Medien nutzen? Machen Videospiele aggressiv? Ist YouTube besser als Fernsehen? Wie wirkt sich Instagram auf die Körperwahrnehmung Pubertierender aus? Was mache ich, wenn mein Kind (virtuell) gemobbt wird?

Unsere Expertin:

Patricia Cammarata schreibt seit 2004 unter dasnuf.de, und das so erfolgreich, dass sie bereits mehrere Preise gewonnen hat. Ihr Buch "Sehr gerne, Mama, du Arschbombe" wurde ein Bestseller. Sie schreibt regelmäßig für den Elternratgeber "Schau hin!" über Kinder und digitale Medien, hält Vorträge und podcastet bei nur30min.de und mkl.wtf.

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