Birk Grüling

Bildungsjournalist, schreibender Papa, Spielplatzheld, Buchholz

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Pädagogik in Corona-Zeiten: Briefe aus der Kita

Erzieherinnen des Fröbel-Kindergartens Industriestraße schicken derzeit regelmäßig E-Mails an die Kinder, die nicht zu ihnen kommen dürfen. Etwa ein Pfannkuchen-Rezept samt Video-Anleitung zum Selberbacken, einen digitalen Aufruf, den Fußweg vor der Haustür mit "Alles-wird-gut"-Sonnen zu bemalen und Experimente: Die Kleinen sollen mit Spiegel, Papier und Stift herausfinden, warum man sich eigentlich im Spiegel verkehrt herum sieht.

Wie überall in Deutschland gibt es in der Hamburger Kita zurzeit nur eine Notfallbetreuung. Statt 160 Kinder wurden kurz nach der Schließung selten mehr als fünf betreut. Inzwischen zählen mehr Eltern zu den systemrelevanten Arbeitnehmern. Deshalb kommen nun knapp ein Dutzend Kinder wieder in die Kita, Tendenz steigend.

Um das Infektionsrisiko zu senken, haben die Erzieherinnen mehr Gruppen eingerichtet. Ein Pädagoge oder eine Pädagogin ist verlässlich für wenige Kinder zuständig. "Obwohl das viel Personal bindet, versuchen wir auch, den Kontakt zu allen anderen Kindern zu halten, die noch nicht wieder in den Kindergarten zurückkehren können", erklärt Hartwiga Kliefoth, in der Kita für pädagogische Qualitätsentwicklung zuständig.

Das Team versucht sich zum Beispiel als Videoblogger - mal aus dem Homeoffice, mal direkt aus den Gruppenräumen. Außerdem machen die Erzieherinnen regelmäßig eine Runde durch den Stadtteil und bringen selbst geschriebene Briefe zu den Kindern. Ein paar persönliche Zeilen, ein Lied, Ausmalbilder oder Bastelanleitungen. "Inzwischen warten die Kinder schon am Fenster auf die Kolleginnen. Ein kleiner Plausch mit Distanz ist immer drin oder wenigstens ein Winken", erzählt Kliefoth.

Mit ihrem Engagement ist die Hamburger Kita nicht allein, in ganz Deutschland versuchen Erzieherinnen über Briefe, Videos oder Morgenkreise als Videokonferenzen, mit den Kindern in Kontakt zu bleiben. Die Hoffnung all dieser Bemühungen: den Kindern etwas mehr Halt in der schwierigen Zeit zu bieten, die oft enge Bindung zu den Erzieherinnen aufrechtzuerhalten und vielleicht den gestressten Eltern nebenbei noch ein oder zwei gute Ideen zu liefern, um ihre Kinder zu beschäftigen.

Marc Urlen vom Deutschen Jugendinstitut hält das für einen sinnvollen Ansatz. "Wir erleben im Moment ein Umdenken in Sachen digitaler Medien. Viele Familien und Pädagogen entdecken ganz neue Nutzungsmöglichkeiten von Tablets und Co. und wenn es nur der Videoanruf bei den Großeltern oder Sandkastenfreunden ist", sagt der Medienexperte. Um den Kontakt zur eigenen Kita zu halten, eignen aus seiner Sicht vor allem bewegte Bilder. Denn sie haben einen entscheidenden Vorteil: Ein Video überträgt nicht nur die Stimme der Lieblingserzieherin, sondern auch ihre Mimik und Gestik. Genau das könne eine Entfremdung von den Bezugspersonen wenigstens etwas abmildern. Das funktioniere bei den Großeltern genauso gut wie bei der Bezugserzieherin, sagt Urlen. Vor allem wenn die Kinder schon ein bisschen älter seien. Auch die Erzieherinnen erleben es so: Während ein- bis zweijährige Krippenkinder noch wenig mit den Videos aus der Kita anfangen können, sei bei den Älteren die Freude über selbst gedrehte Bastelanleitungen oder Geburtstagsgrüße der Kita-Freunde deutlich größer.

Die Kinder müssen sich neu eingewöhnen

Ein positiver Nebeneffekt der Anstrengungen ist, dass viele Erzieherinnen im Moment selbst viele neue Ideen ausprobieren. Davon könnte die digitale Bildung im Kindergarten immens profitieren - wenn irgendwann die Normalität in den Kita-Alltag zurückgekehrt ist. Großartige Bildungseffekte könne man aber in der aktuellen Situation über die wenigen Angebote nicht erwarten. Die Kinder lernen durch Nachahmen und Ausprobieren in der Gruppe - ein Video allein reicht nicht aus. Außerdem werden digitale Morgenkreise oder Videogrüße der Lieblingserzieher kaum ausreichen, allen Kindern einen reibungslosen Wiedereinstieg nach einigen Monaten ohne Kita zu ermöglichen.

Diese Einschätzung teilt auch Rahel Dreyer von Alice Salomon Hochschule in Berlin. "Je länger die Kitas geschlossen bleiben, desto größer wird die Umstellung, desto schwieriger wird die Rückkehr. Inzwischen müssen wir davon ausgehen, dass eine große Zahl von Kindern eine neue Kita-Eingewöhnung brauchen wird", erklärt die Professorin für und Entwicklungspsychologie der ersten Lebensjahre. Und das gelte nicht nur für die kleinen Krippenkinder.

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