Birk Grüling

Bildungsjournalist, schreibender Papa, Spielplatzheld, Buchholz

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Artikel

Was Eltern in Corona-Zeiten wirklich brauchen

Wenige Zeilen in den Leopoldina-Empfehlungen, ein Nebensatz in der Erklärung der Kanzlerin, ein paar dankende Worte des Bundespräsidenten: Angesichts solch bescheidener Aufmerksamkeit verwundert es kaum, dass der Unmut der Eltern wächst. Während Baumärkte und Autohäuser wieder geöffnet haben, bleiben Spielplätze geschlossen. Und in den Kitas gibt es nur eine Notfallbetreuung - vielleicht sogar bis August, vielleicht auch länger.

Doch schon jetzt, nach sechs Wochen Corona-Lockdown stoßen viele Familien an die Grenzen der Belastbarkeit. Kein Wunder: Arbeit, Kinderbetreuung oder Homeschooling und der Haushalt müssen unter einen Hut gebracht werden. Dazu kommen oft noch finanzielle Sorgen durch Kurzarbeitergeld oder sogar der Jobverlust. Unter dem Hashtag #CoronaEltern fordern Mütter und Väter von der Politik deshalb mehr Unterstützung - zur Entlastung der Familien und zum Wohle der Kinder. Doch wie könnte eine solche Unterstützung in der Praxis aussehen? Eine Nachfrage bei drei Experten.

Erster Anruf: Ralf Reintjes, Professor für Epidemiologie an der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Hamburg.

Im Moment wäre aber eine Rückkehr zu einem normalen Kita- und Schulalltag wie eine Autofahrt bei starkem Nebel. Das kann gut gehen, es kann aber auch richtig knallen.

Die Forschung der Epidemiologen liefert auf den ersten Blick keine konkreten Unterstützungsangebote. Trotzdem sind ihre Erkenntnisse für uns Eltern immens wichtig. Denn sie werden in den nächsten Wochen über die Öffnung von Kitas und auch Spielplätzen mit entscheiden. Immerhin blicken sie nicht auf das Virus und seine Aminosäuren, sondern interessieren sich vor allem für die Wege der Infektion. Also kann ich mich an einem Einkaufswagen mit Corona infizieren, wie relevant sind Kinder als Überträger der Krankheit oder hat die Art der Ansteckung auch Einfluss auf den Verlauf der Krankheit?

Die Antworten auf diese Fragen haben ganz entscheidenden Einfluss auf unser Leben in den nächsten Monaten. „Wir brauchen mehr wissenschaftliche Erkenntnisse über die Verbreitung von Corona, um wirklich fundierte Entscheidungen über Lockerungen oder gar eine teilweise Rückkehr zur Normalität treffen zu können", erklärt Ralf Reintjes, Professor für Epidemiologie an der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Hamburg.

Virus-Welle durch Schulen und Kindergärten?

Ein für Eltern spannendes Beispiel: Wir wissen, dass Schulen und Kindergärten bei einer Influenza-Welle einen großen Anteil an der Verbreitung haben. Ähnliche Befürchtungen beim Coronavirus sind ein wesentlicher Grund für die derzeitige Schließung von Kitas und Schulen. So lange es kaum aussagekräftige Studien zur Überträgerrolle von Kindern gibt, müssen sich Eltern wohl noch in Geduld üben. Immerhin gibt es erste Indizien dafür, dass sie nicht nur weniger häufig und weniger stark von Corona betroffen sind, sondern vielleicht auch eine geringere Rolle bei der Übertragung spielen könnten.

Gebe es aber wissenschaftlich-belastbare Aussagen zum Risiko, wäre eine Entscheidung über die Schließung oder Öffnung von Kitas und Grundschulen deutlich leichter. „Im Moment wäre aber eine Rückkehr zu einem normalen Kita- und Schulalltag wie eine Autofahrt bei starkem Nebel. Das kann gut gehen, es kann aber auch richtig knallen", warnt Reintjes.

Genau deshalb sollte es aus seiner Sicht bei jeder noch so kleinen Lockerung auch eine wissenschaftliche Begleitung geben, die untersucht, welche Auswirkungen die jeweilige Maßnahme auf die Infektionszahlen hat. So könnte man zum Beispiel Familien, die ihre Kinder zu Hause betreuen mit jenen vergleichen, deren Nachwuchs regelmäßig in die Notfallbetreuung geht. Aber solange entsprechende Studien fehlen, bleibt der Spagat zwischen Lockerung und langfristiger Einschränkung aus Sicht der Epidemiologen schwierig.

Immerhin kann jeder voreilige Schritt zurück zur Normalität dazu führen, dass es eine zweite Infektionswelle und damit einen unkontrollierten Anstieg der Erkrankungen gibt. In diesem Fall wäre eine Kontrolle der Situation deutlich schwieriger als heute und ein Ausmaß der Pandemie wie in New York oder Norditalien auch in Teilen von Deutschland denkbar.

Zweiter Anruf: Katharina Spieß, Professorin für Bildungs- und Familienökonomie an der Freien Universität Berlin und Leiterin der Abteilung Bildung und Familie am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung.

Ich habe das Gefühl, wir führen eine öffentliche Diskussion in Extremen - komplette Schließung oder Normalbetrieb. Dabei wäre für die meisten Familien schon eine Zwischenlösung eine große Entlastung.

Bei Eltern stößt vor allem eine Forderung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung auf viel Gegenliebe - die Einführung einer Corona-Elternzeit samt Elterngeldes analog zu der normalen Variante nach der Geburt. Dieser Ansatz basiert auf einem einfachen Dreiklang aus Bedürfnissen von Familien: Zeit, Infrastruktur und Geld.

Alle drei sind im Moment mehr oder weniger stark beansprucht. „Wir sehen, dass viele Eltern im Moment gleich mehrere Fulltime-Jobs zu erledigen haben. Sie müssen arbeiten, sich um Essen und Haushalt und um eine sinnvolle Beschäftigung für die Kinder kümmern", sagt Katharina Spieß. Und das sei nicht auf Dauer durchzuhalten.

Corona-Elternzeit als Lösung?

In vielen Familien kommen auch noch finanzielle Sorgen dazu - zum Beispiel durch Kurzarbeitergeld oder den Wegfall von Einnahmen. Eine große Entlastung wäre aus Sicht der Professorin für Bildungs- und Familienökonomie deshalb die Einführung der Corona-Elternzeit samt finanzieller Unterstützung und einer Garantie auf Rückkehr in den Job. „Dadurch würden wir den Familien in den Bereichen Zeit und Geld Luft verschaffen. Zum Beispiel könnten Mütter oder Väter Stunden reduzieren und sich stärker um die Familie kümmern, ohne zu große finanzielle Einbußen zu haben", sagt Spieß.

Parallel dazu empfiehlt die Expertin auch eine bedachte Öffnung der Kindertagesstätten - in kleinen Gruppen, Schichtbetrieb und vielleicht nur tageweise. Das würde nicht nur die Eltern entlasten, sondern den Kindern auch den Kontakt zu Gleichaltrigen ermöglichen und dabei helfen, Bildungschancen zu wahren. „Ich habe das Gefühl, wir führen eine öffentliche Diskussion in Extremen - komplette Schließung oder Normalbetrieb. Dabei wäre für die meisten Familien schon eine Zwischenlösung eine große Entlastung", so Spieß weiter.

Dritter Anruf: Rahel Dreyer, Professorin für Pädagogik und Entwicklungspsychologie der ersten Lebensjahre an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin

Das soziale Leben der Kinder ist im Moment in einem Maße eingeschränkt, dass wir die Folgen für die sozial-emotionale Entwicklung und das Gemeinschaftsgefühl der Kinder nicht absehen können.

Natürlich wäre für die meisten Familien eine ganztägige Betreuung der Kinder die größte Entlastung. Doch der Weg zu einer solchen Normalität ist vermutlich noch lang. Schon allein, weil niemand weiß, welche Folgen eine schnelle Wiedereröffnung für die Corona-Fallzahlen hätte. Deshalb plädiert Rahel Dreyer für eine schrittweise Rückkehr mit Bedacht. „Denkbar wären kleine Gruppen von fünf Kindern, die im Schichtbetrieb von konstanten Bezugspersonen betreut werden", beschreibt die Professorin für Pädagogik und Entwicklungspsychologie der ersten Lebensjahre einen möglichen Ansatz.

Durch großzügige Nutzung von Räumen und Außengeländen könnte auch ein Kontakt der Gruppen verhindert werden. Ein Modell übrigens, das inzwischen auch von vielen Eltern im Netz mit großem Interesse aufgenommen wird. Gleichzeitig muss es auch weiterhin genug Angebote und Plätze für alle Familien geben, die eine vollständige „Notfallbetreuung" benötigen - weil die Eltern in systemrelevanten Berufen arbeiten oder weil die Familienverhältnisse so schwierig sind und Entlastung durch die Kita dringend nötig ist.

Bei der Ausweitung der Betreuungsangebote - stundenweise oder in Vollzeit - geht es übrigens längst nicht (nur) um die Entlastung der Eltern oder die Möglichkeit mehr Arbeit im Homeoffice zu erledigen - auch wenn in der öffentlichen Diskussion dieser Aspekt schnell in den Vordergrund rückt.

Lernen durch soziale Kontakte entfällt

Noch wichtiger erscheint aus der Sicht der Erziehungswissenschaftlerin die Entwicklung der Kinder. „Das soziale Leben der Kinder ist im Moment in einem Maße eingeschränkt, dass wir die Folgen für die sozial-emotionale Entwicklung und das Gemeinschaftsgefühl der Kinder nicht absehen können", sagt Dreyer. „Dazu kommt, dass Kinder vor allem durch soziale Kontakte, gemeinsames Spielen und Bewegung und das Entdecken der Welt mit Gleichaltrigen lernen und wachsen."

Zusätzliche Entlastung könnte auch die schrittweise Öffnung von Angeboten für Familien sein - von Spielplätzen bis zu Tierparks oder Büchereien. Erste Ansätze dafür gibt es bereits: In Berlin öffnen am 30. April die Spielplätze wieder.

Außerdem ist bald in mehreren Bundesländern eine nachbarschaftliche Betreuung von Kindern möglich. Eine mögliche Idee: Familien teilen sich die Kinderbetreuung, das Einkaufen oder Kochen gerecht auf und entlasten sich so gegenseitig. „Aus meiner Sicht wäre ein Strauß aus Angeboten die beste Übergangslösung. So kann jede Familie selbst entscheiden, was sie braucht - von einer vollen Notfallbetreuung bis zu einer Betreuung an zwei Vormittagen pro Woche, kombiniert mit einer finanziellen Unterstützung durch Corona-Elterngeld", sagt Dreyer. Gleichzeitig betont sie, dass all diese Maßnahmen nur eine Übergangslösung sein können und eine schrittweise Rückkehr zur Normalität immer oberste Priorität haben sollte.

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