Birk Grüling

Bildungsjournalist, schreibender Papa, Spielplatzheld, Buchholz

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Schule nach Sommerferien: An normalen Schulalltag ist nicht zu denken

Am 23. April öffnen die Schulen in Nordrhein-Westfalen wieder. Von einem normalen Schulalltag sind wir trotzdem noch weit entfernt. Im ersten Schritt dürfen nämlich nur die Abiturienten kommen. Und zwar auf freiwilliger Basis. Die allgemeine Schulpflicht bleibt weiterhin ausgesetzt. Es geht eher darum, dem Abijahrgang für die am 12. Mai beginnenden Prüfungen letzte Unterstützung anzubieten. Dieses Angebot gilt nur für die vier prüfungsrelevanten Abiturkurse. Richtigen Unterricht wird es in dieser Zeit also nicht geben. Stattdessen bilden wir kleine Kurse mit fünf bis zehn Schülern und verteilen die Termine gut über die Woche. So sind nie viele Schüler gleichzeitig im Gebäude und die Abstandsregeln könnten ohne größere Probleme eingehalten werden. Einen passenden Stundenplan arbeiten wir im Moment aus. Wie viele Schüler dieses Angebot nutzen werden, weiß niemand.

Wiedereröffnung: Verstärkter Onlineunterricht

Ab dem 4. Mai sollen nach und nach weitere Jahrgänge folgen - mit geringerer Stundenzahl und geändertem Stundenplan. Auf genaue Informationen zum Ablauf warten wir noch. Auch die bisherige Notfallbetreuung liefert dazu kaum Erfahrungswerte. Wir hatten nur eine Handvoll Schüler gleichzeitig in der Betreuung. Ob sich auch das in den nächsten Wochen ändert, lässt sich nur schwer sagen. Abstand zu wahren war bisher aber kein Problem. Ab Mai wird es wohl auf halbe Klassen, einer Fokussierung auf die Hauptfächer und verstärkten Onlineunterricht und Lernen mit Wochenplan hinauslaufen. Theoretisch sind sogar Klassenarbeiten abseits der Abschlussprüfungen geplant. Wir sind als Lehrkräfte darauf vorbereitet. Ob wirklich noch Klassenarbeiten geschrieben werden, steht aber in den Sternen. Das Sitzenbleiben wird in diesem Jahr nun wahrscheinlich für alle Jahrgänge hier bei uns in NRW ausgesetzt.

Homeschooling: Schüler haben sehr unterschiedliche Voraussetzungen

Auch inhaltlich wird der Übergang vom Homeschooling zu "regulärem" Unterricht eine große Umstellung. Uns allen ist klar, dass wir nicht streng nach Lehrplan weitermachen können, sondern uns eher auf interessante Projekte oder Übungen konzentrieren müssen. Dafür sind auch die Voraussetzungen der Schüler einfach zu unterschiedlich. Manche haben vielleicht sehr viel gelernt, andere konnten sich kaum den geschickten Aufgaben widmen. Das ist auch in Ordnung: Niemand kann von einem Neuntklässler erwarten, dass er sich die Vererbungslehre im Selbststudium erarbeitet. Wir lassen die Schüler im Moment selbst kleinere Experimente machen oder Aufsätze schreiben. Das kennen die Schüler und können es selbst erledigen - auch ohne Unterstützung der Eltern. Die sind durch Corona eh schon angespannt genug und sollten im Idealfall nicht noch Homeschooling übernehmen.

Coronavirus: Immer informiert

Begrenzte Schultoiletten: Hygieneregeln als Herausforderung

Meine persönliche Einschätzung: Bis zum Beginn der Sommerferien Ende Juni wird nicht mal ein Hauch von Normalität in unserer Schule herrschen. Und selbst wenn, dann ist jede Form von Alltag sehr fragil. Ein einziger Corona-Fall im Kollegium oder der Schülerschaft reicht aus, um die Schule auf unbestimmte Zeit zu schließen. Dazu kommen viele offene Fragen wie zum Beispiel zu den Hygieneregeln. In der Oberstufe mit den kleineren Kursen und älteren Schülern mag das Abstandhalten und Maskentragen noch funktionieren. Mal ganz abgesehen davon, dass Schutzkleidung ohnehin Mangelware ist. Wie eine fünfte oder sechste Klasse nach so langer Zeit ohne die Klassenkameraden den Abstand wahren soll, ist für mich ein Rätsel. Die Kinder vermissen natürlich ihre Freunde und wollen nun wieder mit ihnen spielen und toben. Und regelmäßiges Händewaschen - wenn auch mit halben Klassen - erscheint mir bei der begrenzten Zahl von Schultoiletten eher schwierig.

Notbetreuung: Viele ungeklärte Fragen

Wie der Ausbau der Notfallbetreuung aussehen soll, wenn wieder mehr Eltern arbeiten müssen, ist ebenfalls unklar. Sämtliche Sportangebote fallen aus, AGs können nur mit Abstand stattfinden. Wie sieht es mit dem Mittagessen aus? Auch Regelungen zu Lehrkräften, die zu den Risikogruppen zählen oder selbst kleine Kinder im Kita-Alter betreuen müssen, gibt es bisher nicht. Zu all diesen Fragen sollen in den nächsten Tagen weitere Handlungsanweisungen vom Ministerium folgen. Wir als Schulleitung sehen inzwischen davon ab, uns selbst Ideen und Konzepte zum rechtlichen und formellen Rahmen zu überlegen. Die Vorgaben und Regelungen verändern sich ohnehin wöchentlich, manchmal sogar täglich. Wir konzentrieren uns lieber auf den Austausch mit Eltern, Kindern und Kollegen. Vielleicht sorgen diese vielen Fragenzeichen auch dafür, dass sich meine Angst vor einer Ansteckung im Klassenzimmer bisher in Grenzen hält. Der wöchentliche Besuch im Supermarkt und in den wiedereröffnenden Geschäften ist wahrscheinlich nicht weniger "risikoreich" als die teilweise Öffnung der Schulen.

In Kontakt bleiben: Aufgabenverteilung über Mailverteiler hat sich bewährt

Ein kompletter Umstieg auf Onlineunterricht wäre aus meiner Sicht auch keine Alternative. Gerade in den unteren Klassen fehlt es den Kindern oft an den technischen Möglichkeiten und dem Wissen, um unsere Cloud-Angebote zu nutzen. Deshalb sind wir dazu übergangen, Aufgaben über Mailverteiler zu verschicken. In meinen Klassen in den unteren Jahrgängen melden sich ungefähr 20 Prozent aller Schüler freiwillig zurück und senden mir ein Foto oder eine Ausarbeitung von den Aufgaben. Deutlich intensiver ist mein Austausch mit meinen Leistungskursschülern, die im nächsten Jahr Abitur machen wollen. Hier verschicke ich fast täglich Materialien. Außerdem machen wir regelmäßig Videokonferenzen. Immer mit fünf Schülern bespreche ich dabei Aufgaben und Fragen. Echter Unterricht ist so aber nicht möglich.

Umso größere Sorgen mache ich mir um mögliche Wissenslücken meiner Schüler. Der aktuelle Abiturjahrgang hatte ja schon 95 Prozent der Inhalte durchgenommen, als die Corona-Schließung kam. Der nächste Jahrgang verpasst durch die Schulschließungen deutlich mehr Stoff. Deshalb sollte unser Hauptaugenmerk auch auf diesen Schülern liegen. Es braucht gute Ideen, wie wir mit den verpassten Inhalten und den Abiprüfungen umgehen können. Ein Ende ist schließlich nur theoretisch in Sicht. Ohne Impfstoff oder wirksame Corona-Medikamente halte ich die Hoffnung für verfrüht, dass nach den Sommerferien in unseren Schulen wieder Normalität herrscht.

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