Birk Grüling

Bildungsjournalist, schreibender Papa, Spielplatzheld, Buchholz

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Wie Kinder die Natur mit dem Smartphone entdecken

Eine Klarstellung zu Beginn: Kinder brauchen kein Smartphone, um sich für die Natur zu begeistern. Das spüre ich als Vater täglich. So sehr mein Sohn die Abenteuer von Peppa Wutz oder kleine Malspiele in der Elefanten-App schätzt, die Aussicht auf eine Runde Laufrad an der frischen Luft oder das Buddeln im Garten lässt jedes Display vergessen. Fast scheint es, als wäre uns die Faszination für den Wald oder die Tiere im eigenen Garten in die Wiege gelegt worden.

Anschaulich die Natur digital erleben - ein Widerspruch?

Nichtsdestotrotz lässt sich die Natur mit einem Smartphone auf spannende Weise entdecken. Einen passenden Trendbegriff dafür gibt es auch schon - "Digital Nature Studies". Ein kleines Beispiel für Anschaulichkeit: In unserem Garten hängt ein Vogelhäuschen. Im Baumarkt entschieden wir uns bewusst gegen die 200 Euro teure Variante mit Bluetooth-Kamera. Sie war mir A) zu teuer und B) haben auch Meisen ein Anrecht auf Privatsphäre. Nun war die Brutzeit vorbei, das Vogelhäuschen verweist. Wie sieht es im Inneren eines Vogelhäuschen aus, wenn die Meisen ausgezogen sind? Diese Frage beschäftigte meinen Sohn und mich. Leider ließ sich das Häuschen nicht öffnen. Die Lösung: Wir haben uns eine Endoskop-Kamera für das Smartphone ausgeliehen. Mit diesen Kameras schauen Mediziner und Techniker normalerweise in schwer zugängliche Öffnungen. Wir haben ein Blick ins Vogelhäuschen geworfen. Zu sehen waren viel Moos und viele Äste. Klingt vielleicht nicht sehr spektakulär, aber wir sind sicher, dass im letzten Jahr Meisen im Garten gebrütet haben.

Technik ersetzt keine Naturerfahrungen, sondern ergänzt sie

Auch Benjamin Wockenfuß, Leiter des Präventionsprojekt "DigiKids", sieht durchaus Potenzial in der "digitalen Naturkunde". "Natürlich ersetzt digitale Technik allein keine Naturerfahrungen. Sie kann sie aber sinnvoll ergänzen oder zusätzliche Anreize für Ausflüge in die Natur schaffen", sagt er. Als Pädagoge gibt er regelmäßig Digitale-Medien-Fortbildungen für Erzieherinnen und Lehrkräfte - auch im Wald oder im Kita-Garten. Sein Rat: Die Naturerlebnisse sollten an erster Stelle stehen. Wer mit Kindern in den Wald geht, braucht keinen festen Plan oder ein bestimmtes Forschungsziel. Die Natur bietet von sich aus genug Abenteuer und Erkenntnisse. Auf Bäumen herumklettern, an Tannenzapfen riechen oder die Geräusche des Waldes genießen, lässt sich am besten ohne Smartphone in der Hand.

Tierstimmen aufnehmen und Spuren fotografieren

"Nichtsdestotrotz ist das Smartphone ein gutes Werkzeug für Nachwuchsnaturforscher", sagt er. So ließen sich damit zum Beispiel Tierstimmen aufnehmen oder Spuren fotografieren. Auch Apps zur Bestimmung von Tieren und Pflanzen sind bei Familien sehr beliebt. Und mit einem kleinen Mikroskop für das Smartphone können die Kinder Fundstücke wie Blätter, kleine Knospen oder Käfer gleich an Ort und Stelle untersuchen. Dank Video und Fotofunktion können die Nachwuchsforscher ihre Erkenntnisse später mit ihren Geschwistern oder Großeltern teilen. Um die eigentliche Naturerfahrung nicht zu stark zu trüben, rät Wockenfuß aber zu "Begrenzungen". Zum Beispiel könnte man nur zehn, aber dafür besonders schöne Bilder vom Wald machen oder gesammelte Blätter und Tannenzapfen erst zu Hause unter das Mikroskop legen. Ob nun voll digital ausgerüstet oder bewusst analog - einen zusätzlichen, sehr positiven Nebeneffekt hat jeder Ausflug in die Natur. Die Zeit im Grünen ist gut für Körper und Geist. Schon 20 Minuten im Wald sorgen für viel Entspannung und senken deutlich unser Stresslevel. Noch ein Nachtrag zum Vogelhäuschen: Inzwischen sind wieder neue Meiseneltern eingezogen. Im Moment fliegen sie ein und aus und bereiten sich mit Moos und Ästen auf den neuen Nachwuchs vor. Mit der Endoskop-Kamera lassen wir sie deshalb in Ruhe. Ihr reges Treiben fasziniert meinen Sohn auch so - fast täglich beobachtet er begeistert die Vögel - ganz analog und ohne Ablenkung.

Digitale Ausrüstung für kleine und große Naturforscher

Mit dem Smartphone kann man nicht nur tolle Natur-Bilder machen oder Pflanzen bestimmen, sondern auch zum echten Naturforscher werden. Dafür braucht man nur passendes Equipment. Meine beiden Favoriten sind

Endoskop: Mit einem Endoskop untersuchen Ärzte das Innere unseres Körpers. Auch Techniker nutzen die kleinen Kameras, um in Hohlräume zu blicken. In der Natur lassen sich damit zum Beispiel Baumhöhlen oder verlassene Vogelhäuschen untersuchen. Das Bild von der Kamera wird direkt auf das Smartphone übertragen - entweder per USB oder WIFI. Kostenpunkt für eine einfache Endoskop-Kamera: etwa 30 Euro.

Mikroskop: Profi-Biologen verbringen viel Zeit vor dem Mikroskop. Auch für Kinder ist der stark vergrößerte Blick auf Blattstrukturen oder Insektenflügel sehr interessant. Per USB oder WIFI wird das vergrößerte Bild direkt auf das Smartphone übertragen. Das ist gerade für kleine Kinder praktisch: Mama oder Papa stellen das Mikroskop ein und die Kinder können bequem am Bildschirm beobachten. Ein einfaches USB-Mikroskop kostet etwa 30 Euro.

Meine drei Lieblingsapps für den Familien-Ausflug in die Natur

NABU-Vogelführer: Die Faszination für die Vogelkunde erschließt sich mir persönlich bis heute nicht. Gerade so kann ich die Amsel, die Meisen und das Rotkehlchen in unserem Garten auseinanderhalten. Für den Rest brauche ich einen digitalen Spickzettel. Und mein Sohn will ständig wissen, welcher Vogel da gerade singt oder durch unseren Garten hüpft. In den digitalen Vogelführer des Naturschutzbundes (NABU) gebe ich einfach die Merkmale des Vogels ein und bekomme passende Vögel genannt. Die App bietet die Steckbriefe für 250 heimische Vogelarten. Dazu kommen die Stimmen von den 40 häufigsten Gartenvögeln. Die App ist kostenlos und für alle gängigen Betriebssysteme verfügbar.

Waldfibel: Der Wald ist wenige Fahrradminuten von uns entfernt und ein entsprechend beliebtes Ausflugsziel für die ganze Familie. Natürlich gibt es dort auch ohne Smartphone viel zu entdecken. Aber die Waldfibel lädt doch zu netten Spielereien ein. Zum Beispiel kann man die Höhe des Baumes messen oder sich verschiedene Tierstimmen anhören. Außerdem erfährt man viel über die Tiere im Wald oder die Aufgaben eines Försters. Die kostenlose App wurde vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft entwickelt und ist für Android und iOS verfügbar.

Naturblick: Auch die Bestimmung von Pflanzen ist nicht meine Stärke. Vom Biologie-Unterricht ist einfach zu wenig hängen geblieben. Aber zum Glück gibt es die kostenlose App "Naturblick" des Museums für Naturkunde in Berlin. Das Prinzip ist so simpel wie genial. Ich mache ein Foto von einer Pflanze und bekomme in Sekundenschnelle eine Bestimmung. Auch Vogelstimmen lassen sich automatisch zuordnen. Voraussetzung ist nur eine stabile Internetverbindung. Die Trefferwahrscheinlichkeit zeigt die App durch farbige Balken an. Noch ein Bonus: Mit jeder Anfrage an die App können die Forscher Daten über die Artenvielfalt in Deutschland sammeln.

Unser Experte

Benjamin Wockenfuß ist Social Media Manager und Suchttherapeut. Er lebt mit seiner Frau und drei Söhnen in Bonn. Benjamin leitet das Projekt "DigiKids" der Hessischen Landesstelle für Suchtfragen. Als Speaker, Dozent und Co-Worker ist er bundesweit unterwegs. wknfss.de

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