Birk Grüling

Bildungsjournalist, schreibender Papa, Spielplatzheld, Buchholz

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Artikel

Corona: "Ich trage keinen Mundschutz oder Handschuhe"

Im Moment kommen nur wenige Kinder in die Notfallbetreuung unserer Kita. Selten sind es mehr als vier oder fünf und das, obwohl inzwischen deutlich mehr Eltern Anspruch darauf hätten. Anfangs mussten noch Mutter und Vater in systemrelevanten Berufen arbeiten, inzwischen genügt ein Elternteil. Von den 90 Kindern unserer Kita könnten theoretisch 28 kommen. Umso dankbarer sind wir, dass die meisten Eltern eine andere Lösung finden konnten.

Auflagen wie "Abstand zu halten" oder "häufiges Händewaschen" umzusetzen, wäre in einer vollen Kita deutlich schwieriger als im Moment. Auf der anderen Seite sehen wir alle die Notfallbetreuung als eine sehr wichtige Aufgabe an. Alle Kinder, die von uns "notbetreut" werden, haben Eltern, die in Krankenhäusern arbeiten und quasi täglich gegen die Corona-Pandemie kämpfen. Durch unsere Arbeit ermöglichen wir ihren Einsatz.

Kinder verstehen keine Abstandsregeln

Wir versuchen, für die Kinder so viel Alltag wie möglich zu schaffen. Von unserem Träger haben wir Handlungsempfehlungen bekommen - möglichst viel Abstand, möglichst wenig kuscheln, möglichst viel Händewaschen. Natürlich sind die nicht immer umsetzbar. Ich trage genau wie der Rest des Teams bei der Arbeit keinen Mundschutz oder Handschuhe.

Auch beim Spielen, Vorlesen oder Trösten kann ich nicht immer 1,5 Meter Abstand halten. Das würden die Kinder nicht verstehen und das entspricht auch nicht meinem Verständnis vom Erziehersein. Angst, mich anzustecken, habe ich eigentlich nicht. Das Risiko ist wahrscheinlich auch nicht viel größer als beim Einkaufen oder beim Bahnfahren.

Trotzdem nehme ich die Situation natürlich ernst. Immerhin habe ich ein kleines Baby zu Hause und meine Mutter gehört selbst zur Risikogruppe. Das heißt ich wasche und desinfiziere mir so oft wie möglich die Hände. Und ich versuche, ein paar Situationen zu vermeiden - zum Beispiel gehen wir im Moment nicht an die Kletterwand im Toberaum. Dort müsste ich die Kinder sonst festhalten und sichern und das bedeutet engen Körperkontakt. Aus meiner Sicht ist es ganz wichtig, den Kindern zu erklären, warum wir im Moment etwas weniger kuscheln und dafür häufiger die Hände waschen.

Wir sprechen daher im Morgenkreis fast täglich über Corona, auch, um die vielen Fragen der Kinder etwas aufzufangen. Sie beschäftigt das Thema schließlich auch. Eine Anekdote: Ein 4-jähriges Mädchen sagte uns ganz betrübt, dass der Osterhase dieses Jahr nicht kommen würde. Schließlich seien alle Grenzen geschlossen. Diese Angst konnten wir ihr zum Glück nehmen.

Per Mail verschicken wir regelmäßig Bastelanleitungen, Spieltipps oder Videogrüße von den Kollegen.

Pietro, Erzieher

Ansonsten versuchen wir, die Kinder bestmöglich zu beschäftigen. Morgens frühstücken wir gemeinsam, dann machen wir einen Morgenkreis. Für den Tag überlegen wir uns ein paar besondere Aktivitäten. Besonders gut kam zum Beispiel das Aufräumen der Kita an. Wir haben endlich mal unsere ganzen Schränke und Fächer ausgemistet und alles in einen großen Container geworfen. Dabei halfen uns die Kinder mit großer Leidenschaft. Natürlich basteln wir auch viel, tanzen, lesen vor, gehen in den Forscherraum oder sind bei diesem schönen Wetter viel draußen - je nachdem, worauf die Kinder Lust haben. Wir können in dieser Zeit viel stärker auf die Wünsche eingehen. Es sind ja immer drei Pädagogen da. Ich habe den Eindruck, dass die Kinder diese ungeteilte Aufmerksamkeit und größeren Freiheiten schon genießen, auch wenn sich Langweile manchmal nicht vermeiden lässt. Immerhin fehlen ja die Freunde und Altersgenossen. Die können wir nur bedingt ersetzen.

Bastelanleitungen per Mail

Wenn wir nicht in der Notbetreuung eingesetzt werden, dürfen wir im Homeoffice arbeiten. Das Ministerium schreibt inzwischen eine Notbesetzung durch eine Leitung, einen Erzieher und eine Ergänzungskraft - also Erzieher in Ausbildung oder sozialpädagogischer Assistent - vor. Anfangs musste noch das ganze Team kommen. Nur eine ältere Kollegin wurde gleich als Teil der Risikogruppe freigestellt. Richtig nutzen können wir die Zeit im Homeoffice nicht. Aus Datenschutzgründen dürfen wir zum Beispiel die Entwicklungsgespräche und Bildungspläne für einzelne Kinder nur in der Kita vorbereiten. Ich bin deshalb schon dazu übergegangen, mir kleine Projekte für das neue Kita-Jahr zu überlegen, Kronen für neue Kinder in der Eingewöhnung zu basteln oder Einladungen für Elternabende oder Sommerfeste zu schreiben. Außerdem versuchen wir, mit unseren Familien in Kontakt zu bleiben. Per Mail verschicken wir regelmäßig Bastelanleitungen, Spieltipps oder Videogrüße von den Kollegen. Zu Ostern werden wir ein kleines Geschenk an alle Kinder verschicken - etwas Süßes, ein kleines Ausmalbild. Damit wollen wir ihnen zeigen, dass wir weiter an sie denken. Schließlich weiß niemand von uns, wann die Normalität zurückkehrt.

Auch wie gut die Rückkehr zur Kita-Normalität klappt, lässt sich heute kaum sagen. Aber je länger die Kitas geschlossen haben, desto größer wird die Umstellung für uns alle. Ich könnte mir gut vorstellen, dass wir einige Kinder "neu eingewöhnen" müssen. Immerhin hat der Kita-Alltag deutlich mehr Struktur und Regeln und weniger Freiheiten als der Corona-Alltag in vielen Familien. Es gibt bei uns keine Sendung mit der Maus vor dem Mittag oder keine Turnstunde des Basketballvereins. Außerdem müssen sich die Kinder erstmal wieder in ihrer Gruppe zurechtfinden. Das wird keine leichte Aufgabe für uns Pädagogen und für die Eltern. Ich hoffe, dass wir auch dann noch so viel Dankbarkeit und Respekt für unsere Arbeit seitens der Eltern bekommen wie dieser Tage. Aber wahrscheinlich ist nach dem ersten Gespräch über das plötzlich ganz andere Verhalten des Kindes die Wertschätzung schnell wieder verflogen.

Pietro* (30) ist Erzieher in einer Kindertagesstätte im Ruhrpott. Seinen Namen haben wir geändert.

RND/Protokoll von Birk Grüling

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