Birk Grüling

Bildungsjournalist, schreibender Papa, Spielplatzheld, Buchholz

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Kindererziehung: Und ab diesem Moment ist Man(n) Papa

Hamburg. Draußen vor der Tür gibt es kaum noch Parkplätze, die Wagen stehen bereits in zweiter Reihe. Nein, keine schweren SUVs, sondern Kinderwagen. Gleich neun Männer samt Nachwuchs haben sich an diesem kalten Januarmorgen zum Frühstück des Hamburger Vereins Väter e.V. eingefunden.

Typische Elternthemen: die Rückkehr in den Job und unruhige Nächte

In dem kleinen Raum auf dem Gelände einer Grundschule riecht es nach Kaffee, frischen Brötchen, Rührei und Windeln. Auf einer großen Matte krabbeln und kugeln ein paar Babys zwischen Spielzeug, Schnullern und bunten Brotdosen mit Obst und Reiswaffeln. Der ganz hungrige Nachwuchs sitzt am Tisch - im Hochstuhl oder auf Papas Schoß.

Glücklich wird mit den ersten Zähnchen an Gurken genuckelt und an Brötchen genagt. Alles erinnert an eine normale Krabbelgruppe. Mit einem Unterschied: Stillen und der Beckenboden sind hier kaum Thema. Die Väter bleiben unter sich und diskutieren zwischen Kaffee und dem Aufheben von heruntergeworfenem Spielzeug eifrig über Elternthemen: die Rückkehr in den Job, schlechte Nächte dank neuer Zähne, Entwicklungsphase, den besten Babybrei oder die anstehende Kita-Eingewöhnung.

Unruhige Nächte strapazieren oftmals die Nerven vieler Eltern.

"Neue Väter"-Generation denkt auch über Teilzeitarbeit nach

Man merkt schnell, die Papas hier wissen, wovon sie reden. Ihre Frauen sind allesamt in die Arbeitswelt zurückkehrt oder schreiben Abschlussarbeiten. Für die nächsten vier bis 16 Monate übernehmen die Männer Kind und Haushalt. Wie Tom, der nicht nur "großen Bock" auf die zehn Monate mit Kind hatte, sondern in der gleichberechtigten Elternzeit auch eine politische Dimension sieht. "Wir leben von Anfang an in einer modernen Partnerschaft, das sollte sich mit Kind nicht ändern. Das stand schon vor der Schwangerschaft fest", sagt der Enddreißiger.

Zustimmung kommt von Paul, ebenfalls seit sieben Monaten in Elternzeit. Für die Zeit mit dem Kind hat er den Jobeinstieg nach der Promotion erstmal auf Eis gelegt. Seine Frau ist inzwischen auf ihre Leitungsposition bei einem Sozialträger zurückgekehrt.

Zeit mit Kind ist wertvoll, Erziehung genauso Vätersache - darin sind sich die neun Männer einig. Genauso wie in dem Wunsch nach der Elternzeit nicht wieder in klassische Verhaltensmuster zu verfallen, nicht Alleinernährer wie der eigene Vater, keine Karriere ohne Rücksicht auf Leben. Deshalb spricht Man(n) über Teilzeit als Unternehmensberater und zukünftige freie Nachmittage für das Fußballtraining oder Kinderschwimmen. Doch was hat diese Vertreter der "Neuen Väter"-Generation in ihrem Entschluss bestärkt, es anders zu machen als ihre Väter, als viele andere Männer in Deutschland?

Nur ein Drittel aller Väter geht in Elternzeit

Zur Erinnerung: Nur ein Drittel der Väter gehen überhaupt in Elternzeit, die meisten von ihnen kaum länger als zwei Monate. Und danach im Job Stunden zu reduzieren ist noch ungewöhnlicher. Bei der Frage nach dem Warum kommen die Gespräche schnell auf ein Ereignis: die Geburt.

Nach der Geburt ihrer Kinder sind viele Männer wie ausgewechselt. © Quelle: Mascha Brichta/dpa-tmn

"Ab dann wird es real. Davor ist die Frau viel näher dran, und man selbst nur der Zaungast", findet Sven. Zustimmendes Nicken aus der Runde. Daniel erzählt von seinem Sprung ins kalte Wasser. Sein Kind kam sechs Wochen zu früh. Er war gerade auf Dienstreise. Als die Nachricht von vorzeitigen Wehen kam, sprang er beim nächsten Halt aus dem Zug und fuhr sofort zurück nach Hamburg. Eine Stunde vor der Geburt stieg er aus dem Zug, drei Stunden später war er Vater. "Ab da wusste ich, aus der Nummer komme ich nicht mehr raus", erinnert sich Daniel.

Väter haben Angst vor plötzlichem Kindstod

Dem "Jetzt aber wirklich"-Moment folgte bei den meisten schnell ein Gefühl der Hilflosigkeit und Überforderung. Wie soll ich dieses kleine Wesen bloß heil durch die Welt kriegen? So berichtet Paul davon, dass er nicht nur bei der Geburt vor Überwältigung geweint habe, sondern auch die folgenden Tage ständig prüfte, ob das schlafende Kind noch atme. Bis heute habe er die Angst vor einem plötzlichen Kindstod nicht abgelegt. Verständnisvolles Nicken.

Daniel berichtet mit leuchtenden Augen weiter vom Schluckauf der Tochter, den sie schon im Bauch der Mutter immer hatte. Und Sven sagt, er habe eine neue Verbundenheit zu den eigenen Eltern und Respekt vor ihrer Leistung, drei Kinder großzuziehen, gespürt. Auch bei mir - nach drei Jahren eigentlich ein abgeklärter Vater - stellt sich bei diesen Erzählungen ein Hormonschwung ein. Für einen Moment schweife ich gedanklich ab und plane einen Familienzuwachs und eine lange Elternzeit.

Beim Vatertreff reden die Männer ebenfalls über die Schattenseiten des Elternseins

Doch natürlich gibt auch bei einem Vatertreff nicht nur Eitelsonnenschein und Papas im Rausch der Endorphine. Es geht an diesem Vormittag auch um die Schattenseiten des Elternseins. Wir sprechen über den Verlust von Freiheit, aufgegebene Hobbys wie Rennradtouren oder Fernreisen, gescheiterte Pläne für die Elternzeit, wie ein neues Instrument zu lernen oder viele Bücher zu lesen. Gesprächsthema sind aber auch zähe Tage mit dem Kind. Wenn der Windelkauf in der Drogerie und der Plausch mit der Kassiererin Highlights sind. Und auch übergriffige Rentnerinnen sind Thema, die wahlweise ungefragt Ratschläge geben, Vater-Qualitäten in Fragen stellen oder über einen Mann mit Kinderwagen in Verzückung verfallen.

© Quelle: Roman Stetsyk - stock.adobe.com

Ricardo, ein Vater mit besonders vielen Tattoos und besonders hungrigem Sohn, berichtet von der Trennung von seiner Frau. Sie war nicht bereit, ihr altes Leben hinter sich zu lassen. Und er wollte endlich ein langweiliger Spießer sein und das Familienleben genießen. An den unterschiedlichen Vorstellungen zerbrach am Ende die Beziehung. Nach dem Ende seiner Elternzeit wollen sich er und seine Ex-Frau die Betreuung des Kindes gerecht aufteilen. Auch das gehört zur Geburt und zur Vaterschaft: die Veränderung der Beziehung, der Kampf um ein wenig Normalität und altes Leben.

Daniel: "Ich möchte meine Frau nicht nur als Mutter sehen"

Zum Vatertreff gekommen ist auch Martin, der mit Mitte 20 der Jüngste in der Runde ist. Gemeinsam mit seiner Freundin veranstaltet er weiter Hauspartys und spannt auch mal die kinderlosen Freunde als Babysitter ein. Bei anderen helfen die Großeltern oder Nachbarn aus, wenn die Eltern einmal wieder Paar sein und rauskommen wollen - aus dem Windel-Babybrei-Wachstumsphasen-Alltag. "Natürlich hat die Geburt uns verändert. Wir sind jetzt Eltern. Aber trotzdem möchte ich meine Frau nicht nur als Mutter sehen", sagt Daniel. Wieder herrscht breite Zustimmung über dieses Bestreben.

Doch bevor noch andere Väter von ihren Strategien zum Erhalt von Selbstbestimmung und Paarbeziehung berichten können, kippt die Stimmung. In Hochstühlen und auf der Decke beginnt vielstimmiges Gequengel. In der Väterrunde bricht Betriebsamkeit. Gläschen mit Lachs und Bolognese werden herausgekramt, Schnuller gezückt, an Windel-Popos gerochen. Genug der Freiheit, jetzt geht es wieder um die Babys. Leise schleiche ich mich hinaus. Ich bin ein bisschen froh darüber, dass meine Vaterzeit erst am Nachmittag wieder beginnt und noch ein paar selbstbestimmte Momente am Schreibtisch bleiben.

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