Birk Grüling

Bildungsjournalist, schreibender Papa, Spielplatzheld, Buchholz

8 Abos und 14 Abonnenten
Artikel

Gregs Tagebuch: US-Kinderbuchautor Jeff Kinney über sein Erfolgsrezept

Hamburg. Wie erfolgreich Jeff Kinney mit Gregs Tagebüchern ist, deutet schon die Location für das Interview an - das Hamburger Edelhotel "Vier Jahreszeiten", ein großer Raum mit bequemen Sesseln, Kronleuchtern, Holzboden. Am Morgen hat der US-Autor bereits im Zoo Autogramme gegeben, am Abend folgt eine Lesung. Auch hier erinnert der Andrang mehr an ein "Promi-Auftritt" als eine Kinderbuchlesung. In Deutschland ist Kinney gerade auf Werbetour für sein neues, inzwischen 14. Buch. Anfang November erschienen trägt es mit dem verheißungsvollen Titel "Voll daneben".

Gregs Tagebuch: Geschichten von einem ziemlich normalen 12-Jährigen

Das Konzept ist das gleiche wie bei den 13 vorangegangenen Tagebücher: Es geht um den "täglichen Überlebenskampf" - O-Ton Klappentext - von Greg Heffley, abwechselnd erzählt in Text und Comic mit Eierkopf-Strichmännchen. Es sind Episoden-Sammlungen aus dem Leben eines ziemlich normalen Heranwachsenden. In der Schule ist der 12-Jährige weder ein Überflieger noch sonderlich beliebt. Die Eltern nerven genauso wie seine beiden Brüder. Zusammen gehalten wird die Geschichte von einer thematischen Klammer. In Band 14 erbt die Familie viel Geld und renoviert ihr Haus. Wie immer stürzt dieses Vorhaben alle Beteiligten ins Chaos aus morschen Böden, Schimmel und Handwerker-Pannen.

Manch ein Literaturkritiker mag den kindlichen Humor und die Hervorsehbarkeit als banal abtun. Aber ein solches Urteil wäre herablassend. Immerhin versteht es Kinney wie kaum ein anderer Kinderbuchautor, selbst sonst nicht lesende Kinder und Jugendliche zu fesseln und ihnen eine Identifikationsfigur zu liefern, die zwischen einem Buchdeckel nicht auf Youtube oder TikTok stattfindet.

"Greg ist eher ein Kind wie ich früher": Kinney hat sich für die Geschichten in Gregs Tagebücher an seinen Kindheitserinnerungen bedient. © Quelle: Magdalena Tröndle/dpa

Weder Held noch Samariter: Gregs Normalität ist ein Erfolgsrezept

Gregs besondere Stärke, vielleicht das große Erfolgsgeheimnis der Reihe ist seine Normalität. Er ist kein Held wie Harry Potter, rettet nicht die Welt oder tut nicht immer das richtige. Ganz im Gegenteil: Er ist schlecht in der Schule, verdaddelt seine Zeit mit Videospielen, ist unbeliebt und hält sich trotzdem für den Größten. "Helden sind mir oft zu langweilig. Greg ist eher ein Kind wie ich früher", erklärt Kinney. Auch für die Brüder und Eltern gibt es reale Vorbilder aus der eigenen Familie. Ihre Charaktereigenschaften hat der Autor in künstlerischer Freiheit fast schon grotesk überzeichnet und verfremdet. Dazu kommt das befreiende Fehlen jeglicher moralischen Botschaft. Es gibt kein Appel an die Vielfalt, Toleranz oder Freundschaft, sondern "nur" Beobachtungen zu den Irrungen und Wirrungen des Heranwachsens, so grotesk und so witzig, dass nicht nur junge Leser darüber lachen können.

Aus einem Buch für Erwachsene wurde ein Kindercartoon

Vielleicht liegt das auch daran, dass Kinney ursprünglich nie Kinderbuchautor werden wollte. Zu College-Zeiten war es sein Traum Cartoons für große Zeitungen zu zeichnen. An der Uni waren seine Ideen immerhin so beliebt, dass sie die Campuszeitung regelmäßig druckte. Von echten Verlagen kamen dagegen nur Absagen. Kinney wechselte in die Gaming-Branche und zeichnete nur noch privat Comics. Dabei entstand auch die Idee seine eigenen Kindheitserinnerungen in einem gezeichneten Tagebuch niederzuschreiben. Nach acht Jahren kreativen Schaffens zeigte er seine Ideen endlich einem New Yorker Verlag. Die Kindheits-Retrospektive kam gut an, nicht aber die vom ihm angepeilte Zielgruppe. Eigentlich hatte Kinney nämlich ein Buch für Erwachsene geplant. Zum Glück ließ er sich vom Verleger überreden, doch ein Kinderbuch daraus zu machen.

Erfolgreiche Kinderbücher sind keine Frage des Alters

Der Rest ist Geschichte. 2007 erschien der erste Band von Gregs Tagebuch in Amerika, 13 weitere folgten bis heute. Mit über 200 Millionen verkauften Exemplaren gehört die Kinderbuchreihe zu den erfolgreichsten der Welt. Sie wurde in 59 Sprachen übersetzt. Ein Ende des Erfolgs ist noch nicht absehbar: Ein paar Bücher wolle er noch zeichnen, verrät Kinney im Interview. Auch an Ideen mangele es ihm nicht. Dass der US-Amerikaner inzwischen selbst stark die 50 zugeht und die grauen Haare ihm ein wenig seines jugendlichen Charmes rauben, tut seinem Erfolg keinen Abbruch.

Jeff Kinney: Auch mit 50 ist noch nicht Schluss

Auch Sorgen den Anschluss an die Leserschaft zu verlieren, hat er nicht. "Bei meinem ersten Buch war ich 28 Jahre alt und meine eigene Kindheit viel präsenter. Zum Glück kenne ich inzwischen Greg sehr gut und weiß, was die Leserschaft an ihm schätzen", sagt er. Dieses Wissen sei viel wichtiger als sein Alter. Und überhaupt hätten sich die grundlegenden Themen von Kindheit nicht geändert. Klar wächst man heute digitaler auf, aber trotzdem gibt noch Streit mit den Geschwistern, Freundschaften, blöde Hausaufgaben oder Haustiere.

Und über diese vorpubertäre Lebenswelt - überhöht ins Absurde - lässt sich vortrefflich lachen. Zu dieser Haltung passt, dass Kinney bis heute zuerst die Witze für seine Bücher schreibt - 350 Stück braucht ein gutes Tagebuch - und sich erst danach die eigentliche Geschichte ausdenkt. Und dafür ist auch heute noch das eigene Leben das beste Vorbild. Wie Gregs Familie bauen auch die Kinneys gerade ihr Haus in Plainville, Massachusetts um - um Glück mit Unterstützung von echten Handwerkern und deutlich weniger Pannen und kleinen Katastrophen.

Zum Original