Birk Grüling

Bildungsjournalist, schreibender Papa, Spielplatzheld, Buchholz

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Digitale Medien in der Kita: Wie ein Tablet die Erziehung bereichern kann - SPIEGEL ONLINE - Leben und Lernen

Digitale Medien sind im Hamburger Fröbel-Kindergarten Winterstraße alltäglich. Auf dem Flur puzzeln an diesem Vormittag drei Mädchen in einer Sitzecke auf Tablets. Im Forscherraum nebenan ist es stockdunkel. Ein Beamer wirft ein digitales Bilderbuch über Tiere an die Wand. Gemeinsam mit einem Dutzend Kinder diskutiert ein Erzieher über Papageien. Und im Bauraum produziert Pädagoge Martin Imiolczyk mit seiner Gruppe gerade einen Stop-Motion-Film über den Bau einer Duplo-Pyramide. Ein extra aufgestelltes Tablet macht sekündlich Bilder von der Baustelle.

Wer nun ein Bild von medialer Dauerbeschallung von Augen hat, liegt falsch. Auch der Bewegungsraum der Kita ist bestens gefüllt. Und die drei Mädchen haben nach einer Runde Puzzle das Interesse verloren und sind weitergezogen. Die Tablets liegen die nächsten Stunden unbenutzt herum. Ein geplanter Ausflug in den Stadtpark schlägt die Technik in Sachen Attraktivität um Längen.

Während sich in der Schule inzwischen ein gesellschaftlicher Konsens zum Sinn von digitaler Bildung eingestellt hat und mit dem Digitalpakt endlich Milliarden in technische Infrastruktur und pädagogische Konzepte investiert werden, steckt die digitale Kita-Bildung noch in den Kinderschuhen. Ein wichtiger Grund dafür: Viele Pädagogen und Eltern verstehen die Kita noch immer als eine Art analogen Schutzraum. Allzu oft wird das Schreckensbild von vor dem Tablet geparkten Kleinkindern bedient, von Kindern, die ihr natürliches Interesse an Natur, Freunden und Bewegung eingebüßt haben.

Benjamin Wockenfuß leitet das Präventionsprojekt Digikids, das Eltern und pädagogische Fachkräfte in Sachen Medien unterstützt. Er hält eine pauschale Ablehnung für kontraproduktiv, denn sie verhindere eine differenzierte Auseinandersetzung. "Man darf nicht die Augen davor verschließen, dass digitale Medien ein Teil der heutigen Kindheit sind. Umso wichtiger ist es, Kindern schon früh digitale Kompetenzen und einen selbstbestimmten Medienumgang zu vermitteln", sagt er.

"Ein Tablet ist weder gut noch schlecht"

Bei digitaler Bildung in der Kita geht es nämlich nicht darum, Mädchen und Jungen vor dem Tablet zu platzieren und währenddessen entspannt Kaffee zu trinken - das passiert zu Hause schon oft genug. Gefragt ist vielmehr ein kreativer und gestalterischer Umgang mit Tablets und Co., einer, der den Interessen und Bedürfnissen der Kinder entspricht. "Ein Tablet allein ist weder gut noch schlecht. Es geht vielmehr darum, wie ein Mehrwert für die Kinder entsteht. Genau dafür braucht es pädagogische Konzepte und eine gute Begleitung durch die Fachkräfte", sagt Wockenfuß.

Wie ein solcher Mehrwert im Kindergartenalltag aussehen kann, zeigen ein paar Projektbeispiele aus der Hamburger Winterstraße. So wird der Stop-Motion-Film über die Pyramide Teil eines interaktiven Bilderbuchs. In ihm sehen die Kinder eine echte Pyramide aus Ägypten. Außerdem hat Martin Imiolczyk am Morgen eine kindgerechte Erklärung zu den antiken Bauwerken eingesprochen.

Auch bei Ausflügen in die Natur werden die Tablets regelmäßig mitgenommen. Zusammen mit einem Endoskop haben die Kinder zum Beispiel Baumhöhlen im Stadtpark untersucht und fotografiert. Bei einem anderen Ausflug nahmen sie die Töne der hanseatischen Vogelwelt auf. Später können die kleinen Entdecker so ihre Erkenntnisse mit ihren Altersgenossen teilen.

Doch bisher sind solche Projekte in deutschen Kindergärten eher die Ausnahme als die Regel. "Wir stehen in Sachen digitaler Bildung in der Kita noch relativ am Anfang. Es fehlt an praxistauglichen Konzepten, Vernetzung, technischer Infrastruktur und Fortbildungsangeboten", sagt Franziska Cohen vom Bereich Frühkindliche Bildung und Erziehung an der Freien Universität Berlin.

Auch in der begleitenden Forschung gebe es noch Luft nach oben - zum Beispiel sei bisher nur wenig darüber bekannt, wie sich die Abläufe und Strukturen in der Kita durch digitale Medien verändern. Die Kindheitspädagogin ist selbst an einem neuen Forschungsprojekt beteiligt, das die Haltung pädagogischer Fachkräfte zur Digitalisierung analysieren möchte. Am Ende sollen daraus Praxisleitfäden und Workshops zu digitaler Bildung entwickelt werden.

"Im Prinzip sind wir mit allen unseren Erkenntnissen und Debatten auf dem Stand wie die Schulen vor zehn Jahren", sagt Franziska Cohen selbstkritisch. In der Fachwelt gebe es noch kontroverse Diskussionen über Sinn und Unsinn von digitaler Bildung im Kindergarten. Gleichzeitig begeben sich erste Träger auf eine eigene Entdeckungsreise.

Selbst ausprobieren

Einer von ihnen ist die Fröbel Bildung und Erziehung gGmbH aus Berlin. Auch der Hamburger Kindergarten Winterstraße gehört zu diesem Träger. Vor knapp zwei Jahren startete das Unternehmen ein "Medienmultiplikatoren"-Programm, mit internen Weiterbildungen rund um Datenschutz, Kindersicherheit, Elternarbeit und Technik - und mit einem regelmäßigen Erfahrungsaustausch zwischen den Einrichtungen.

Den Startschuss für das Digitalprogramm gab ein Experimentierwochenende in Berlin. 3D-Drucker, Tablets, Kameras, Beamer, all das wurde auf die Tauglichkeit für den Kita-Alltag getestet. Martin Imiolczyk war von Anfang an dabei, schon seine Abschlussarbeit in der Erzieherausbildung schrieb er 2016 über Medieneinsatz bei Kindern. "Wir sind noch mitten in der Findungsphase. Im Moment probieren wir immer neue Möglichkeiten aus, verwerfen viel und verbessern, was gut läuft", berichtet der 28-Jährige. Trial-and-Error sei im Moment auch die "einzige Möglichkeit", weil gute Fachbücher, passende Workshops oder auch nur App-Empfehlungen für den Kindergartenalltag noch Mangelware sind.

Zuletzt hat die Kita in der Winterstraße sich eine Nintendo Labo angeschafft. Diese Erweiterung für die Switch-Konsole verbindet analoge und digitale Welt und soll Kindern Technik näher bringen - und zwar mit Pappe. Damit lassen sich Klaviere und Gaspedale ebenso wie Virtual-Reality-Brillen bauen.

Nächste Zielgruppe Eltern

Bevor die Konsole mit den Kindern ausprobiert wurde, machte sich der Erzieher gemeinsam mit Kollegen selbst ein Bild von den Möglichkeiten. Apps zum Aufnehmen von Tierstimmen oder zum Abfilmen testet Imiolczyk erst mal zu Hause. Seine Erfahrungen möchte der Erzieher in der nächsten Zeit noch stärker teilen - nicht nur mit Kollegen und anderen Einrichtungen, sondern auch mit den Eltern.

"Einerseits möchte ich Bedenken und Vorhalte seitens der Elternschaft abbauen. Anderseits geht es mir darum, auch Tipps für den digitalen Familienalltag zu geben", sagt Martin Imiolczyk, "viele Ideen wie ein Stop-Motion-Film oder die Aufnahme von Tierstimmen lassen sich auch in der Freizeit gut umsetzen".

Dass man seine Zeit am Smartphone nicht nur mit Netflix und Instagram, sondern auch kreativ und produktiv nutzen kann, dürfte für viele Eltern eine durchaus spannende Erkenntnis sein.

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