Birk Grüling

Bildungsjournalist, schreibender Papa, Spielplatzheld, Buchholz

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Leb wohl, du Affe!

Tiere kennen weder Friedhöfe, Grabreden noch Trauerfeiern. Trotzdem nehmen auch sie Abschied von verstorbenen Artgenossen. Dabei trauern sie auf ihre ganz eigene Art: Sechs Beispiele von Blubberblasen bis Schleimmahlzeit.

Die Vorsichtigen

Sobald Krähen einen toten Artgenossen entdecken, trommeln sie so viele Kameraden wir möglich zusammen. Dann versammeln die Vögel sich und beobachten den starren Körper. Als Grund dafür vermuten Forscher allerdings nicht Traurigkeit, sondern Vorsicht. Wahrscheinlich versuchen die Tiere herauszufinden, woran ihr Artgenosse gestorben ist und ob es eine Gefahrenquelle gibt, die sie in Zukunft meiden können.

Stirbt ein Elefant, hält seine Herde eine Art Totenwache: Immer wieder kehren die Tiere zum Leichnam zurück, sogar Elefanten aus benachbarten Gruppen schauen zu einem letzten Besuch vorbei. Elefanten erkennen außerdem die Überreste von verstorbenen Artgenossen. Wenn sie zufällig Knochen oder Stoßzähne finden, verweilen sie dort lange und betasten ihren Fund mit dem Rüssel.

Die Sargträger

Ameisen leben in großen Kolonien zusammen. Stirbt eine Ameise, wird sie ratzfatz aus dem Nest getragen und auf einen Spezial-Abfallhaufen gebracht. Das hat praktische Gründe: Die Körper der toten Ameisen können gefährliche Krankheiten übertragen. Forscher beobachteten sogar kranke Ameisen, die zum Sterben das Nest verließen, um die anderen bloß nicht anzustecken.

Die Mitfühlenden

Wenn ein Schimpanse stirbt, verfällt der Rest der Gruppe in tiefe Trauer. Manche Affen essen einige Tage lang nichts, werden ganz still, starren den toten Körper lange Zeit an oder versuchen, ihn wieder aufzuwecken. Besonders stark ist die Reaktion bei Müttern, deren Baby gestorben ist. Sie tragen ihr Junges noch lange mit sich herum - manchmal sogar bis es zu einer kleinen Mumie wird.

Seebestattung

Delfine leiden sehr darunter, wenn ein Tier aus ihrer Gruppe stirbt. Oft bleiben sie noch lange an seiner Seite, streicheln den toten Körper zärtlich oder beblubbern ihn mit Luftblasen. Forscher haben außerdem beobachtet, dass Delfine tote Artgenossen gerne auf dem offenen Meer an einem ruhigen Platz bestatten. Dort nehmen sie tagelang Abschied, bevor sie weiterziehen.

Leichenschmaus

Schnecken haben es nicht so mit der Trauer. Die meisten Arten sind Allesfresser, neben Pflanzen oder Pilzen stehen auch tote Artgenossen auf ihrem Speiseplan. Eine schleimige, aber durchaus nahrhafte Mahlzeit: Die Schnecken fressen die Körper komplett auf, vor allem um ihren Nährstoffbedarf für das eigene Wachstum und die Produktion von Eiern zu decken.

Interview: Der Forscher Roman Wittig erforscht die Gefühle von Tieren. Das ist ganz schön kompliziert, weil man Tiere nichts fragen kann. SZ: Können Tiere trauern? Roman Wittig: Darauf gibt es keine eindeutige Antwort. Wir wissen allerdings ziemlich genau, was bei uns Menschen im Körper passiert, wenn wir trauern: Dabei werden über längere Zeit Stresshormone ausgeschüttet. Genau das gleiche können wir bei Tieren auch feststellen. Zum Beispiel bei Pavianen, wenn andere Mitglieder aus ihrer Gruppe von Löwen gefressen wurden. Gibt es weitere Gemeinsamkeiten? Durchaus. Besonders lange hält der Stress an, wenn Freunde oder Verwandte getötet wurden. Und wenn sich die Affen gegenseitig trösten, können neue Freundschaften entstehen. Genau wie bei Menschen. Wie erforscht man Gefühle? Gefühle lassen sich nicht messen. Uns bleiben nur Beobachtungen zum Verhalten und den Veränderungen von Hormonen. Dazu können wir uns Gedanken machen und Vermutungen anstellen. Fragen können wir die Tiere ja leider nicht.
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