Birk Grüling

Bildungsjournalist, schreibender Papa, Spielplatzheld, Buchholz

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Beruf Kindermusiker: Auf Ochsentour durch die Kitas - SPIEGEL ONLINE - KarriereSPIEGEL

Am Vormittag schien noch die Sonne, nun ist der Himmel grau, es regnet. Vor der Bühne des Hamburger Weltkinderfests stehen ein paar Eltern mit Regenschirmen. Eine zweite Gruppe Erziehungsberechtigter hat sich unter einen großen Baum gerettet. Auf der Bühne versucht Simon Bergholz alias "Simon sagt", das schlechte Wetter wegzuspringen.

"Popcorn, Popcorn. Schubidubidu. Sommer, Sonnenschein." Der Refrain geht ins Ohr. Die Regenschirme vor der Bühne wippen im Takt, ein paar Nachwuchsfans in bunten Gummistiefeln springen durch den Regen. 30 Minuten dauert sein Auftritt, dann gibt's Autogramme. Während der Kindermusiker mit dem roten Käppi noch ein paar CDs unterschreibt, baut auf der Bühne ein Jugendorchester seine Notenständer auf. Der Regen ist vorbei. Viel Gage gibt es an diesem Tag nicht, aber immerhin eine Plattform für seine Musik.

Musik für Kinder zu machen, war nie der erklärte Plan von Simon Bergholz. Er studierte Popmusik an der Hamburg School of Music, spielte lange in Coverbands, hat mit Schulfreunden eine Punkband abseits des kommerziellen Erfolgs. Und er unterrichtet Gitarre, das ist sein Haupterwerb - und so etwas wie der Impulsgeber in Sachen Kindermusik. Seinen Schülern bringt Simon Bergholz nicht nur Akkorde bei, sondern ermutigt sie auch, eigene Songs zu schreiben, nimmt sie mit in sein Hamburger Studio. "Dabei habe ich gemerkt, dass Songs für und mit Kindern zu schreiben viel Spaß macht, gerade wenn man ihre Themen und ihre musikalischen Vorlieben ernst nimmt", sagt er.

Kindermusik ist harte Arbeit

Er schreibt ein paar Songs über Popcorn, Kinderlieder, die er nie gehört hat, die erste Liebe und nimmt mit einem befreundeten Produzenten Demos auf. Seine hörbaren Einflüsse: Ein bisschen Hip-Hop, ein bisschen Punk, viel Pop. Den Weg zum Plattenvertrag ebnen dann ein Silberrücken der Kindermusik und der Zufall: Im September letzten Jahres spielte Bergholz als Gastmusiker im Jungen Musical Braunschweig bei einer Inszenierung zum 40-jährigen Bühnenjubiläum von Rolf Zuckowski.

Nach dem Auftritt saßen die beiden in einer Pizzeria und redeten über Musik. Noch am Abend schickte Bergholz seine Songs an Zuckowski. Und stieß auf Gegenliebe. Wenig später unterschrieb er seinen ersten Plattenvertrag bei Zuckowskis Label "noch mal!!!" - immerhin für Erfolgsprojekte wie "Deine Freunde" und "Eule findet den Beat" verantwortlich. Wer allerdings beim Wort "Plattenvertrag" an Geldbündel und ein Leben als Rockstar denkt, liegt falsch, vor allem im Nischenmarkt Kindermusik.

Das Debütalbum "Popcorn für alle!" kam im April, die Verkaufszahlen stimmen vorsichtig optimistisch. Die meisten Auftritte von Simon Bergholz steigern die Popularität, sorgen aber vom Honorar her noch nicht für einen gefüllten Kühlschrank. Immerhin ist für 2020 eine Konzertoffensive geplant.

"Sich auf dem Kindermusikmarkt zu etablieren, ist mühsam", bestätigt Jörg Hackelbörger, Kindermusik-Chef bei Universal Music Family Entertainment. Auch hier schwächeln die CD-Verkäufe, reichen die Ausschüttungen aus den Streamingdiensten für Newcomer kaum für die Proberaummiete. Für lukrative Konzerte werden vor allem die etablierten Größen gebucht.

Hackelbörger erzählt vom harten Kampf um mediale Aufmerksamkeit: Radioformate für Kinder gibt es nur noch wenige. Auch im Fernsehen findet Kindermusik kaum statt. Und auf YouTube und Streamingdienste zu setzen, klappt vielleicht bei einzelnen Rappern, ist aber für Kindermusiker fast unmöglich.

Morgens Kita, nachmittags Kinderfest

Es bleibt nur die Ochsentour - statt in ranzigen Konzertkellern spielen die Newcomer in Kindergärten und Grundschulen oder am Wochenende auf dem Kinderfest des örtlichen Supermarkts. Auch Fortbildungen für Pädagogen sind beliebt. Aus Sicht von Volker Rosin ist das eine gute Schule. Der 63-Jährige singt seit 40 Jahren für das junge Publikum und gehört zu den erfolgreichsten Vertretern seiner Zunft. "Die Konzerte und Workshops in Schulen und Kitas sind doppelt wichtig, auch wenn man dort oft nur wenig Honorar bekommt. Man bleibt im Kontakt mit den Kindern und ihrer Lebenswelt und man überzeugt die Pädagogen und Eltern", sagt Rosin.

Gerade die Eltern seien wichtige Multiplikatoren. Sie kaufen schließlich die CDs für die Kinder, füllen Playlisten für lange Autofahrten und singen die Lieder im Morgenkreis. Gelingt so ein großer Hit wie "Das Lied über mich" oder "Das singende Känguru", sichern allein die Einnahmen aus CD-Verkäufen, Verlagsrechten und Streamingdiensten den Lebensunterhalt als Kindermusiker.

Bis dahin ist es für Simon Bergholz noch ein weiter Weg. Kindermusik ist für ihn im Moment ein weiteres Standbein, neben Auftritten als Gastmusiker, neben dem Unterricht. Doch Potenzial ist vorhanden: Regelmäßig bekommt Bergholz Anfragen von Schulen, spielt auf Sommerfesten oder übernimmt für eine Stunde den Musikunterricht.

Sein Lohn ist vor allem Inspiration: Der Austausch mit den Kindern liefert textliche Ideen und ist ein guter Seismograf für neue Songs. "Ich finde es wichtig, die Kinder nach ihrer Meinung zu fragen und sie musikalisch und textlich ernst zu nehmen, ja, vielleicht sogar etwas herauszufordern", sagt er. Kindermusik gehe auch ohne Anbiederung.

Vielfältiger und erwachsener

Mit dieser Haltung ist der Hamburger nicht allein. War Kindermusik lange Zeit sehr pädagogisch, untermalt von Heile-Welt-Xylophonen und Akustikgitarren, getextet in einfachem Reimschema und mit gehobenem Zeigefinger, bricht mittlerweile eine neue Musikergeneration mit den alten Werten.

"Wir haben es mit einer neuen Art von Kindermusikern zu tun. Sie sind weniger Liedermacher, sondern selbst durch alle Facetten der Popmusik sozialisiert. Das bringt neue Impulse", sagt Musikmanager Jörg Hackelbörger. Tatsächlich war Kindermusik vermutlich noch nie so vielfältig. Projekte wie "Unter deinem Bett" brachten Indierock in die Kinderzimmer, "Heavysaurus" den Metal und "Deine Freunde" den Sprachgesang.

Gerade letztere gelten als eine Art Wegbereiter der neuen Kindermusik. Seit ihrer Gründung 2012 setzen die Hamburger auf poppigen Rap für Kinder und Texte über gruselige Märchen, auf den Satz "Du bist aber groß geworden" und auf Schokolade. Ein großer Anteil am Erfolg hat die Hörbarkeit für die Eltern, mehr Rücksicht auf erwachsene Ohren ist oft zu beobachten. Erwachsene machen die Hälfte der Hörerschaft aus, kaufen Konzerttickets und CDs und herrschen über Playlisten. "Kindermusik verträgt Ironie, Zwischentöne und Anspielungen für die großen Hörer. Genau das macht viele Animationsfilme auch für Erwachsene sehenswert", glaubt Simon Bergholz.

Die Verschmelzung der musikalischen Welten von Groß und Klein zeigt sich auch bei den Konzerten. Kindermusik findet immer häufiger in Konzerthallen, szenigen Klubs und auf Festivals wie A Summers Tale oder Lollapalooza statt. Die Wirkung ist faszinierend: Die Kinder dürfen an Orte, die ihnen sonst verwehrt bleiben. Die Erwachsenen schwelgen in Festivalerinnerungen an wilde, kinderlose Tage. Am Ende sind alle glücklich und trotzdem noch früh genug zu Hause für Abendbrot und eine Gute-Nacht-Geschichte.

Auch Bergholz kommt der frühe Feierabend durchaus gelegen. Im Februar wird er selbst Vater. Die Nächte sind dann auch ohne Rock'n'Roll kurz genug.

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