Birk Grüling

Bildungsjournalist, schreibender Papa, Spielplatzheld, Buchholz

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"Es fehlt an Wissen": Inklusion ist eine große Chance für Fußballvereine

In dem inklusiven Fußballteam des Buchholzer FC kicken junge Fußballer mit und ohne Behinderung gemeinsam. Ein Ansatz mit viel Potenzial.

Diese Reportage ist Teil der Amateurfußball-Initiative #GABFAF. Mehr Infos dazu auf gabfaf.de.

Diesmal streckt sich Torwart Piet Paulsen vergeblich. Der Schuss seines großen Bruders Paul landet unhaltbar im Winkel. Eine geballte Faust als kurzer Jubel, dann trabt der 19-Jährige zurück in die Reihe.

„Weiter so, guter Schuss", lobt Trainer Kai Lehmitz und klatscht in die Hände. Für die inklusive Mannschaft des Buchholzer FC ist es das letzte Training vor der Sommerpause. Trotzdem stimmt die Motivation. Beim Torschusstraining wird jeder Treffer gefeiert, jeder verschossene Ball ohne Murren geholt. Seit knapp fünf Jahren trainieren in dem Verein aus dem Hamburger Speckgürtel junge Fußballer mit und ohne Behinderung gemeinsam. Gestartet wurde die Inklusionsmannschaft durch eine Kooperation mit der örtlichen Förderschule An Boerns Soll. Zum wöchentlichen Training kommt inzwischen ein harter Kern aus 20 Mädchen und Jungen zwischen zehn und 20 Jahren.

"Spaß steht im Vordergrund"

Piet und sein Bruder Paul sind von Anfang an dabei. Der 11-Jährige spielt sonst als Abwehrspieler in der C-Jugend des Vereins. Beim freitäglichen Training mit dem inklusiven Team streift er oft das Torwart-Trikot über. „Ich trainiere zwei Mal die Woche. Am Wochenende haben wir Spiele. Der Freitag ist eine schöne Abwechslung. Die Leute sind nett, es wird mehr gespielt. Der Spaß steht im Vordergrund", sagt Piet. Zur Mannschaft kam er durch seinen Bruder. Der 19-Jährige blieb dem Team auch nach dem Abschluss an der Förderschule treu.

„Ich komme jeden Freitag. Das Team ist super und ich habe Spaß", sagt er. Die Altersunterschiede innerhalb der Mannschaft stören ihn genauso wenig wie die bessere Ballbehandlung seines kleinen Bruders.

Fotos vom inklusiven Team des Buchholzer FC

Eine Chance für Vereine

Dass Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam Sport treiben, ist keine Selbstverständlichkeit. So zählt der Deutsche Behindertensportverband (DBS) rund 580.000 Mitglieder in 6.200 Vereinen. Gleichzeitig leben hierzulande mehr als zehn Millionen Menschen mit Behinderung. Auch im Fußball gibt es Nachholbedarf. So tritt die inklusive Mannschaft des Buchholzer FC zwar regelmäßig bei Turnieren an. Von einem Liga-Betrieb im Norden ist man aber meilenweit entfernt. Selbst wohnortnahes Kicken ist für Sportler mit Handicap oftmals schwer. Zum FC-Training fahren manche Spieler 30 Kilometer und mehr. Es engagieren sich einfach zu wenige Vereine in Sachen Inklusion.

"Freizeitkicker passen gut in eine Inklusionsmannschaft"

Dabei gebe es durchaus Potenzial, erklärt Volker Anneken vom Forschungsinstitut für Inklusion durch Bewegung und Sport. „Das Interesse am Fußball vereint die Menschen mit und ohne Handicap. Das müssten die Vereine stärker nutzen, allein um neue Mitglieder zu gewinnen", so der Sportwissenschaftler. Dass diese Möglichkeit ungenutzt bleibt, hat unterschiedliche Gründe. Manchmal liegt es an der mangelnder Barrierefreiheit des Vereinsgeländes, mal an fehlenden Trainern, mal an Unwissenheit über die Chancen. „Gerade Freizeitkicker, denen das Talent oder die Zeit für den regulären Ligabetrieb fehlt, würden gut in eine Inklusionsmannschaft passen. Oftmals fehlt es einfach an dem Wissen und der Offenheit für solche Angebote", sagt Anneken. Hier sei mehr Aufklärungsarbeit seitens der Verbände nötig - auch damit inklusive Angebote nicht mit dem Engagement einzelner stehen und fallen, sondern in der Mitte der Sportgemeinschaft ankommen.

In Buchholz fehlen Trainer

Solche Sorgen kennt man auch beim Buchholzer FC. Im Moment wird händeringend Trainernachwuchs gesucht. Ein altgedienter Trainer hört aus gesundheitlichen Gründen auf. Zum Glück konnte mit Kai Lehmitz ein Weggefährte der ersten Stunde reaktiviert werden. Der Mittfünfziger ist seit fast 40 Jahren aktiver Fußballer, lange auf dem Feld, nun an der Seitenlinie. Als er vor fünf Jahren das erstmal gefragt wurde, ob er die neue Mannschaft als Übungsleiter unterstützen wolle, zögerte er nicht lange. Offen und ein bisschen naiv stellte er sich der unbekannten Aufgabe. „Im Prinzip war und ist mir egal, wie talentiert die jungen Spieler sind oder welches Handicap sie haben. Wichtiger ist die Begeisterung für den Fußball", sagt er.

Trotzdem war die Umstellung groß. Im Gegensatz zu „normalen" Jugendmannschaft muss Lehmitz viel akribischer an Spielzügen arbeiten und selbst einfache Übungen oft wiederholen. Auch die Leistungsspanne innerhalb des Teams ist ungleich größer. Mancher Spieler entwickelte dank der Geduld und Mühe des Trainerteams inzwischen ein gutes Ballgefühl und Spielverständnis. Andere werden auch schon mal an der Hand eines Bundesfreiwilligendienstlers zum Torerfolg „geführt".

Ziel: Das Team inklusiver machen

„Es ist schön zu sehen, dass trotzdem alle Freude am Fußball haben und gerne zum Training kommen. Aus einem ziemlich bunten Haufen ist eine echte Mannschaft geworden", erzählt Lehmitz nicht ohne Stolz. Eine Erfahrung, die auch Nele Holzmeyer gemacht hat, die ein ähnliches Projekt beim SV Arminia Hannover initiiert hat: „Sie klatschen sich nach dem Training ab, freuen sich gemeinsam über Tore."

Grund, sich auf dem Erfolg ausruhen sieht der Buchholzer Lehmitz nicht. Er will die Mannschaft noch inklusiver machen und Fußballer aus anderen Mannschaften des Vereins gewinnen. Bisher sind nämlich die meisten Spieler ohne Handicap Geschwister oder Nachbarn der behinderten Teamkollegen.

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