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"Muslime, wacht auf!"

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In einem sind sich die Franzosen in diesen Tagen mit ihrem unbeliebten Präsidenten einig: Die Barbarei der Dschihadisten ist nicht hinnehmbar. Seit dem brutalen Vorrücken des "Islamischen Staates" im Irak und in Syrien entrüsten sich in Frankreich Politiker jeder Couleur ebenso wie religiöse Würdenträger und die ganz normalen Menschen auf den Straßen und Märkten.

Die politischen Magazine widmen den "Neuen Meistern des Terrors" (Nouvel Observateur) nahezu wöchentlich große Geschichten. Angst macht sich breit. Fast könnte man das Gefühl haben, die Kämpfer des IS stünden kurz vor dem Eifelturm. Der Feind einer ganzen Gesellschaft ist ausgemacht: Der radikale Islam und seine brutalen Krieger.

Dass sich unter den Dschihadisten in Syrien und im Irak inzwischen nach Angaben des Innenministers auch rund 900 Franzosen - darunter viele Jugendliche - befinden, macht den Umgang mit der Entwicklung nicht einfacher. Denn diese jungen Leute rekrutieren sich nicht mehr nur aus den Randgruppen der Vorstädte. Es handelt sich oft um Kinder aus Mittelklasse-Familien, teilweise ohne muslimischem Hintergrund.

"Frankreich muss wissen, dass es geschützt und in Sicherheit ist." Das erklärte Präsident FrançoisHollande am 19. September vollmundig, als er die Franzosen von den ersten Luftangriffen der Rafale-Jets auf Stellungen der Dschihadistentruppe "Islamischer Staat" im Irak informierte. Der Kampf gegen den Terrorismus berge Sicherheitsrisiken, er sei aber auch eine wichtige und großartige Sache, versicherte Hollande, dem nur noch 15 Prozent der 65 Millionen Franzosen das politische Vertrauen aussprechen. Die französische Beteiligung an der Militärkampagne gegen den IS im Irak ist hingegen beliebt: Einer Ifop-Umfrage des "Journal du Dimanche" zufolge unterstützt sie jeder zweite Franzose.

"Bringt sie um, egal wie!"

Nach der de facto Kriegserklärung Hollandes drohte der IS unverhohlen. Abou Mohammed al-Adnani, der Sprecher der Gruppe, rief alle Anhänger auf, "wenn Ihr einen amerikanischen oder europäischen Ungläubigen töten könnt - vor allem die bösen und dreckigen Franzosen - dann ist Allah auf Eurer Seite. Bringt sie um, egal wie!" Wenige Tage später köpften die "Soldaten des Kalifats" in Algerien, die sich zum IS bekennen, den französischen Bergführer Hervé Gourdel in den kabylischen Bergen. Ein Aufschrei des Entsetzens ging durch ganz Frankreich.

Viele der rund vier Millionen Muslime in Frankreich fühlen sich aufgerufen, klar Position zu beziehen. Die großen Muslim-Organisationen wie der "Conseil fran ç ais du culte musulmane" (CFCM), die "Union des Organisations Islamiques en France" (UOIF) oder die "Union der Moscheen in Frankreich" (UMF) riefen sogleich zu Protestkundgebungen gegen die Barbarei des "Islamischen Staates" auf.

Einige bekannte muslimische Persönlichkeiten veröffentlichten in der konservativen Tageszeitung "Figaro" den Aufruf "Auch wir sind dreckige Franzosen". Auf Twitter schlossen sich zahlreiche französische Muslime der ursprünglich in Großbritannien gestarteten Kampagne #PasEnMonNom an und betonten "Die Terroristen gehören nicht zu uns" oder "Muslime, wacht auf! Wir können nicht mehr still bleiben und wegsehen".

Der Online-Redaktion des gewöhnlich islamkritischen "Figaro" reichte das nicht. Am Tag nach der Ermordung Gourdels stellte sie auf ihrer Webseite die Frage des Tages so: "Finden Sie, dass die Verurteilung durch die französischen Muslime genug ist?"

Unter Generalverdacht?

Die Wogen in den sozialen Medien schlugen hoch, die Online-Ausgabe des "Figaro" zog die Frage zurück. Seither ist in Frankreich eine kontroverse Debatte entbrannt, deren Kernfragen lauten: Sollten die Muslime in diesen Situationen öffentlich Stellung beziehen? Oder ist eine solche Erwartung nicht implizierter Beweis eines Generalverdachtes gegen eine ganze Bevölkerungsgruppe, nur weil sie islamischen Glaubens ist?

Die muslimische Zeitung "Saphir News" entrüstet sich: "Warum sollten die Muslime ihre Stimme gegen Extremisten erheben, zu denen sie keine Verbindung haben und für deren Taten sie in keiner Weise verantwortlich sind?" Das "Collectif contre l'islamophobie en France" (CCIF) distanziert sich ebenfalls von den Demonstrationsaufrufen. Es erklärt: "Die Muslime sollten dieses Spiel der Islamophobie nicht mitspielen. Es besteht darin, sie immer gleich als Schuldige oder ideale Verdächtige hinzustellen und sie damit ständig dazu anzuhalten, sich für die Taten anderer zu rechtfertigen."

Das CCIF kritisiert aus dem gleichen Grund die Twitter-Kampagne #NotInMYName/PasEnMonNom. Auf ihrer Internetseite stellt die Organisation vor dem Hintergrundfoto eines buddhistischen Mönches die Frage: "Muß ich mich für den Genozid an den Rohingyas in Brima entschuldigen?"

Les Musulmans s'excusent...

Auf Twitter entstand bald ein neuer Hashtag #lesmusulmanss'excusent. Darin werden die Distanzierungen von den IS-Dschihadisten mit aberwitzigen Entschuldigungen ins Lächerliche gezogen: "Die Muslime entschuldigen sich für das Verschwinden der Korallenriffe auf den Malediven" oder "Die Muslime entschuldigen sich für den Regen im Juli".

Auch einige linke Medien reagierten in diesem Sinne: In einem Kommentar fragte die Zeitung "Libération": "Was kommt denn als nächstes? Bitten wir die Muslime, niederzuknien? Oder in den Krieg gegen IS zu ziehen?"

Hingegen erklärte der Präsident der "Union der Moscheen in Frankreich", Mohammed Moussaoui, es sei unerlässlich, dass die französischen Muslime ihren Kampf gegen den Terrorismus lautstark fortsetzten. Denn Schweigen sei nur Wasser auf die Mühlen derer, die die muslimischen Reaktionen für leere Worte hielten, schreibt Moussaoui, der einer Vereinigung von 500 Gebetshäusern vorsteht, auf der Internetplatform "Oumma.com".

Als weiteren Grund nennt er die eindeutige Botschaft an die Terroristen, dass ihre Barbarei nicht die Zustimmung der französischen Muslime finde. Dies könne zudem dazu beitragen, junge Franzosen davon abzuhalten, sich dem sogenannten "Dschihad des Daisch" anzuschließen.

Wie diese jungen Muslime, die sich überwiegend mit Hilfe des Internets selbst radikalisieren, erreicht werden können, fragen sich zahlreiche Imame in Frankreich. Denn diese Jugendlichen setzen keinen Fuß in die Moscheen.

Olivier Roy, Islamexperte und Professor am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz, spricht von einem Nihilismus, der im Zuge der Globalisierung verlorene junge Menschen befallen habe, die der Tod fasziniere. Es sei ein Phänomen, das über die die muslimische Glaubensgemeinschaft hinausgehe.

"Al-Qaida" oder der "Islamische Staat" böten den jungen Leuten lediglich ein Terrain, auf dem sie dies ausleben könnten und das sie zugleich in die Schlagzeilen bringe. Man sollte deshalb den IS-Dschihad und die Dschihadisten eher auf ihre tatsächliche Größe reduzieren, anstatt die Flagge zu hissen und die Nation zur Einheit im Krieg gegen die Bedrohung aufzurufen, betont Roy.

Wettbewerb um spektakulärste Dschihad-Geschichten

Das Gegenteil geschieht in Frankreich in diesen Tagen. Nicht nur die nationalen Medien wetteifern um die spektakulärsten Dschihad-Geschichten. Auch viele Politiker wollen das Thema für ihre jeweils eigenen Zwecke ausschlachten. Allen voran die politische Rechte. Die Front-National Chefin Marine Le Pen warnt vor den Rückkehrern aus Syrien und dem Irak, "die bereit sind in unserem Land barbarische Akte im Namen des Dschihad zu verüben."

Der konservative UMP-Ex-Minister Xavier Bertrand bezeichnet die Rückkehrer als Feinde des Inneren und fordert statt der Unschuldsvermutung eine Schuldannahme sowie außerordentliche Befugnisse für die Justiz. "Nun heißt es: Sie oder wir", betont Xavier.

Solche Töne werden nicht dazu beitragen, dass die ohnehin sehr ausgeprägte Islamophobie in Frankreich abnimmt. Unterhaltungen in den Cafés und auf den Märkten belegen, dass die Skepsis gegenüber den Muslimen zunimmt. Egal wie sehr sie auch versuchen, in dieser angespannten Situation auf der richtigen Seite zu stehen bzw. das Richtige zu tun, werden sie aller Voraussicht nach zu den Verlierern dieses Kampfes gegen den dschihadistischen Terrorismus gehören.

Birgit Kaspar © Qantara.de 2014
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