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Somalia: Terror verbreiten oder Terror säen?

Somalia: Terror verbreiten oder Terror säen?

Neues Deutschland, 8. November 2017

Somalia kommt nicht zur Ruhe. Der Kampf gegen die Gewalt könnte ein Faktor sein.

Plötzlich ist Mogadischu nicht mehr eine Stadt der Opfer, sondern des Widerstands. In der somalischen Hauptstadt haben in den vergangenen Tagen Tausende gegen den Terror der islamistischen Shabaab-Miliz protestiert. Haben ihren Zorn über die vielen Toten herausgeschrien und ihre Angst vergessen, die sie bislang immer daran gehindert hatte, sich in großen Mengen zu versammeln – es könnte ja sein, dass die radikalen Islamisten die Gelegenheit solcher Menschenansammlungen für ein neues Attentat nutzen.

Seit dem 14. Oktober ist die Wut der Bevölkerung größer als ihre Angst. An diesem Tag wurden bei der Explosion einer LKW-Bombe im Zentrum der Hauptstadt mindestens 360 Menschen getötet, hunderte weitere verletzt. Noch immer werden Menschen vermisst, die Zahl der Opfer könnte weiter steigen. Zu dem bisher schlimmsten Anschlag in der somalischen Geschichte hat sich vorerst niemand bekannt, aber es gibt Hinweise darauf, dass die Täter zur Shabaab-Miliz gehören, die Gruppe ist mit dem Terrornetzwerk Al Qaida verbündet. Am vergangenen Wochenende verübten die militanten Islamisten einen weiteren schweren Anschlag in der Hauptstadt. Durch die Detonation zweier Autobomben in der Nähe des Hotels „Nasa Hablod 2“ starben fast 30 Menschen, etliche weitere wurden verletzt. Die Zahl der Opfer könnte sich deshalb noch erhöhen. Die Shabaab-Miliz bekannte sich zu dem Anschlag. Präsident Mohamed Abdullahi Mohamed „Farmajo“ versprach der trauernden, aufgebrachten Menge, seine Regierung werde den Terroristen trotzen.

Der Präsident versucht seit Mitte Oktober, sich an die Spitze der Proteste zu stellen. Wenn ihm das nicht gelingt, könnte der Zorn der Bevölkerung ihn selbst aus dem Amt fegen. Zwei hochrangige Sicherheitsbeamte haben ihre Jobs über die beiden katastrophalen Anschläge vom Oktober bereits verloren: Am Sonntag wurden Polizeichef Dahir Saiid und Geheimdienstchef Abdullahi Mohamed Sanbaloosh entlassen.

Der 55-jährige Staatschef ist erst seit Februar im Amt, seine Wahl wurde als Zeichen der Hoffnung gefeiert. Der ehemalige Premierminister, der neben der somalischen auch die US-amerikanische Staatsbürgerschaft hat, galt als Reformer. Aber die Aufbruchsstimmung ist längst verfolgen. Die humanitäre Krise infolge einer schweren Dürre hält an. Die Korruption ist ungebrochen. Das Verhältnis zwischen der Zentralregierung und den Bundesstaaten ist weiterhin angespannt, die Spannungen zwischen den Clans sind nicht befriedet. Und die Shabaab-Miliz hat sogar wieder Gelände gewinnen können - obwohl die USA ihren Drohnenkrieg gegen die Islamisten ausgeweitet und zahlreiche Führer der Organisation getötet haben. Und trotz einer 22.000 Mann starken Truppe der Afrikanischen Union namens AMISOM. Außerdem ungeachtet aller Bemühungen, die Schlagkraft der somalischen Armee durch militärische Ausbildung zu erhöhen. Die Europäische Union versucht das seit 2010, die Bundeswehr beteiligt sich an der europäischen Ausbildungsmission mit rund zehn Soldaten. Seit dem Beginn der Mission haben die Europäer nach eigenen Angaben 5.000 somalische Militärs ausgebildet.

Neuerdings hat die Türkei noch weit ambitioniertere Pläne. Ende September eröffnete sie in Somalia für offiziell 50 Millionen US-Dollar ihre größte Militärbasis in Übersee. Unter anderem sollen türkische Offiziere dort in den kommen Jahren mehr als 10.000 somalische Soldaten ausbilden, immer 1.000 gleichzeitig.

Ob das alles hilfreich ist oder die Probleme vergrößert, ist offen. Es gibt mehrere Hinweise darauf, dass der Kampf gegen den Terror in Somalia womöglich den Terror schürt. Das jüngste Beispiel könnte der verheerende Anschlag vom 14. Oktober sein. Somalische Ermittler haben mehrere Hinweise darauf, dass der Anschlag eine Racheaktion ist für einen US-Militäreinsatz in Bariiere in Lower Shabelle, bei dem Ende August zehn Zivilisten getötet wurden. Darunter waren drei Jungen im Alter zwischen acht und zehn Jahren. Clanälteste von Bariire schworen der somalischen Regierung und ihren Verbündeten Vergeltung. Der Fahrer des sprengstoffgeladenen LKW, der am 14. Oktober in Mogadischu detonierte, stammte aus Bariiere. Er war ein ehemaliger Soldat, der vor zwei Jahren zur Shabaab-Miliz überlief. Es gibt weitere Zusammenhängte. So lassen sich auch zwei Fahrzeuge, die bei dem Anschlag verwendet wurden, nach Bariire zurückverfolgen. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die offensichtliche Nähe zwischen der Shabaab-Miliz und Ältesten der Clans – die Islamisten nutzen häufig andere Konflikte aus, um Menschen für ihre Zwecke zu mobilisieren. So gesehen sollte es die somalische Regierung in Panik versetzt haben, als das US-Militär ihr nach dem Anschlag Mitte Oktober noch weitergehende Unterstützung anbot. Neben den Drohnen sind auch jetzt schon US-amerikanische Spezialkräfte vor Ort.

In einem Ort, der ironischer Weise „Malable“ heißt, „Honig“, kann man das Scheitern der bisherigen Strategien im Kampf gegen den Terror erleben. „Malable“ ist ein Camp von Vertriebenen, eine Ansammlung baufälliger Hütten aus Wellblech und Plastikplanen, ein staubiger und heißer Flecken Verzweiflung am Rande einer Ausfallstraße aus Mogadischu, acht Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Das Lager ist mit Wellblech umzäunt, dahinter leben fast 720 Familien, also geschätzt 4.500 Menschen. 170 Familien davon seien Anfang September innerhalb von 14 Tagen gekommen. Das erzählt Nasra Hirsi Ahmed, die Leiterin des Camps. Ihr gehört der Boden, auf dem die Vertriebenen ihre Hütten errichteten. Das Land war eine Brachfläche, bis der Krieg eskalierte und die Menschen anfingen, um ihr Leben zu rennen. „Die Vertriebenen taten mir leid“, sagt Nasra, „deshalb habe ich ihnen erlaubt, sich hier niederzulassen“. Die Menschen sind aus Lower und Middle Shebelle geflohen. Die fruchtbaren Regionen im Süden Somalias sind zwischen der somalischen Armee und der Shabaab-Miliz besonders umkämpft.

Koresha Ali ist Anfang September aus Janale in Lower Shebelle nach Mogadischu gekommen, das Kriegsgebiet ist von der Hauptstadt nur knapp hundert Kilometer entfernt. Mit ihrem jüngsten Sohn auf dem Arm, dem dreijährigen Ahmed, steht sie vor ihrer kleinen Wellblechhütte und wartet auf Nachricht von ihrem Mann. Ihre drei übrigen Kinder, zwischen vier und sieben Jahre alt, weichen ihr nicht von der Seite. “Ich habe seit ein paar Tagen nichts mehr von meinem Mann gehört“, sagt die 35-Jährige. „Das ist ungewöhnlich. Sonst hat er uns regelmäßig etwas Geld geschickt, damit wir hier überleben können.“ Der Versand von Geld ist im kriegszerstörten Somalia die leichteste aller Aufgaben, das mobile Zahlen über Handy ist flächendeckend verbreitet. Dass sie ihren Mann seit Tagen nicht erreicht, macht Koresha Angst. „Die Chancen, dass er noch lebt, stehen 50:50. Womöglich ist er auch in Gefangenschaft der Shabaab.“ Vor 14 Tagen hatte er seine Frau und seine Kinder nach Mogadischu gebracht, um deren Leben zu retten. „Die Kämpfe in der Region sind zuletzt immer schlimmer geworden“, erzählt Koresha. Die Islamisten würden ihren Einfluss ausdehnen. Seit kurzem sei auch Janaale wieder in ihrer Hand. „Wenn sie ein Gebiet zurückerobern, bestrafen sie die Bevölkerung dafür, dass sie angeblich mit der Regierung zusammen gearbeitet hat.“ Sie gingen dann von Haus zu Haus und „fordern von uns unsere Kinder, damit sie für die Islamisten kämpfen“. Die Männer werden getötet oder in Gefangenschaft genommen. Womöglich erobert die somalische Armee die Region eines Tages zurück. Dann werden die Soldaten von Haus zu Haus gehen, auf der Suche nach mutmaßlichen Sympathisanten der Islamisten. So sei das jedenfalls in der Vergangenheit immer gewesen, sagt Koresha. Und dann sind da noch die Kämpfe der Clans, unter denen die Bevölkerung ebenfalls leidet. Trotz aller Gefahren in ihrer Heimatregion ging ihr Mann nach Lower Shebelle zurück, kurz nachdem er seine Familie in dem Camp Malable abgesetzt hatte. „Ihm war klar, dass er hier keine Arbeit finden würde.“ Es gebe zu viele Vertriebene und zu wenige Jobs, sagt Koresha. „Statt hier zu betteln, wollte er weiter die Felder bestellen. Er setzt sein Leben aufs Spiel, um uns zu ernähren.“ Der Gedanke, dass er sein Leben vielleicht schon verloren hat, treibt sie in die Verzweiflung.

„Als unser neuer Präsident gewählt wurde, war ich so optimistisch“, erinnert sich Nasra, die am Eingang des Camps steht. „Aber jetzt verlieren wir wieder alle Hoffnung. Die Situation in Somalia hat sich nicht verbessert, im Gegenteil.“

Kasten:
Somalia galt über zwei Jahrzehnte lang als Paradebeispiel eines „failed state“, eines gescheiterten Staates. Die Regierung war mit dem Sturz des Diktators Siad Barre im Januar 1991 kollabiert. Er hatte in den Jahren davor in allem den Kern des politischen Widerstands gesehen und Versammlungen jeder Art verhindert. Was er nicht unterbinden konnte, waren die Zusammenkünfte der Clans, der historischen Großfamilien. So nahm der politische Widerstand aus deren Mitte heraus seinen Anfang, geriet nach Barres Sturz im Januar 1991 außer Kontrolle, und die schwer bewaffneten Clan-Milizen legten das Land während der nächsten Jahre Stück für Stück in Schutt und Asche. Seit 2006 ist die islamistische Shabaab-Miliz in Somalia aktiv. Sie profitierte davon, dass der „Erzfeind“ Äthiopien 2006 in Somalia einmarschiert war, um den Krieg zu beenden. Das trieb viele Nationalisten in die Arme der Islamisten. Auch die Tatsache, dass der US-amerikanische Geheimdienst CIA mit somalischen Warlords paktierte, provozierte Wiederstand. Erst seit 2012 hat Somalia wieder eine „Zentralregierung“, die aber das Staatsgebiet bis heute faktisch nicht kontrolliert.