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Klicken, Kaufen, Umtauschen

RETOUREN Mehr Müll, unfairer Wettbewerb: Gratis-Rücksendungen bei Einkäufen im Internet stehen immer stärker in der Kritik. Foto: Tom Weller/DPA

Zwei, drei Klicks, einmal Wischen, sei es zu Hause auf dem Sofa, unterwegs im Zug oder heimlich im Büro - nie war Einkaufen so einfach und bequem. Seit dem Siegeszug von Smartphones und Tablets feiern Online-­Händler immer neue Rekordumsätze. Befeuert wird der digitale Kaufrausch von einer nicht unwesentlichen Zusatzleistung: Der Großteil der im Internet gekauften Waren kann kostenlos zurückgeschickt werden, ein Retourenschein liegt der Rechnung meist bei. Eingeführt zu Zeiten, als Versandhändler noch kiloschwere Kataloge verteilen mussten, entwickeln sich die kostenfreien Retouren heute immer mehr zu einem Problem für die Branche. Denn die Kunden nutzen das Angebot ex­zes­siv - und Händler und Lieferdienste ersticken zunehmend in einer Flut aus Päckchen und Paketen. Während sich die Online-Händler eher bedeckt halten, hat die Forschungsgruppe Retourenmanagement der Universität Bamberg konkrete Zahlen zu den Rücksendungen errechnet. Demnach haben deutsche Kunden allein im Jahr 2018 rund 280 Millionen Pakete mit knapp 500 Millionen Artikeln zurückgeschickt. Im europaweiten Vergleich nimmt Deutschland damit einen Spitzenplatz ein. „Dabei ist die Retourenquote verglichen mit früheren Erhebungen gar nicht wesentlich gestiegen. Die Leute bestellen einfach immer mehr, deshalb wird auch immer mehr zurückgeschickt", sagt Björn ­Asdecker, Leiter der Bamberger Forschungsgruppe. Die Folgen sind mittlerweile nicht mehr zu übersehen: In den Postfilialen türmen sich Berge an Paketen, Papiersammelstellen quellen über mit Verpackungsmüll und in den Städten verstopfen immer mehr Lieferfahrzeuge die Straßen. ­Asdecker benennt zudem weitere, weniger sichtbare Probleme: „Momentan zahlen Kunden, die wenig retournieren, den Preis für diejenigen mit, die viel retournieren. Denn natürlich legen die Händler die Kosten, die ihnen durch die Rücksendungen entstehen, am Ende auf den Kunden um. Das Verursacherprinzip wird an dieser Stelle mit Füßen getreten." Pro retourniertem Artikel enstünden laut Berechnungen der Bamberger Forscher Kosten in Höhe von 11,24 Euro. „Für kleinere Händler entsteht dadurch ein Wettbewerbsnachteil. Denn sie können sich kein automatisiertes und effizientes Retourenmanagement leisten, wie es größere Versandhäuser praktizieren", sagt ­Asdecker. Um den Online-­Handel fairer und nachhaltiger zu gestalten und die Summe der Pakete zu reduzieren, hält der Forscher eine gesetzlich verankerte Retourengebühr von zwei bis drei Euro für denkbar. Kunden könnten so dazu gebracht werden, weniger impulsiv zu kaufen und sich intensiver mit dem Produkt auseinanderzusetzen.


„Spenden statt wegwerfen" 

 Mit einem anderen Aspekt der Rücksendungen beschäftigte sich der Bundestag im Februar. Umweltministerin ­Svenja ­Schulze (SPD) will eine Obhutspflicht für den Umgang mit Retouren und nicht verkaufter Neuware gesetzlich verankern. So soll vor allem verhindert werden, dass hochwertige Produkte vernichtet werden, wie es derzeit bei rund vier Prozent der retournierten Pakete aus dem Online-Handel geschieht. Der Großteil der zurückgesendeten Waren wird schon heute weiterverkauft - laut den Bamberger Forschern fast 80 Prozent als A-Ware und weitere 13 Prozent als B-Ware. Wie die „Re:"-Reportage „Alles retour" im April zeigt, gibt es rund um die Reinigung und Aufbereitung von retournierten Artikeln inzwischen eine eigene Branche mit Hunderten Arbeitsplätzen. In Hamburg steht beispielsweise eines der größten Retourenzentren Europas, wo täglich bis zu 140.000 Artikel im Auftrag von großen Versandhäusern gecheckt und aufbereitet werden. ­Daniela ­Bleimaier vom Bundesverband E-Commerce und Versandhandel (bevh) versichert, dass die Händler „bereits heute alles technisch Machbare versuchen, um Waren nicht vernichten zu müssen". Zudem gebe es Überlegungen, den Teil, der wirklich nicht mehr verkauft werden kann, künftig vermehrt für soziale Zwecke zu spenden. „Da haben wir noch ungenutztes Potenzial, weil es zu viele Unsicherheiten gibt. Manche Händler würden Produkte, die sie nicht verkaufen können, gerne spenden, wissen aber nicht, wie sie passende Ansprechpartner finden." Außerdem werde die Spendenbereitschaft derzeit noch vom bestehenden Steuerrecht blockiert. Der bevh plädiere etwa dafür, systematische Spenden von der Umsatzsteuer zu befreien. „Spenden sollte nicht teurer sein als Wegwerfen", fordert ­Bleimaier.

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