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Wie Steady Journalist:Innen ein Stück unabhängiger machen will

17. Juni 2021

Die Publishing-Plattform Steady wirbt um Journalist:Innen, die unabhängig sein und ihr eigenes Ding machen wollen. Auf Steady sollen sie eine Community um sich scharen können - die idealerweise auch zahlt. Zum Beispiel für Newsletter.

Teresa Bücker, Ole Reißmann, Dirk von Gehlen, Hans-Martin Tillack oder Nils Minkmar: Dies sind fünf von mehr als 40 Journalist:Innen, die jetzt auf Steady ihre eigenen Newsletter schreiben oder auf diese Plattform umgezogen sind. Redaktionelle Newsletter liegen ja schon seit einiger Zeit im Trend und viele Verlage bieten sie an, aber auch andere Journalist:Innen - entweder auf der eigenen Website oder über eine E-Mail-Marketing-Plattform wie Mailchimp oder Substack. Nun bietet seit März 2021 auch Steady eine Newsletter-Funktion an. Sie ist Teil einer neu gestalteten Publishing-Plattform, auf der man auch direkt Blog-Posts veröffentlichen oder Podcasts hosten kann.

Das größte Potenzial scheint Steady, das 2017 als eine Art Abo-Dienstleister für Journalist:Iinnen und Medienschaffende gestartet ist, aber tatsächlich im Newsletter zu sehen: Sie „machen Journalist:innen, Podcaster:innen und Persönlichkeiten unabhängig von Algorithmen und Medienhäusern und können Türen zur Selbstständigkeit öffnen", heißt es auf der Website.

Steady setzt voll auf Mitgliedschaften

Kern aller Publikationen ist dabei eine Mitgliedschaft. Steady ermuntert jeden Publisher, seine Inhalte für einen monatlichen Betrag anzubieten. Wie hoch dieser liegt, kann jede dieser publizierenden Personen selbst entscheiden. Die meisten bieten drei verschiedene Preisstufen an. Je höher der Preis, desto höher die Gegenleistung, so der Grundgedanke.

Zehn Prozent Provision für Steady

Dass die Publisher Geld verlangen, liegt im ureigensten Interesse von Steady, denn von jeder Zahlung behält das Berliner Unternehmen zehn Prozent des Brutto-Verkaufserlöses an Provision ein. Dafür übernimmt Steady den ganzen Verwaltungsaufwand, kassiert die Mitgliedsbeiträge und stellt den zahlenden Mitgliedern Rechnungen aus. Von den Brutto-Einnahmen gehen neben der Provision noch die Zahlungskosten für Dienstleister wie Paypal und die Mehrwersteuer ab. Die übrig bleibenden Nettoeinnahmen überweist Steady dann einmal im Monat an seine Kundschaft.

2020 schüttete Steady zehn Millionen Euro an mehr als 1.000 Publisher aus. Auch wenn es sicher große Abweichungen nach oben und unten gibt: Im Schnitt sind das pro Publisher 10.000 Euro pro Jahr oder 833 Euro im Monat. Allein von einem Steady-Projekt werden also die wenigsten Publisher leben können.

Steady-Pressesprecherin Katrin Jahns verweist in diesem Zusammenhang auf ein Zitat von Wired-Gründungsredakteur Kevin Kelly: Alles, was ein Content Creator für finanziellen Erfolg brauche, seien 1.000 echte Fans - jene also, die potenziell alles kaufen würden, was der Kopf hinter einem Digitalmedium produziert.

Ein Teil der Community will auch zahlen

Die Vorstufe zu echten Fans ist eine Community. Also eine treue Anhängerschaft, die von der Expertise des Publishers ebenso überzeugt ist wie von seiner Art, das Thema aufzubereiten. „Gemeinsame Anschauungen können ein entscheidender Teil des Community-Gedankens sein, aber auch die Möglichkeit, an die Köpfe hinter einem Medium heranzutreten und Austausch zu ermöglichen - oder einfach mit einem Obolus Danke für die Arbeit zu sagen", beschreibt Jahns den Community-Begriff.

Der zahlungsbereite Teil dieser Community ist meist eher klein. Steady-Gründer Sebastian Esser spricht oft von der „Drei-mal-fünf"-Regel: Fünf Prozent der Community seien bereit, monatlich fünf Euro zu zahlen, wenn man sie fünf Mal danach gefragt hat.

Auch Fachjournalist:Innen sind auf Steady anzutreffen

Wenn diese Faustregel einigermaßen stimmt, bräuchte man schon eine ziemlich große Community, um davon leben zu können. Andererseits sagt Pressesprecherin Jahns: „Gerade bei Fachthemen, auch den besonders nieschigen, ist die Zahlungsbereitschaft höher - und sie steigt."

Auch Fachjournalisten gibt es auf Steady durchaus: DerApotheker, PhysioMeetsScience, ADHSSpektrum und MedWatch klären auf über Arzneimittel und Pseudomedizin. In den Newslettern Social Media Best Practice und THEFUTURE werden Netzthemen besprochen. Perlentaucher und 54books behandeln Literatur, The Pod und viele andere Steady-Publisher behandeln Games, Grenzwissenschaft-Aktuell informiert über Parawissenschaft und Anomalistik.

Mitglieder sind mehr als Abonnenten

Einige der Publisher machen auch transparent, wie viele Mitglieder sie schon haben und wie viel Geld sie monatlich dadurch einnehmen. Steady empfiehlt, diese Infos sichtbar zu machen: „Potenzielle Mitglieder unterstützen dich eher, wenn sie sehen, wie viele Menschen schon Mitglied sind und wie viel sie zu zahlen bereit sind", heißt es auf der Seite.

Auf den Begriff „Mitgliedschaft" legen die Steady-Macher großen Wert: „Wir gebrauchen bewusst den Begriff Mitgliedschaft, um ihn vom rein transaktionalen Charakter von Abos abzugrenzen. Denn viele Menschen unterstützen eben auch gerne ohne exklusiven Zugriff auf Inhalte hinter der Steady-Paywall", so Pressesprecherin Jahns.

Auch kostenloses Publishen ist auf Steady möglich

Auch wenn Steady dazu gedacht ist, den Publishern ein - zumindest kleines - regelmäßiges Einkommen zu verschaffen: Wer will, kann auch ein Projekt ohne Paywall starten und die Steady-Dienstleistungen kostenlos nutzen. Pro Monat sind bis zu 12.000 Newsletter und bis zu 1.200 Stunden Audio-Streams bzw. -Downloads frei. Erst wenn man diese Grenzen dauerhaft überschreitet, wird man von Steady kontaktiert. „Dann hast du eine Reichweite erreicht, in der es sich auf jeden Fall lohnt, ein Mitgliedschaftsprogramm zu starten", heißt es auf der Steady-Seite zu Publishing ohne Mitgliedschaften.

Mentor:Innen unterstützen Fellows, ihr Projekt zu verbessern

Um Publishern zu helfen, aus ihrer Idee ein erfolgreiches Projekt zu machen, gibt es seit Kurzem das „ Steady Fellowship Programm ". Interessierte können sich bei einem der sechs Mentorinnen und Mentoren bewerben, jede dieser Personen wählt dann einen Publisher als Fellow aus, den sie acht Wochen lang betreut. In 1:1-Coachings und Workshops sollen die Fellows drei Dinge erreichen: die Qualität ihres Projekts zu verbessern, ein größeres Publikum zu erreichen und es durch die Community finanzieren zu lassen.

Aber auch für Publisher, die nicht in den Genuss einer Fellowship kommen, hat Steady Beratungsangebote parat: Etwa einen Membership Crash Course, einen YouTube-Kanal oder viele How-to-Artikel im Steady-Magazin.

Einer Sache sollten sich aber alle potenziellen Publisher bewusst sein, bevor er oder sie versucht, ein Mitglieder-finanziertes Projekt aufzubauen: Eine Community lebt stark von der persönlichen Beziehung zwischen Publisher und Mitgliedern. Den zeitlichen Aufwand für die Betreuung der Mitglieder sollte man nicht unterschätzen.

Titelillustration: Esther Schaarhüls Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).

Bernd Oswald ist freier Journalist für mit den Schwerpunkten Medien und Netzwelt. Er arbeitet als Fact-Checker und Netzwelt-Autor für BR24, dem trimedialen Nachrichtenangebot des Bayerischen Rundfunks. Darüber hinaus gibt er als freiberuflicher Trainer Seminare zu Online-Recherche, Verifikation, Schreiben fürs Netz und Datenjournalismus.Er bietet vor allem Seminare zu Online-Recherche, Schreiben fürs Netz und Datenjournalismus an. Über neue Trends im digitalen Journalismus bloggt er auf er auf journalisten-training.de und twittert als @berndoswald. 2020 ist sein Lehrbuch „ Digitaler Journalismus. Eine Gebrauchsanweisung" auch als E-Book erschienen.

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