Bernd Eberhart

Wissenschaftsjournalist, Tübingen

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Reportage

Im tiefen dunklen Wald

Die Furcht vor wilden Tieren sitzt tief. Wie stark dieses Gefühl geprägt ist durch Gewohnheiten und Kulturen, zeigen drei ganz unterschiedliche Beispiele. Klar wird: Nur wenn Widtierökologen die Ängste der Menschen genau verstehen, kann Artenschutz gelingen.

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Im Forest of Dean ist der Krieg ausgebrochen. Aufgewühlte, aufgebrochene Erde. Niedergewalzte Zäune, zertrampelte Hasenglöckchenheiden, umgepflügte Vorgärten, kraterhafte Fußballfelder – die Spuren der Verwüstung sind überall. „Horrible“, sagen die Leute im Pub und auf der Straße, fürchterlich. Der blanke Horror hat Einzug gehalten hier in Gloucestershire im Westen Englands, unweit der Waliser Grenze. Doch sind es weder die Wikinger noch die Normannen, die hier wüten. Es sind die Wildschweine. In Anlehnung an den „Boer War“, den Burenkrieg, hat die lokale Presse den „Boar War“ ausgerufen im Forest of Dean, einem der ältesten Waldgebiete Englands – den Wildschweinkrieg.
Auch in waldigen Regionen Deutschlands sind Wildschweine als Plagegeister bekannt. Doch die Reaktionen in England sind weitaus heftiger. Von „rasiermesserscharfen Hauern“ schreiben die Zeitungen, von „furchtbaren Raubtieren“, von gezielten Attacken auf Menschen und abgebissenen Zeigefingerspitzen. Die Menschen hier sind nicht nur genervt. Sie haben tatsächlich Angst vor den wilden Schweinen. Auf die Frage nach dem wahrgenommenen Risiko, bei abendlichen Spaziergängen im Wald von einem Wildschwein verletzt zu werden, gaben ein Drittel der knapp 500 Befragten in einer Studie der University of Worcester die Antwort „hoch“ oder „sehr hoch“; 28 Prozent der Teilnehmer lassen ihre Kinder nun nicht mehr im Wald spielen, und ebenso viele verzichten der Wildschweine wegen auf Waldspaziergänge am Abend.
Der große Unterschied zur Situation in Deutschland: Für die Einwohner Gloucestershires, ja, von ganz Großbritannien sind Wildschweine in der Natur ein gänzlich neues Phänomen. Vor 700 Jahren schon waren die Tiere vermutlich auf der gesamten Insel ausgerottet, zumindest in freier Wildbahn. Im Jahr 1251 noch hatte der englische König Henry III. für das Weihnachtsmahl 200 Wildschweine aus dem Forest of Dean geordert, wie Aufzeichnungen belegen. Nur 31 Jahre später ging sein Nachfolger Edward I. leer aus. Zur Jagd hinzu kommt der jahrhundertelange Kahlschläge der Wälder: Um 1900 herum war die Waldfläche im vereinigten Königreich auf unter fünf Prozent gesunken. Heute hat sie sich immerhin auf 13 Prozent erholt – der EU-Durchschnitt liegt bei 37 Prozent.
Die Schweine im Dean, wie der Wald von Einheimischen genannt wird, sind späte Rückkehrer. Und das scheint meistens Probleme zu machen, in verschiedenen Teilen der Welt, mit verschiedensten Tierarten: dass sich die Menschen an ein komfortables Leben ohne sie gewöhnt hatten – und nun mit einem alten Problem neu konfrontiert sind. „Kommt eine Tierart wieder in unsere Wildnis zurück“, erklärt die Umweltpsychologin Maria Johansson von der schwedischen Universität Lund, „setzt das einen komplizierten Bewertungsprozess in Gang. Die Menschen müssen schlichtweg lernen, mit der neuen Situation umzugehen.“
Genau dabei will John Dutton helfen. Er ist keiner von den Wissenschaftlern, die sich zwischen Büchern verstecken. Der Ökologe von der nahe gelegenen Uni Worcester geht hinaus in den Wald und die Dörfer, klopft Sprüche und Schultern, lacht mit den Leuten und hört sich ihre Geschichten an – über zertrampelte Dahlien oder ängstliche Hundebesitzer. Nun steht er an dem Ort, an dem die Dinge – besser: die Schweine – ihren Lauf nahmen. Am Rande der Landstraße liegt eine große Parkbucht. Eine Englandfahne flattert, der „Gourmet Grill“ brutzelt Bacon and Eggs und kleine Schweinswürstchen. „Genau hier wurde 2004 die Gründerpopulation freigelassen“, ruft Dutton und stapft mit schweren Stiefeln durch die Brennnesseln. „Ein bankrotter Wildschweinfarmer musste seine letzten Tiere loswerden. Er hat sie auf den Laster gepackt, hier gehalten und einfach die Klappe aufgemacht.“ 60 wenig wilde Wildschweine haben sich aufgemacht in den Wald, haben angefangen zu buddeln, haben sich mit 15 anderen Ausbrechern zusammengetan und sich munter gepaart. 2008 war ihre Zahl auf rund 100 Tiere geklettert. 2012 wurde sie schon auf 500 geschätzt, und heute stöbern über 1200 Wildschweine durch das rund 110 Quadratkilometer große Waldgebiet.
Der Ökologe Dutton freut sich über die neuen Waldbewohner: „Unser Wald ist ziemlich tot. Da bringen die Wildschweine etwas Leben hinein.“ Für die Artenvielfalt seien sie sogar von Vorteil, erklärt Dutton. „Wenn sie den Boden aufwühlen, sind das Störungen. Und die fördern oft die Biodiversität.“ Auch den lästigen Adlerfarn helfen sie damit zu bekämpfen. Die Leute allerdings würden vor allem die negativen Eigenschaften der Schweine sehen. Und die Arbeit, die sie machen. Ärger, Wut, Unsicherheit, Angst, all diese Emotionen verknüpfen die Betroffenen mit den Tieren, bis hin zum blanken Hass. Fast ein Drittel aller in der Studie Befragten sähen es am liebsten, wenn alle Wildschweine im Dean getötet würden.
Ein anderer Ort, ein anderes Tier, ganz ähnliche Emotionen. Im Nordschwarzwald geht der Wolf um. Seit langem ist das Mittelgebirge Wolferwartungsland, immer wieder kamen einzelne Tiere auf Streifzügen über die Schweizer Grenze oder aus nordöstlicher Richtung. Einer scheint sich nun im Schwarzwald niedergelassen zu haben: der Wolfsrüde GW 852m. Aus dem Norden kam er im November 2017 in die Region um Bad Wildbad, und seitdem macht er Ärger. Er jagt Rotwild und ärgert die Jäger. Er reißt Schafe und ärgert die Schäfer. Und im April 2018 stürmt er im Blutrausch in eine Schafherde und erschüttert den gesamten Schwarzwald: 44 tote Tiere bilanziert der Schäfer am nächsten Morgen. Kaum ein halbes Jahr nach seiner Ankunft werden Stimmen nach seinem Abschuss laut – man muss schon sagen: GW 852m versteht sich nicht auf gelungene Öffentlichkeitsarbeit.

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Der gesamte Text ist erschienen im Science Notes Magazin Ausgabe 2, erhältlich am Kiosk oder unter www.snmag.de