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Ökostrom: Bienenfreundliche Blüher

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Manfred Kloker in seinem noch nicht ganz blühenden Blütenmeer.

Biogas ist nicht so umweltfreundlich, wie es klingt. Die Stadtwerke Nürtingen sind dabei, das zu ändern.

Durch den kargen Boden der Schwäbischen Alb hat sich eine kleine Pflanze emporgezwängt. „Eine Sonnenblume“, sagt Manfred Kloker. Eine recht einsame Sonnenblume, denn außer Steinen und Disteln ist Anfang Juni kaum etwas zu sehen auf Klokers Acker. Doch bald soll sich hier ein Bienenparadies auftun.

Fünf Wochen zuvor hat Manfred Kloker, Landwirt und Betreiber einer Biogasanlage, eine Mischung aus 25 größtenteils heimischen Pflanzen gesät. Buchweizen oder Malve sollen nicht nur Treibstoff für Klokers Biogasanlage bringen, sondern auch der Umwelt zugute kommen.

Möglich macht das ein neues Angebot der Stadtwerke Nürtingen: Bienenstrom, der aus erneuerbaren Quellen entsteht. Für jede verbrauchte Kilowattstunde zahlt der Kunde einen Cent drauf – dieser hilft Landwirten dabei, von klassischen Energiepflanzen auf weniger ertragreiche, aber bienenfreundliche Blüher umzusteigen.

Im Herbst 2017 suchte der Geschäftsführer Volkmar Klaußer ein neues Ökostrom-Konzept, für Kunden, die etwas Gutes bewirken wollen. Besonders problematisch erschienen ihm und seinen Kollegen Biogasanlagen. Seit dem ersten Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) im Jahr 2000 hat sich deren Zahl fast verzehnfacht, in Deutschland gibt es heute mehr als 9300 Anlagen. Gleich zwei davon stehen in Ehestetten auf der Schwäbischen Alb. Eine davon gehört Kloker.

Bei Anwohnern sind diese nimmersatten Strom- und Wärmeproduzenten unbeliebt, weil sie mitunter riechen und weil ständig Traktoren über die Dorfstraßen brettern, um Gärsubstrat zu liefern und Gärreste abzutransportieren. Landwirte, die kein Biogas produzieren, und Schäfer ärgern sich über die Konkurrenz um Anbau- und Weideflächen.

Umweltschützer kritisieren eine Abnahme der Biodiversität. Denn oft wird der hohe Biomassebedarf der Anlagen durch intensiv bewirtschaftete Monokulturen gedeckt. Je nach Feldfrucht können Bienen dort zwar viel Nektar oder Pollen finden, aber nach der Ernte drohen sie zu verhungern. Gerade der wegen seines hohen Gasertrages beliebte Mais steht in der Kritik, pestizid- und düngerintensiv zu sein und die Bodenerosion zu beschleunigen. Dies wollen die Stadtwerke mit ihrem Angebot beseitigen. Es soll Artenvielfalt begünstigen und so Bienen helfen.




Alois Heißenhuber, emeritierter Professor für Wirtschaftslehre des Landbaues an der Technischen Universität München, machte schon vor zehn Jahren auf die Kehrseiten des Biogas-Booms aufmerksam. „Doch die Politik hat sich für diesen Weg entschieden“, sagt er. „Die Anlagen sind da.“ Angesichts dieser Bedingungen kann er Projekte wie den Bienenstrom nur begrüßen: „Weniger Mais und mehr Abwechslung, das kann einige Probleme lindern.“

Seit Jahren experimentieren Landwirte mit Alternativen zu Monokulturen. Doch die liefern nur etwa halb so viel Energie pro Fläche wie Mais. Der Extra-Cent soll nun die Ertragsausfälle beim Umstieg auf die Blühmischung kompensieren. Der durchschnittliche Bienenstromkunde finanziert so über das Jahr rund 300 Quadratmeter Blütenmeer. Pro Kilowattstunde zahlt ein Kunde etwa in Stuttgart einen Brutto-Arbeitspreis von 26,86 Cent. Das entspricht dem bisherigen Ökostromprodukt der Stadtwerke Nürtingen. Mit Bienen-Aufschlag zahlt er 27,86 Cent – preisliches Mittelfeld für Ökostrom.

Gut 700 Euro Unterstützung im Jahr bekommen die Landwirte pro Hektar. Manfred Kloker, dessen Acker nun, Anfang Juli, blüht, zuckt mit den Achseln und lacht. Dieses Jahr wird er bestenfalls auf null herauskommen. In seiner ruhigen Art erklärt er, was ihn dennoch überzeugt hat: Die Blühmischung muss er nur alle fünf Jahre säen, so spart er sich Arbeit, Pestizide und Diesel. Im Frühjahr düngen, im Herbst ernten, mehr muss er nicht tun. Und: „Ich helfe der Umwelt und unserem Image“, sagt er.

Für aktuell 13 Hektar Bienenstromland haben die Stadtwerke die Finanzierung vorgestreckt, zehn Landwirte machen mit. Die Resonanz sei positiv, sagt Volkmar Klaußer von den Stadtwerken. Nur an den Kunden fehlt es noch. Obwohl deutschlandweit erhältlich, ist die Nachfrage gering – die ökologisch interessierte Zielgruppe scheint nicht gern den Stromtarif zu wechseln. ---


https://www.brandeins.de/magazine/brand-eins-wirtschaftsmagazin/2018/wetter/oekostrom-bienenfreundli...


Erschienen in brand eins Ausgabe August 2018




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