Bernd Eberhart

Wissenschaftsjournalist, Tübingen

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Reportage

Der Maharadscha der Tiere

Im indischen Gir-Nationalpark leben die letzten Asiatischen Löwen der Welt. Intensive Schutzmaßnahmen machen das Waldgebiet zum Löwenparadies – doch längst ist es zu klein für die wachsende Population. Seit Jahren schwelt ein Streit: Wohin mit den großen Katzen?



Der ganze Wald liegt still unter einer Schicht feinen Staubes. Die Fiedern der Akazien, die großen, ledrigen Teak-Blätter, die Bienennester in den Banyan-Bäumen, alles ist hellbraun bepudert. Der Staub nimmt dem endlosen Grün an Intensität und der morgendlichen Kühle ihre Feuchtigkeit, er taucht den Gir-Wald in die sandige Farbe der umliegenden Steppe. Die Farbe der Löwen.

Doch die Stille trügt, morgens um kurz vor sieben erwachen die Waldbewohner zwischen Blättern und Zweigen. Zwei Hanuman-Languren turnen gemächlich durch die Bäume. An langen Armen und dem noch längeren Schwanz hangeln die schlanken, silbergrauen Affen von Ast zu Ast. Ein paar Axishirsche schauen wachsam auf. Ohne die hübschen weißen Punkte könnte man sie glatt mit heimischem Rotwild verwechseln. Eine Rotmanguste huscht über den Weg. Es soll Glück bringen, einem der kleinen Räuber zu begegnen, erzählen sich die Einheimischen. In der Ferne ist ein lautes Stöhnen zu hören, wie ein heiseres Husten – es brüllt der Asiatische Löwe. Der Maharadscha der Tiere, er klingt gänzlich unroyal.

Das Gir-Schutzgebiet liegt im indischen Bundesstaat Gujarat, am südlichen Rand der Kathiawar-Halbinsel, die nordwestlich vom Mumbai weit in das Arabische Meer hineinragt. Der knapp 260 Quadratkilometer große Gir-Nationalpark bildet die Kernzone; Parkranger und Wissenschaftler sind die einzigen Menschen, die dort hinein dürfen. Ringsherum zieht sich als Pufferzone das Schutzgebiet, das auch für Touristen zugänglich ist. Zusammen ergibt das knapp 1500 Quadratkilometer Natur, Heimat für fast 70.000 Axis- und 4700 Sambarhirsche, für gut 4000 Nilgauantilopen – und für mehr als 300 Asiatische Löwen. Sie bilden eine eigene Unterart: Panthera leo persica ist ein wenig schmächtiger als sein afrikanischer Verwandter, die Mähne der Männchen ist nicht ganz so prächtig und eine charakteristisch ausgeprägte Hautfalte verläuft längs über den asiatischen Löwenbauch. Für die Katzen ist der Gir-Wald ein Paradies. Auf einen Löwen kommen mehr als 260 Huftiere. Dass er diese mit insgesamt gut 300 Leoparden und 150 Streifenhyänen teilen muss, dürfte ihn also kaum stören. Einst war der Asiatische, Indische oder Persische Löwe – seine vielen Namen verraten es schon – über ein riesiges Gebiet verbreitet, vom Balkan über den Nahen Osten bis hin zur Grenze des heutigen Bangladesch. Bis die stetig wachsende menschliche Bevölkerung immer mehr Platz für sich reklamierte. Und bis schießwütige britische Kolonialherren einen Sport aus der Löwenjagd machten, aus Langeweile, auch als Zeichen zivilisatorischer Überlegenheit.

Gewehre sind heute längst nicht mehr in Gebrauch im Schutzgebiet. Auf einer Lichtung sind die Ranger des Parks zusammengekommen. Nach der Nachtschicht strecken sie ihre müden Glieder in der Sonne; einige stützen sich erschöpft auf ihre massiven Holzstäbe. Diese sind die einzigen Waffen, die sie tragen. Ganz in der Nähe hätten sie kürzlich zwei Löwen gesehen, erzählen sie, und deuten tiefer in den Wald hinein.

Um die Wende zum 20. Jahrhundert war der Asiatische Löwe auch hier so gut wie ausgerottet. Weniger als 50 Exemplare waren im Wald verblieben, als endlich die Löwenjagd verboten wurde. Im Jahr 1965 – die Kolonisatoren waren seit 18 Jahren abgezogen – erklärte Gujarat den Wald dann zum Naturschutzgebiet. Von Beginn an hatte das Gir Wildlife Sanctuary eine Hauptaufgabe: dem Löwen diese letzte Heimat zu erhalten. Anfang der 70er Jahre wurde ein Großteil der einheimischen Hirtenvölker, der Maldhari, zwangsweise aus dem Waldgebiet umgesiedelt, 1975 offiziell der Nationalpark als zentraler Schutzraum ausgerufen.

Die jüngste Geschichte dieser Löwenart – und damit das wichtigste Kapitel in der Geschichte des Artenschutzes im Bundesstaat Gujarat – ist eine Erfolgsgeschichte. Bis 1974 war die Population auf 180 Individuen geklettert. 1995 waren es schon 304; von denen hatten sich gut 40 Tiere bereits aufgemacht über die engen Grenzen des Schutzgebietes hinweg. Der letzte große Löwenzensus kam vor drei Jahren auf insgesamt 523 Tiere. Mehr als 200 von ihnen waren aus der Schutzzone hinaus in die Welt gewandert, in die umliegenden Dörfer, sogar bis in die südlich gelegene Küstenregion um die Insel Diu. Wie gelang Gujarat dieser Erfolg beim Löwenschutz? Und: Wachsen dem Bundesstaat die Herausforderungen einer sich rasch erholenden Löwenpopulation nun über den Kopf?


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Artikel erschienen in "Natur" Ausgabe Juli 2018