Bernd Eberhart

Wissenschaftsjournalist, Tübingen

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Artikel

Meeresbiologie: Seepferdchen jagen mit ausgefeilter Tarnkappe

Sie schlagen blitzschnell zu, obwohl sie miserable Schwimmer sind: Seepferdchen sind geschickte Jäger. Das Geheimnis ihres Erfolgs versteckt sich in ihrer Schnauze.

Seepferdchen erscheinen stets ruhig und anmutig, grazil dümpeln sie in Seegraswiesen. Nichts vermag ihre erhabene Gelassenheit zu stören. Doch das alles ist nur ein Trick! Die bunten Fische sind erfolgreiche Jäger, ihre Fangmethoden hoch spezialisiert. Ein Team von Meeresbiologen an der University of Texas hat nun die spezielle Form des Seepferdchenkopfes genau untersucht. Denn hier liegt ihr Geheimnis. Das Ergebnis kann man im Magazin Nature Communications nachlesen: Die Tiere sind Meister der Tarnung; sie können sich ihrer Beute nähern, fast gänzlich ohne verräterische Wasserbewegungen zu verursachen.

Das ist von Vorteil, denn Seepferdchen sind schlechte Schwimmer. Ihre Beute allerdings ist blitzschnell: Flüchtende Ruderfußkrebse beispielsweise können innerhalb einer Sekunde das 500-Fache ihrer Körperlänge zurücklegen. Die kleinen Krebse sind außerdem stets auf der Hut vor Fressfeinden. Mit ihren sensiblen Antennen nehmen sie noch geringste Wasserbewegungen wahr und können so Angreifer frühzeitig erkennen; innerhalb von nur vier Millisekunden reagieren sie auf verdächtige Bewegungen. Die behäbig wirkenden Seepferdchen müssen also noch flinker sein, um satt zu werden - wenn auch nur für den Bruchteil einer Sekunde.

Unter Wissenschaftlern ist die Fangtechnik der Fische als pivot feeding bekannt, die eigentliche Fangbewegung dreht sich also um einen Angelpunkt, um eine bestimmte Achse. Diese liegt bei den Seepferdchen im gekrümmten Hals: Um ein Beutetier zu fangen, schnellen die Tiere ihren Kopf nach oben und saugen das Opfer in ihr Maul. Eine spezielle Sehnenkonstruktion wirkt dabei wie eine gespannte Feder. So kann Energie gespeichert und viel schneller in die Kopfbewegung umgesetzt werden, als es mit bloßer Muskelkraft möglich wäre.

So weit war das Verhalten der ungewöhnlichen Fische schon bekannt. Allerdings hat der empor schnellende Seepferdchenkopf nur eine sehr begrenzte Reichweite. Lange war nicht klar, wie die Tiere ihrer Beute überhaupt nah genug kommen, um ihren entscheidenden Schlag ausführen zu können. Schnell bewegen sie sich ja nur auf den letzten Millimetern. Die Hypothese der Biologen: Seepferdchen sind daran angepasst, ihre Bewegungen zu verschleiern, um die sensiblen Krebse nicht frühzeitig zu alarmieren.

Denn viele aquatische Lebewesen besitzen spezialisierte Strukturen, um feine Wellenbewegungen wahrzunehmen. Fische haben dafür zum Beispiel das Seitenlinienorgan. Im Gegensatz etwa zum Sehsinn ermöglicht so ein Organ Orientierung in alle Richtungen des Raumes. Egal ob der Feind sich von oben oder unten, hinten oder vorn nähert - er verrät sich durch die Wellen, die er schlägt. Tarnung bedeutet im Meer also auch, Wasserbewegungen so weit wie möglich zu vermeiden.

Tarnmodus mit abgewinkeltem Kopf

Um ihre Hypothese zu prüfen, mussten die Meeresbiologen um Brad Gemmell möglichst präzise erfassen, welche Strömungen ein Seepferdchen verursacht, wenn es langsam auf sein Futter zuschwimmt. Mit mehreren Kameras filmten sie die Tiere auf der Jagd im Versuchsaquarium. Anhand der Bewegung winziger Schwebeteilchen im Wasser errechnete ein Computer dann ein dreidimensionales Abbild der Wasserverwirbelungen, die rund um den Körper des Räubers entstehen.

Am Kopf des Seepferdchens konnten die Forscher zunächst keinen Unterschied zu anderen Fischarten erkennen: Relativ große, auffällige Verwirbelungen stellten sie fest; ähnlich auch am Körper. Einzig eine Stelle oberhalb der Schnauze des Seepferdchens unterscheidet sich deutlich auf den Bildern - das Wasser rund um diese Stelle wird kaum verwirbelt, von dort werden keine verräterischen Wellenbewegungen losgetreten. Im Laufe der Evolution wurde die Seepferdchenschnauze perfekt daran angepasst, nur minimale Strömungen zu verursachen. Seepferdchen tragen also eine Tarnkappe - wenn auch nur direkt auf der Schnauze.

Die Beobachtungen erklären das ungewöhnliche Bewegungsmuster der Tiere. Sie nähern sich ihrer Beute von schräg unten, der Kopf wird dabei immer in einem bestimmten Winkel gehalten. Nur so befinden sich die Seepferdchen im Tarnmodus - und können die flinken Krebse überlisten. Sie töten sozusagen aus dem portablen Hinterhalt. Wer hätte den hübschen Tierchen so etwas zugetraut.

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