Bernd Eberhart

Wissenschaftsjournalist, Tübingen

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Artikel

Kriminaltechnik: Mikroben verraten die Täter

Von Bernd Eberhart


Jeder Mensch trägt eine ganz individuelle Mischung unterschiedlicher Mikroorganismen im Körper und auf der Haut. Diese charakteristische Mischung lässt sich für die Spurensuche nutzen.

Spurensuche am Tatort: In Zukunft könnten Ermittler auch dank mikrobiologischer Analysen neue Erkenntnisse gewinnen.Foto: Mauritius

Stuttgart - In den letzten Jahre haben Mikroben ihr berüchtigtes Image mächtig aufpoliert: Neben den wenigen pathogenen Bakterienarten werden immer öfter auch die harmlosen oder gar nützlichen Mitbewohner in unserem Körper betont. Das Mikrobiom, also die Gesamtheit aller in und auf uns lebenden Mikroorganismen, ist mittlerweile als wichtiger Faktor für Stoffwechselprozesse oder die Immunabwehr bekannt. Und nun sind die mikroskopisch kleinen Lebewesen auch für verschiedene Methoden der Kriminaltechnik im Gespräch - die Mikrobe, dein Freund und Helfer.

Noch finden all diese Techniken ausschließlich im Versuchslabor statt. Aber an drei Anwendungsmöglichkeiten der forensischen Mikrobiologie wird derzeit bereits intensiv geforscht: an Mikrobiom-Fingerabdrücken, an der mikrobiellen Analyse der Raumluft und an der Bestimmung des Todeszeitpunktes. Sie alle rücken durch die moderne, schnelle Gensequenzierung in den Bereich des Möglichen.

Individueller Mikrobenmix

Die ersten beiden Methoden machen sich die einzigartige Zusammensetzung eines jeden Mikrobioms zunutze: Anhand der Zusammensetzung der uns besiedelnden Bakterienarten - jeder Mensch beherbergt eine individuelle Mischung von rund 1000 Bakterienarten - lassen sich Personen theoretisch eindeutig identifizieren. So zeigten Forscher der University of Colorado bereits 2010, dass sie die Benutzer von Computermäusen und Tastaturen mithilfe eines einfachen Abstriches zuordnen können - der auf der Oberfläche der Geräte lebende Bakterienmix macht es möglich.

Kollegen aus Chicago führten einen ähnlichen Versuch mit dem Display von Smartphones durch. Aus den genommenen Proben extrahieren die Forscher die bakterielle DNA - und können mit modernen ­Sequenzierungs- und Interpretationsmethoden die genaue Zusammensetzung der verschiedenen Bakterienarten bestimmen. Prinzipiell ließen sich auf diese Weise auch Oberflächen untersuchen, die von Tatverdächtigen berührt wurden.

Aussagen über die Lebensart

Zwar ist die Analyse von Fingerabdrücken oder herkömmlicher DNA-Proben deutlich einfacher und billiger. „Interessant für die Forensik ist aber vor allem, dass sich anhand des Mikrobioms Aussagen über die Lebensart treffen lassen", sagt Peer Bork, der am Europäischen Laboratorium für Molekularbiologie in Heidelberg die Abteilung für Bioinformatik leitet. So können per Bakterienprobe auch eineiige Zwillinge unterschieden werden - im Gegensatz zum DNA-Test. Auch den Gebrauch von Drogen, Antibiotika und anderen Medikamenten könnten die Mikro­biom­analysen verraten oder Hinweise liefern auf ein Alkoholproblem, das Herkunftsland, Alter und Geschlecht.

Selbst wenn keine exakte Zuordnung der Person möglich ist, ließe sich mithilfe der Bakterienproben also möglicherweise das Täterprofil schärfen und so die Ermittlungen in eine richtige Richtung lenken. „Allerdings steht die Wissenschaft damit erst ganz am Anfang", erklärt Bork. Auch sonst gibt es noch einige Herausforderungen für die forensische Mikrobiologie: Bislang gibt es keine Datenbanken zum Abgleich mit anderen Mikrobiomen, wie es sie für Fingerabdrücke oder DNA-Proben gibt. Zudem kann die Zusammensetzung des Mikrobioms, obwohl recht stabil, doch über die Jahre variieren und sogar bewusst manipuliert werden, etwa durch Antibiotika. Und wenn der Täter Handschuhe trägt, hinterlässt er nicht nur keine Fingerabdrücke, sondern auch keine bakteriellen Spuren - diese Technik wäre dann wertlos.

Mikroben in der Luft

Viel praktischer wäre es also, einfach die Mikroben in der Luft zu untersuchen. Denn selbst Handschuh tragende Täter müssen atmen - und pusten mit jedem Atemzug unzählige Bakterien in den Raum. Der Mikrobiologe Brendan Bohannan von der University of Oregon setzte Probanden in einer Studie für zwei bis vier Stunden in einen zuvor komplett sterilisierten Raum. Luftfilter fingen die ausgeatmeten Bakterien ein, und die anschließende Sequenzierung und Analyse der bakteriellen DNA identifizierte fast alle Versuchsteilnehmer zweifelsfrei. Der Versuchsaufbau im Reinraum ist allerdings höchst artifiziell - ob er sich jemals auf echte Kriminalfälle übertragen lässt, ist ungewiss. Der Heidelberger Peer Bork jedenfalls siedelt diese Technik eher in der Kategorie Utopie an.

Deutlich realistischer ist dagegen der Einsatz bakterieller Verbrechensaufklärung, um den Todeszeitpunkt festzustellen. Die Körperkerntemperatur und Anzeichen wie die Totenstarre sind nur für wenige Stunden bis Tage nach dem Exitus aussagekräftig. Darüber hinaus machen Kriminaltechniker den Zeitpunkt häufig an den verschiedenen Arten von Insektenlarven auf und in einer Leiche fest. So lässt er sich idealerweise auf ein oder zwei Tage genau eingrenzen. Doch die Methode ist nicht immer zuverlässig - beispielsweise ist sie stark von Wetter und Temperaturen abhängig, bei tief vergrabenen Toten funktioniert sie überhaupt nicht.

Bakterien-Reihenfolge in Leichen

Bakterien und Pilze könnten diese Methode nun ergänzen oder verfeinern. Denn auch die Kleinstlebewesen halten sich an genaue Reihenfolgen, welche Art sich wann über einen verwesenden Körper hermacht. Wissenschaftler von der University of Colorado und der University of Chicago testeten ihren Ansatz zunächst an verwesenden Mäusen, später auch an vier vergrabenen menschlichen Leichen. Ihre Ergebnisse waren mindestens so präzise wie die der etablierten Insektenmethode. Nun muss die bakterielle Todesuhr richtig geeicht werden. Deshalb untersuchen die Forscher nun mit ihrer Methode insgesamt 36 Leichen über jeweils mehrere Wochen hinweg, wie sich die bakterielle Besiedelung an drei verschiedenen Orten und zu den verschiedenen Jahreszeiten verändert.


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