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Reportage

Eskalation (Meaningful)

Bastelnachmittag beim Junggesellinnenabschied. Der letzte Akt einer modernen Inszenierung. (Aus: Klartext-Magazin der Deutschen Journalistenschule)

Prolog: Wir sehen ein Brautmodenatelier in Köln. Große Fensterfronten, Kleiderstangen mit Brautkleidern, weiße Sessel und in der Mitte ein Bierzelttisch. Der Tisch ist mit einer Tischdecke, Kübeln voll Blumen und Sektgläsern zweckentfremdet, denn an ihm wird heute gebastelt. Im Halbkreis um den Tisch herum die Braut (lange dunkle Haare, weißes T-Shirt, weißer Haarreif mit Mickey-Mouse-Ohren, Schleife und Schleier) und die Junggesellinnen (lange dunkle Haare, schwarze T-Shirts, glitzernde „Team Braut“-Tattoos am Handgelenk). Mittendrin die Weddingplanerin (kurzer brauner Bob, Sneaker mit Sohle aus wildem Gummi aus dem Amazonaswald).
– Du bist die Braut?
– Ja.
– Herzlichen Glückwunsch! Weißt du was wir heute machen?
– Nein.
– Das ist dein JGA, wir basteln heute eine Flower Crown!
Jubel und Juhu. Jacken werden ausgezogen, alle setzen sich auf die kleinen Schemel um den Bierzelttisch. Die Atelierbesitzerin (blonde lange Haare, schwarz-weißes Kleid, Hahnentrittmuster) kommt mit Getränken.
– Trinkt jemand nicht?
Zustimmung, Ablehnung. Sekt, Wasser und Ingwerlimonade werden verteilt.

Die Weddingplanerin (29, selbstständig, bietet auch Gin-/ Cocktail-/Wein-Tastings und Make-Up-Shootings für JGAs an) erklärt: Draht an den Kopfumfang anpassen, Blumen aussuchen, Stängel nicht zu kurz schneiden (!), Klebeband um Stängel und Draht wickeln. Die Junggesellinnen (der Einfachheit halber wollen wir sie so nennen, tatsächlicher Beziehungsstatus der neun Frauen unklar) beginnen zu wickeln. Im Hintergrund läuft „Bubbly“ von Colbie Caillat.

It starts in my toes, and I crinkle my nose
Wherever it goes I always know

Jetzt auch auf dem Tisch: Getränkedosen mit eigens für diesen Anlass gebastelten Etiketten. Darauf steht: „Drunk in Love Aylins JGA 07.03.2020“. Die Braut (seit fünf Jahren zusammen, Hochzeit war bereits im September, große Feier aber erst im April) sitzt am Kopfende des Tisches. Neben ihr die Brautjungfer (auch „Bridesmaid“ oder JGA-Koordinatorin).
– Das hier ist total beruhigend.
– Die Ruhe vor dem Sturm. Warte ab, gleich kommt der Bauchladen.
– Haha, ja klar.
– Du denkst, ich sag das nur so.
– Dafür muss ich angetrunken sein, freiwillig zieh ich so ein Ding nicht an!
– Darum bist du ja hier!
Die Frauen basteln vor sich hin, reden, lachen, trinken. Das MacBook Air (ältere Generation) spielt „SexyBack“ von Justin Timberlake feat. Timbaland.

I’m bringin’ sexy back (yeah)
Them other boys don’t know how to act (yeah)

Der Junggesellinnenabschiedsgegenentwurf (Bauchladen, Fußgängerzone, Klopfer, Stripper) wird immer wieder thematisiert (ironisch). Hier zeigt sich ein relativ neues Phänomen: Bastel-Workshop beim Junggesellinnenabschied.

In der Küche nebenan. Die Weddingplanerin (kein Büro, nur Homeoffice) unterhält sich mit der Atelierbesitzerin (auch Besitzerin der Küche, der Wohnung, des zu benutzenden Badezimmers). Die Weddingplanerin (freundlich, bedacht) erzählt von ihrer Selbstständigkeit: Der Anfang war schwierig, viel Kaffeetrinken gehen, aber jetzt läuft es. Die Atelierbesitzerin (hat hier wenig zu tun) öffnet Sektflaschen und erklärt den in die Küche laufenden Junggesellinnen, wo ihr Badezimmer ist. Aus dem Atelier hört man Lachen und Gespräche, dann ist es plötzlich wieder ganz still (verdächtig).

Zurück im Atelier. Kurze Fortschrittskontrolle durch die Weddingplanerin (vertraut auf learning by doing). Hilfe (wo nötig) und Gläserauffüllen (wo nötig). Auf „Don’t Cha“ von The Pussycat Dolls folgt „Crazy in love“ von Beyoncé.

I’m looking so crazy in love’s
Got me looking, got me looking so crazy in love

– Voll die gute Playlist!
– Sie heißt „JGA Mädels Party“.
– Hahaha. Welches Mädchen hat nicht zu dieser Playlist getanzt?

Es folgen Anekdoten aus der gemeinsamen Jugend/Adoleszenz. Das hier ist der Abschied von beidem. Der Junggesell*innenabschied gehört zum Heiraten dazu. Er ist eine Tradition (schwierig), aber irgendetwas hat sich verändert, sonst wären wir nicht hier, sondern in einer Fußgängerzone. Sonst würden wir keine Handarbeit, sondern Kondomverkauf sehen. Wie so oft ist wahrscheinlich das Internet/Instagram Schuld. Die öffentliche Demütigung (heutzutage gut auf mobilen Endgeräten festzuhalten) ist nicht mehr angesagt. Eskalationsverweigerung Bastelnachmittag. Hier wird etwas Sinnvolles geschaffen (auch: meaning/purpose). Etwas, das nachhaltiger ist als ein Rausch. Alkohol (übermäßiger Konsum) ist trotzdem auch hier im Brautmodenatelier Thema. Es wird über den weiteren Verlauf des Abends gemutmaßt und es werden Analogien zu vergangenen Abenden gezogen.
– Ich konnte zwar laufen, aber nicht geradeaus.
– Hahaha.
– (Name) hat mich abgeholt.
– Welcher Ex war das nochmal?
– Halb Italiener, halb deutsch.
– Ach der „Warum hast du auf der Arbeit Eyeliner drauf?“ haha.

Wir sehen: Blumen und Emanzipation schließen einander nicht aus. Andere Themen: Kinderkriegen und der Wendler. Die Weddingplanerin (auch auf Instagram aktiv) läuft unterdessen um den Bierzelttisch herum, hilft den Junggesellinnen und macht Fotos (mit ihrem eigenen Handy und auch mit fremden Handys). Es läuft „Señorita“ von Kay One und Pietro Lombardi.

Ich check’ deine Instastory
Und like jedes Bild von dir
Add mich bei Snapchat, schick deinen Ex weg
Bist du bei mir, hau’ ich dich direkt weg

Einige der Junggesellinnen sind draußen (Sonnenschein, kalter Wind) und rauchen.

Ein Sektglas kippt um, die Atelierbesitzerin (hat vorher noch gesaugt) eilt mit einem Handtuch herbei und schenkt nach. Das Knabberzeug auf dem Bierzelttisch (Käsestangen, Weingummis) ist von zunehmender Beliebtheit. Die Drähte sind vollständig mit Blumen und Klebeband umwickelt, die Blumenkränze fertig. Die Weddingplanerin (zunehmend erschöpft) bindet jeden einzelnen vor dem großen Spiegel in der Ecke des Ateliers mit einem Schleifenband am Junggesellinnenkopf fest. Eine Junggesellin legt sich den Blumenkranz an und hält kurz die Pose, damit sie fotografiert werden kann.
– Modeln kann ich auch!
– Was kannst du eigentlich nicht?
– Hausfrau sein, haha!

Die Braut (war mit ihren Freundinnen zum „Frühstück“ verabredet) zieht den Blumenkranz über ihren Mickey-Mouse- Schleierhaarreif. Es folgen Pflegehinweise:
– Ich weiß ja nicht, wann ihr heute nach Hause kommt, aber am besten legt ihr die Kränze dann flach hin und besprüht sie mit Haarspray, dann halten sie länger.
Allgemeine Zustimmung.
– Dann könnt ihr sie auch getrocknet in diese dicken Bilderrahmen machen, das ist eine schöne Erinnerung!
– Ooooooooh, danke für den Tipp!
Es läuft „Tik Tok“ von Kesha.

Before I leave, brush my teeth with a bottle of Jack
’Cause when I leave for the night,
I ain’t coming back

Die Junggesellinnen (mit Blumenkranz auf dem Kopf) machen Selfies. Und Bilder. Und noch mehr Selfies. Die Weddingplanerin (unter Innovationsdruck) erzählt, wie der Blumenkranz-Workshop jetzt schon ins dritte Jahr geht.
– Diese Saison können wir den noch machen, aber die, die jetzt hier sind, werden das nicht noch einmal machen.
Nebenbei beginnt sie aufzuräumen. Um halb vier kommt die nächste Junggesellinnenabschiedsgruppe.
– Man muss dran bleiben. Immer was Neues machen. Ich glaube aber, der Trend geht zu gemischten JGAs. Im Moment ist es so: Frauen machen Blümchen, Männer machen Zigaretten.

Jetzt noch ein Gruppenfoto. Eine Junggesellin holt eine Fusselrolle aus ihrer Handtasche und rollt ihr T-Shirt ab. Draußen (Gegenlicht) stellen sich die Frauen in einer Reihe vor die große Fensterscheibe des Ateliers. Sie lächeln. Wieder drinnen gehen sie noch einmal auf die Toilette der Atelierbesitzerin, holen ihre Jacken und ziehen weiter. Wohin, wissen wir genauso wenig wie die Braut (weiß nicht, wie der Abend weitergeht). Im Atelier beginnen die Aufräumarbeiten. Tischdecke abziehen, Fußboden saugen, neu aufdecken. Dann Kaffeepause. Gespräche über Beziehungen und Hochzeiten mit Weddingplanerin (vergeben) und Atelierbesitzerin (ledig, ein Sohn), dann Auftritt JGA-Gruppe zwei. Zeit, den Spielort zu verlassen.

Epilog: Spätabends am Kölner Hauptbahnhof. Während irgendwo in der Stadt bald Blumenkränze zum Trocknen hingelegt und mit Haarspray besprüht werden, zieht ein rosaroter Panther über die Domplatte. Um ihn herum eine johlende Gruppe Männer und ein Bauchladen um seinen Hals. In seinem Gesicht: betrunkene Resignation. In den anderen Gesichtern: feixende Freude. Noch einmal leiden, dann Ehe. Ende.