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Do-it-yourself-Kommerz hat die echte Kreativität getötet

Foto: Nuchylee / photocase.com Bearbeitung: Jessy Asmus

Ich stehe vor dem Regal mit Farbkarton und muss daran denken, wie ich acht Jahre alt bin und heule. Ich heule, weil ich mich beim Adventsbasteln am Lötkolben verbrannt habe und das nur, weil ich glaubte, die selbst gebastelte Weihnachtskarte könnte durch ein kleines Holzschild mit der Aufschrift „Mama“ noch aufgepimpt werden. Ich blicke von der wulstigen Narbe auf meiner rechten Hand auf, scanne mit meinem Blick die verschiedenen Papierbögen ab und denke darüber nach, womit ich meine Weihnachtskarten in diesem Jahr aufpimpen kann. Es ist Samstag in einem großen Einkaufszentrum im Kölner Osten. Das Bastelgeschäft, in dem ich stehe, bildet mit den gegenüberliegenden Geschäften eine Schneise, durch die sich an diesem Adventswochenende Hunderte Menschen drängen, die ihr zu knappes Geld für unnötige Weihnachtsgeschenke ausgeben sollen. Es ist stickig und stinkt nach Fett.


Neben mir entdecke ich einen Pappaufsteller mit „DIY cards“, neudeutsch für „selbst gebastelte Karten“. Es sind kleine Pakete, in denen Karten mit „Merry Christmas“-Aufdruck, Briefumschläge, weihnachtliche Sticker und sternförmiges Konfetti verpackt sind. Auf ihrer Rückseite steht die Bastelanleitung:


1. Passende Sticker auf Karte kleben

2. Umschlag mit Konfetti füllen

3. Umschlag mit Stickern verzieren


Gleich mache ich mir Sorgen, dass die Karten niemals ihre Empfänger erreichen werden, da die Schritte vier „Adresse draufschreiben“ und fünf „Zur Post bringen (Briefmarke nicht vergessen!)“ nicht aufgelistet sind. Dann denke ich darüber nach, warum ich eigentlich noch glaube, Pappkarton-Bögen für selbst gebastelte Karten zu brauchen, während andere einfach kleine Do-it-yourself-Päckchen kaufen, in denen schon alles drin ist.


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