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Schmalhansstrategien retten keinen Verlag

Zuverlässig, schnell, immer zur Stelle - keine Zeitung oder Zeitschrift, die nicht auf freie Mitarbeiter angewiesen wäre. Worüber Medien aber immer schweigen, ist die oftmals schlechte Bezahlung der freien Journalisten. 2000 Euro verdienen im Schnitt freie Journalisten im Monat, sagt Benno Stieber, Vorsitzender von „Freischreiber“ im Interveiw mit dem Kress Report.

Als Berufsverband für freie Journalistinnen und Journalisten setzt sich „Freischreiber“ für bessere Arbeitsbedingungen ein. An diesem Samstag wird bei der Mitgliederversammlung auch der „Himmel-und-Hölle-Preis“ für die beste oder fieseste Redaktion verliehen. https://kress.de/tagesdienst/detail/beitrag/130602-wer-hat-die-fairste-und-fieseste-redaktion-die-no...

Seit Anfang 2012 führt der Journalist Benno Stieber „Freischreiber“. Gegenüber kress.de beklagt Stieber den schwierigen Austausch mit regionalen Verlagen, lobt die souveräne Reaktion von „Zeit-Online“-Chef Jochen Wegner auf die Nominierung für den „Hölle-Preis“ 2015 und verrät, womit sich die Politik endlich beschäftigen muss - dem Urheberrecht.

Herr Stieber, alle reden davon, wie wichtig es ist, tolle Beiträge zu haben, unique sollen sie sein, authentisch und natürlich exklusiv. Das muss doch wahrlich ein Paradies sein für freie Journalisten! Wie geht es den freien Journalisten in Deutschland?

Benno Stieber: Was unique und sexy ist, kostet auch Geld. Wir sehen aber, dass den gesteigerten Anforderungen meist keine angemessene Bezahlung gegenübersteht. Die Zahlen sind ja bekannt: freie Journalisten verdienen im Schnitt etwas über 2000 Euro im Monat. Das ist zu wenig für oft maßgeschneiderte Inhalte und es ist zu wenig im Vergleich zu den festangestellten Redakteuren. Man sieht aber auch, dass es immer wieder Blätter gibt, die ihr Budget klugerweise in angemessene Honorare stecken. Das sind übrigens oft eher die kleinen Verlagshäuser, denen es gelingt, angemessene Honorare zu bezahlen - und eigentlich nie die Tageszeitungen.

„Zeit“-Redaktion schreitet voran - Nachahmer willkommen

Sie stehen „Freischreiber“ vor, der sich einzig um die Belange freier Journalisten kümmert. Was waren die großen Themen im vergangenen Jahr für Ihre Organisation?

Benno Stieber: Das Thema das über alle steht, ist natürlich die Veränderung der Verlagslandschaft und die Frage: Wie stellen wir uns darauf ein? Dafür haben wir im vergangenen Jahr mit der Freienbibel das wohl modernste Praxishandbuch für Freie herausgebracht. https://www.freischreiber.de/service/freienbibel/ Wie dramatisch sich Verlage gerade verändern und wie dabei oft der Journalismus gefährdet wird, spiegelt zum Beispiel auch unsere Nominierung von Gruner und Jahr für den Höllepreis wieder. Da wird ein Verlagshaus, das für Journalismus stand, wie kaum ein zweites in Deutschland zum Haus der Inhalte ausgebaut und gleichzeitig kündigt man diejenigen die diese Inhalte liefern sollen. Man sagt zwar, man will künftig mehr auf Freie setzen aber gleichzeitig werden seit Jahr und Tag Journalisten viel zu spät bezahlt und ihnen die Beteiligung für Weiterverwertungen wo es geht vorenthalten. Wertschätzung für Inhalte und Autoren sieht anders aus! Die Krise bietet aber auch die Chance mit Verlagen über Arbeitsbedingungen ins Gespräch zu kommen. So freuen wir uns, dass die „Zeit“ immerhin neun von zehn Punkten unseres Code of Fairness unterschrieben hat, weil sie erkennen, dass sie auf Freie angewiesen sind. https://www.freischreiber.de/aktuelle/zeit-code-of-fairness/ Dem waren längere Verhandlungen vorausgegangen. Dabei sieht man aber auch, dass oft die Redaktionen in den von uns formulierten Grundsätzen Vorteile für sich sehen: Professioneller Umgang mit Autor und Manuskript kann Zeit und Geld sparen und Fehler vermeiden. Wir hoffen jetzt auf Nachahmer.

„Verbandsklagerecht muss kommen“

Und was muss aus Ihrer Sicht in diesem Jahr unbedingt auf die Agenda?

Benno Stieber: Es muss sich endlich etwas im Urheberrecht tun. Schon lange beteuert jeder Justizminister, dass der Urheber gestärkt werden muss, aber bisher ist da wenig passiert. Der wichtigste Punkt dabei ist das Verbandsklagerecht. Damit nicht mehr ein Autor seinen Auftraggeber verklagen muss, wenn er nicht angemessen bezahlt wird. Diese Forderung verfolgen wir übrigens gemeinsam mit den andere Verbänden DJV und Verdi. Auch müssen wir weiter dafür streiten, dass Autoren im Print wie auch Online für jede Verwertung ihrer Texte angemessen bezahlt werden und die Kontrolle über die Veröffentlichung ihrer Texte behalten.

„taz hat es sich zu einfach gemacht“

Am Samstag verleihen Sie in Hamburg den „Himmel-und-Hölle-Preis“, wollen dort die besten und fiesesten Redaktionen des Landes auszeichnen. Zu den Nominierten beim Hölle-Preis 2015 gehören mit „Zeit Online“ und der „taz“ sogar zwei Titel, die Journalisten besonders mögen. Was hat die „taz“ aus Ihrer Sicht falsch gemacht?

Benno Stieber: Die taz hat entdeckt, dass Ihre Korrespondenten, die von der Handball WM berichtet haben, auf Kosten des Welthandballverbands dorthin gereist sind. http://www.taz.de/!153261/ Das verstößt natürlich gegen journalistische Standards. Allerdings hat die taz es sich bei der Lösung des Problems sehr einfach gemacht und die Korrespondenten einfach sehr öffentlichkeitswirksam gefeuert. Eine vollkommen überzogene Reaktion, ein fest Angestellter hätte höchstens eine Verwarnung bekommen.  Mit dem Rauswurf hat sich die taz zudem um eine unangenehme Wahrheit in dieser Krise gedrückt: Nur wer Freie angemessen bezahlt, kann auch erwarten, dass er unabhängigen hochwertigen Journalismus bekommt. Und wer schon mal für die taz gearbeitet hat, weiß, dass man von dem Zeilenhonorar nicht zwei Wochen in Katar verbringen kann. Da hätte sich auch die Sportredaktion ein paar fragen stellen müssen, zum Beispiel über die Produktionsbedinungen die sie bieten. Aber man hat lieber laut „haltet den Dieb“ gerufen.

Auf Twitter hat Jochen Wegner, Chefredakteur von „Zeit Online“, angekündigt, die Nominierung für den Negativ-Preis „zu Herzen zu nehmen“. Nehmen Sie ihm das ab?

Benno Stieber: Ich habe keinen Grund, ihm das nicht zu glauben. Ich fand seine Reaktion ziemlich souverän. Jeder Chef muss einsehen, dass man einen Freien nicht per Twitter feuern und damit quasi dem öffentlichen Rufmord preisgeben darf, wie er es im letzten Jahr mit einem freien Osteuropa-Korrespondenten getan hat. http://www.newsroom.de/news/detail/$IWBNLVHPLRHL/ Der Kollege ist heute zum Glück sehr gut im Geschäft er hat es gut überstanden. Aber in dieser Sache hat es sich Zeit Online genauso einfach gemacht wie die taz. Übrigens hat Herr Wegner diese Woche öffentlich gesagt, er könne sich gut vorstellen, unseren Code of Fairness https://www.freischreiber.de/positionen/code-of-fairness/ zu unterschreiben, wie es die taz bereits getan hat. Wir werden also bald miteinander reden.

Schmalhans-Strategien retten keinen Verlag

2013 haben Sie den „Bonner General-Anzeiger“, 2012 „Sonntag Aktuell“ mit dem Hölle-Preis ausgezeichnet. Haben Sie in den Häusern mal nachgefragt, ob sich etwas geändert hat?

Benno Stieber: Nein, man muss sagen, dass der Dialog der regionalen Verlagen mit uns sehr schwierig ist. Beim Bonner Generalanzeiger musste ja erst ein Gericht bei der Einsicht nachhelfen, dass man einen festen Freien angemessen bezahlen muss, den man lieber gekündigt hatte, als ihn nach den Vergütungsregeln zu entlohnen. Bei Sonntag Aktuell, dem Preisträger 2013, war die schlechte Behandlung der freien Autoren ja sogar Teil des Geschäftsmodells. Dort gab es eine Verwertungskette der Artikel die von Stuttgart bis nach München zu Abendzeitung gereicht hat. Die Texte wurden für maues Zeilenhonorar zigfach veröffentlicht. Dass solche Schmalhans-Strategien auf Kosten der Autoren keine Rettung sind, kann man ja heute an der Abendzeitung sehen.