Benjamin Moscovici

Freier Journalist Westafrika, Lüneburg

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Reportage

Isha Johansen - Porträt

Wer die Präsidentin des Fußballverbandes von Sierra Leone zu Hause besucht, sieht im Eingang ein Selfie mit Cristiano Ronaldo. Ein Groupie? Das Gegenteil ist der Fall

Isha Johansen ist keine Frau, die man zur Feindin haben will. An die Spitze eines nationalen Fußballverbandes kommt man nicht ohne Killerinstinkt, Intelli-genz und Ausdauer, erst recht nicht in Sierra Leone. Die 54-Jährige aber hat es geschafft, als erst dritte Frau auf der Welt.Völlig überraschend wurde sie 2013 an die Spitze ihres Verbandes gewählt. Alle drei Konkurrenten waren zuvor aus formalen Gründen disqualifiziert worden. Seither gilt Johansen als eine der mächtigsten Frauen im Fußball. Als FIFA-Präsident Sepp Blatter im Juni 2015 seinen Rücktritt erklärt, fragen sich man-che, ob nicht Isha Johansen eine geeigne-te Nachfolgerin wäre. Warum nicht mal eine Frau? Noch dazu Afrikanerin. Das perfekte Gesicht für einen Wandel im männerdominierten Weltfußball.Eben noch hat sie mit ihren Hun-den im Wohnzimmer gespielt, jetzt steht sie auf dem Weg ins Stadion im Stau und erklärt dem System den Krieg. Johansen gestikuliert wild, hat den Journalisten auf dem Rücksitz vielleicht für einen Moment vergessen. Am Telefon ist ein Vertrauter. Vor kurzem hat sie erfahren, dass das Korruptionsverfahren, das seit 2016 gegen sie läuft, in die nächste Run-de gehen soll. „Aber wir sind vorbereitet, lass sie nur kommen“, schnaubt sie ins Handy. „Jetzt ziehen wir die Samthand-schuhe aus. Das wird ein Gemetzel.“Der alte weiße Geländewagen wird durchgeschüttelt, als ihr Fahrer zu wen-den versucht. Im Tal sieht man schon das Stadion, wo eine FIFA-Delegation auf Jo-hansen wartet. Eine Gruppe Schiedsrich-ter aus Sierra Leone hat einen Lehrgang absolviert und soll jetzt die Zeugnisse erhalten. Natürlich im Beisein der Ver-bandspräsidentin. Doch eigentlich hat Johansen für so etwas im Moment keinen Kopf. Sie dreht sich um und doziert: „Ich werde dieser beschissenen Korruption den Krieg erklären. Dem Einfluss der Sportwettenmafia, der Politik, einfach jedem, der sich einem sauberen Fußball in Sierra Leone in den Weg stellt.“Die internationale Presse liebt die charismatische Powerfrau aus Westafri-ka. Gutaussehend, eloquent, perfektes britisches Englisch: Isha Johansen ist nicht nur ein Vorzeigegesicht für einen vorsichtigen Wandel in der FIFA, son-dern auch für einen Wandel in Afrika. Dynamisch und voller Unternehmer-geist, steht sie für einen Kontinent, der die Schrecken der Vergangenheit endlich hinter sich lassen will.Sie selbst kennt sie nur zu gut, die-se Schrecken. Im Jahr 1995, Johansen ist gerade schwanger, stehen die Rebellen erstmals vor den Toren der Hauptstadt. Dörfer brennen, Menschen flüchten – von Freetown aus kann man den Rauch sehen. Obwohl eine südafrikanische Söldnertruppe den Vormarsch der Re-bellen in letzter Sekunde stoppen kann, steht für Johansen fest: Mein Kind kommt nicht im Krieg zur Welt. Es fol-gen Jahre im Exil, erst in England, später erhält sie Asyl in Gambia.Die Geschichte von Isha Johansen ist die einer jungen Frau, die in den Win-dungen des Lebens, wie sie vielleicht nur durch Kriege entstehen, unerschütter-lich ihren Weg sucht. Zunächst probiert sie es mit Immobilien, macht hier und dort Geschäfte, wird zu Sierra Leones erster weiblicher Herausgeberin einer Zeitschrift, die sie dann wieder einstel-len muss, weil ihr halbes Team im Krieg ums Leben kommt, fängt von vorne an und muss schließlich erneut aufgeben, weil die Zeitschrift nicht profitabel ist. Johansen stammt aus einer wohlhaben-den und politisch gut vernetzten Familie, doch in den Schoß gelegt wurde ihr der heutige Erfolg nicht.Sie sitzt auf der Terrasse ihres Hau-ses, von der man über Villen und Well-blechhütten den Hang hinab bis zum Meer sehen kann. Drei Palmen wiegen sich sanft in der Brise, während Johan-sen von ihrem Weg an die Spitze des Fußballs in Sierra Leone erzählt. Nach dem Krieg habe sie gleich neben ihrem Zuhause eine Gruppe Jungs Fußball spie-len sehen, Tag für Tag, fast rund um die Uhr. Kriegswaisen und Straßenkinder. Schließlich habe sie den Kindern einen Deal angeboten: „Ich helfe euch. Aber ihr müsst wieder zur Schule gehen.“ Die Geburtsstunde des FC Johansen.Nachbarschaftshilfe, ein soziales Projekt. Doch Johansen hat internatio-nale Kontakte, ein Gespür für Marketing und mit ihren Kriegswaisen die perfekte Fußballstory. Das Team reist um die Welt, trifft Spieler wie Beckham, Ronaldo und Drogba, gewinnt Preise, und keine zehn Jahre nach der Gründung schafft der Ver-ein den Sprung in die erste Liga. Noch einmal drei Jahre später wird Johansen Präsidentin des Fußballverbandes.Fern der Heimat wird sie von Medi-en und Funktionären gefeiert, zu Hause allerdings hat sie mehr Feinde als Freun-de. Nach ihrer Wahl boykottieren zehn von vierzehn Vereinen die Liga. Viele Klubs, Spieler und Fans hätten lieber einen Mann an der Spitze des Verban-des gesehen. Doch Johansen hält sich im Amt, der Weltverband steht zu ihr.Und dann der Knall: Im September 2016 wird Isha Johansen wegen Korrup-tionsvorwürfen festgenommen. Sie selbst spricht von einem Rachefeldzug ihrer Konkurrenten, einem Komplott von Sportfunktionären und Politikern, die um ihre Pfründe fürchten. Womöglich stimmt das, ihre Gegner sind eng mit dem größten Anbieter für Sportwetten in Sierra Leone verbandelt. Das Verfahren gegen Johansen wird auf Druck der FIFA zunächst eingestellt, in einem zweiten Anlauf wird sie freigesprochen.Nun aber geht wohl alles wieder von vorne los.