Benjamin Moscovici

Freier Journalist Westafrika, Lüneburg

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Wie Helfer in Syrien ihr Leben riskieren

Verletzt aus Aleppo geflüchtet, werden viele Syrer erst am türkisch-syrischen Grenzeübergang Bab al-Hawa medizinisch versorgt.

(Foto: AFP) In Aleppo sind am Freitag erneut Kämpfe ausgebrochen. Ein Transport mit 800 Flüchtlingen wurde von Panzern gestoppt. Bis zum Abbruch der Evakuierung konnten knapp 6500 Menschen aus dem zerstörten Ostteil der Stadt in Rebellengebiete transportiert werden. Helfer können die eingeschlossenen Menschen nicht mehr erreichen.

Stundenlang haben sie gewartet. Wenige Kilometer außerhalb von Aleppo, an der Ausfallstraße Richtung Idlib stehen Helfer mit Bussen und Krankenwagen bereit, um die Flüchtlinge aus dem zerstörten Ostteil der Stadt in die Provinz Idlib zu transportieren. In Khan al Asal übernehmen sie die Flüchtlinge vom Roten Halbmond, der sie durch Westaleppo transportiert.

Fast die ganze Nacht haben die Helfer Transporte organisiert und Verletzte behandelt. Doch an diesem Freitag gegen zehn Uhr morgens wurde erst ein Transport mit 800 Flüchtlingen von Panzern gestoppt und dann brachen erneut Kämpfe aus. Seitdem warten sie.

Ayham Al-Zoebi ist Vorstandsmitglied von UOSSM, einer medizinischen Hilfsorganisation, die in den Evakuierungsplan eingebunden ist. Er sagt: "Als es nach dem erneuten Ausbruch der Kämpfe hieß, wir müssten uns zurückziehen, haben wir versucht uns zu verstreuen, damit im Falle eines Angriffs nicht alle getötet werden. Aber wir halten uns weiterhin bereit."

Laut seinen Informationen seien bis zum Abbruch der Transporte am Freitagmittag knapp 6500 Menschen aus Ostaleppo gebracht worden. Darunter befanden sich etwa 500 Verwundete. Die Hälfte von ihnen war schwerverwundet, einige mussten beatmet werden.

Die Verletzten sind auch in den Krankenhäusern nicht in Sicherheit

Die Helfer haben die Verletzten in zwei Krankenhäuser in der Provinz Idlib gebracht. Wohin genau will Ayham Al-Zoebi nicht verraten: "Die Ärzte haben uns gebeten, die Namen der Krankenhäuser nicht zu nennen. In der Vergangenheit sind schon zu häufig gezielt medizinische Einrichtungen bombardiert worden."

Derzeit sind den Angaben zufolge 27 Krankenwagen und 120 Personen an dem Einsatz beteiligt. UOSSM stellt mit 75 Mitarbeitern den größten Teil der Helfer. Darunter befinden sich neben den Fahrern der Krankenwagen und Busse auch Sanitäter, Ärzte und Psychologen. Die Vereinten Nationen und das Internationale Rote Kreuz beobachten den Einsatz.

Petra Becker, Syrien-Expertin von der Stiftung Wissenschaft und Politik, beurteilt den Evakuierungsplan kritisch. Bis zum erneuten Ausbruch der Kämpfe hätten die verbliebenen Kämpfer der Rebellen Ostaleppo zwar weitestgehend unbehelligt verlassen können. Doch in Idlib gehe das Bombardement der syrischen und russischen Luftwaffe dann weiter.

"Die Gefahr ist groß, dass es in den kommenden Tagen erneut zu Massakern kommt", sagt die Syrien-Expertin, die selbst lange Zeit in dem Land gelebt hat. Das syrische Regime habe in Aleppo deutlich gezeigt, wie weit es zu gehen bereit ist, um die Opposition zu vernichten. Insofern sei der Evakuierungsplan nicht die Rettung für die Rebellen.

Nicht nur das Schicksal derer, die die Stadt verlassen, ist ungewiss. Zehntausende Zivilisten würden in Ostaleppo bleiben und dann der Rache der schiitischen Milizen ausgeliefert sein, die nach dem Abzug der Rebellen den Stadtteil erobern. Besonders gefährdet, so Becker, seien Menschen wie die syrischen Weißhelme, die bis zuletzt versucht hatten, nach den Luftangriffen Verletzte aus den Trümmern zu ziehen.

Helfer können die Bedürftigsten kaum erreichen

Für ihr Engagement wurden die Weißhelme erst vor wenigen Wochen mit dem alternativen Nobelpreis ausgezeichnet. Nun könnte ihre Arbeit für viele von ihnen grausame Konsequenzen haben. Becker rechnet mit willkürlichen Verhaftungen und Folter.

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Außerdem, so Becker, sei schon jetzt zu beobachten, dass das syrische Regime Binnenvertriebene gezielt von humanitärer Hilfe abschneide. In Assads Machtbereich werde Flüchtlingen häufig unterstellt, die Rebellen unterstützt zu haben. So kommt es, dass die Hilfe oft ausgerechnet jene nicht erreicht, die sie am nötigsten hätten.

Und dennoch, trotz aller Einschränkungen: Die Evakuierung der Menschen aus dem zerstörten Ostteil von Aleppo ist ein wichtiger Schritt, der die Situation der Menschen vor Ort kurzfristig deutlich verbessern dürfte. Aber ob und wann die Evakuierung wieder aufgenommen wird, ist derzeit noch völlig unklar. Ayham Al-Zoebi von UOSSM sagt: "Wir können nur hoffen. Aber was in Syrien passiert, folgt keiner Logik mehr. Alles ist möglich."

Der Krieg zieht weiter - von Aleppo nach Idlib Bewohner und Rebellen verlassen das zerstörte Ost-Aleppo. 50 000 Menschen warten auf Busse, die sie nach Idlib bringen sollen. Dorthin dürfte sich auch die Front verlagern. Von Moritz Baumstieger mehr...
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