Benedikt Müller

Wirtschaftsjournalist, Korrespondent in NRW

2 Abos und 3 Abonnenten
Artikel

Erbsen für Bello

11utv1oa63 detail image 393829

Mit veganen Produkten spricht der Handel auch Menschen an, die gelegentlich auf tierische Produkte verzichten wollen. (Foto: Steve Rotman / Flickr)

Honig, Kosmetik, Tierfutter: Auf der Messe Veganfach stellt die wachsende Branche ihre Produkte vor.

Die Firma Likemeat versucht erst gar nicht, dem Kind einen anderen Namen zu geben. "Gyros Streifen" oder "Schinkenbratwurst" heißen ihre Produkte, die aber mit einem großen V auf der Packung daherkommen: V wie Vegan - also ohne Fleisch, Milch, Ei oder andere tierische Inhaltsstoffe. Das sogenannte Gyros ist in Wahrheit pikant gewürztes Soja; die Grillwurst besteht aus Erbsenprotein, das in einer knackigen Algenhaut steckt. Mit den Ersatzprodukten, die in Aussehen und Faserung nahe ans Original herankommen sollen, will Likemeat Fleischliebhaber ansprechen, die eine pflanzliche Alternative suchen. Das Düsseldorfer Unternehmen mit Fabrik in den Niederlanden verzeichnet in diesem Jahr dreistellige Wachstumsraten.
Wie Likemeat haben am Wochenende 129 Unternehmen ihre Neuheiten auf der Veganfach in Köln ausgestellt - der einzigen Fachmesse hierzulande, die ausschließlich vegane Produkte zeigt. 6000 Besucher hat die Koelnmesse gezählt, darunter auch Einkäufer großer Handelsketten. Denn wie die Likemeat-Würstchen nehmen Supermärkte in Deutschland derzeit viele fleischlose Waren in ihr Sortiment auf: Im vergangenen Jahr waren 13 Prozent aller Neueinführungen im Lebensmittelhandel vegane Produkte, berichten die Marktforscher von Mintel.
Damit spricht der Handel nicht nur die etwa 800 000 Menschen in Deutschland an, die sich als "harte" Veganer bezeichnen - sondern auch Kunden, die gelegentlich auf tierische Produkte verzichten wollen. Sei es aus gesundheitlichen Gründen, sei es, weil sie die Haltungsbedingungen oder den hohen Wasserverbrauch der Viehwirtschaft kritisieren.
Wer sich vegan ernährt, verzichtet aber nicht nur auf Fisch, Fleisch, Milch und Ei - sondern auch auf tierische Produkte wie Honig. Daher kochen Daniela Nowak und Stefan Weidtmann in ihrer kleinen Manufaktur in Hagen Apfelsaft mitsamt Gewürzen so lange ein, bis die süße Masse die Konsistenz von Bienenhonig besitzt. Knapp fünf Euro kostet das Glas "Wonig", der auf der Veganfach in Geschmacksrichtungen wie Löwenzahn, Zimt oder Gänseblümchen erhältlich ist. Seit zwei Jahren betreiben die beiden Veganer ihre Manufaktur; erste Edeka-Märkte führen den Wonig bereits.
Die Marktforschungsgesellschaft GfK schätzt, dass alleine die Ernährungswirtschaft in Deutschland jährlich knapp 370 Millionen Euro Umsatz mit veganen und Fleischersatzprodukten erzielt. So steht es in der Consumers'-Choice-Studie, die das Unternehmen im Oktober vorgestellt hat. Demnach wächst der Veggie-Markt derzeit um gut 18 Prozent pro Jahr.
Die Ökonomie der veganen Lebensweise umfasst aber noch mehr: Wer im gesamten Alltag auf tierische Produkte verzichten will, sollte nicht nur seine Ernährung umstellen, sondern etwa auch auf Ledermöbel oder tierische Felle verzichten. Und im Kosmetikregal wären Shampoos mit Milchprodukten genauso tabu wie Seifen mit tierischem Fett. Alternativen präsentiert auf der Veganfach die Seifen-Manufaktur Sauberkunst aus Brandenburg, die ihre Zubereitungen auf Basis von Olivenöl oder Kakaobutter herstellt. Gut fünf Euro kosten die handgemachten Seifen, die etwa mit einer Rosenmuster-Oberfläche oder in Farbverlaufen daherkommen. Die Manufaktur, die seit fünf Jahren vegane Seifen fabriziert, beschäftigt mittlerweile knapp 30 Angestellte.
Und wer als Veganer wiederum ein Haustier hält, kann selbst seinen Vierbeiner mittlerweile mit veganem Kraftfutter stärken. Peter Burghardt, der den Online-Handel Dein Tierfutter betreibt, präsentiert auf der Veganfach Nahrung auf Kartoffel-, Topinambur- oder Erbsenbasis. Wobei der Unternehmer das gerade nicht als Neuheit verkauft. Schließlich hätte auch früher eine Mutter einen ganzen Bauernhof pflanzlich ernährt, sagt Burghardt: die Tiere wie die Bauernfamilie. Geht doch.
Zum Original