Benedikt Kapferer

Journalist, Historiker, Medienpädagoge, Innsbruck

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Artikel

„An unsere Leser": Die Interaktion zwischen Zeitung und Leserschaft und das journalistische Selbstverständnis

In der Auseinandersetzung mit historischen Zeitungen steht meist die lineare Distribution von Informationen und weniger eine dynamische, wechselseitige Kommunikation zwischen Schreibenden und Leserschaft im Vordergrund. Meist geht es um die Beschäftigung mit einzelnen Artikeln von Redakteur*innen oder Mitteilungen von Nachrichtenagenturen. Die Redaktion als Ganzes, als der zentrale Bestandteil einer Zeitung, ist daher häufig schwer greifbar. Eine Untersuchung der Interaktion zwischen der Zeitung, das heißt vor allem der Redaktion als maßgebende Einheit, auf der einen Seite und dem Publikum, den Leser*innen, auf der anderen Seite ermöglicht jedoch, die Redaktion und die journalistische Hinterbühne zu erfassen. Dadurch lassen sich vielfältige Einblicke in die Entwicklung des Journalismus in der Zeit zwischen 1850 und 1950 gewinnen. Digitale Zeitungsarchive geben dabei Aufschluss darüber, wie das Verhältnis zwischen Produktion, Distribution und Rezeption gestaltet wurde. So geht es im Folgenden um die Frage, wie Zeitungen mit ihrer Leserschaft interagierten und was dies über die Entwicklung und die Praxis des Journalismus aussagt.

Zeitungen im 19. Jahrhundert

Mit der Weiterentwicklung von technischen Möglichkeiten und der Verbesserung von Druckerpressen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die Grundlage für die Ausbreitung des Zeitungswesens geschaffen. Die Einführung der dampfgetriebenen Rotationsmaschine in Philadelphia im Jahr 1846 und anderer neuer Techniken wirkte sich im Rahmen der industriellen Revolution nachhaltig auf den gesamten Prozess der Entstehung einer Zeitung aus. Die Produktion erfolgte rasanter, sie wurde günstiger und effizienter. Mit der voranschreitenden Alphabetisierung und Bildung in breiteren Gesellschaftsschichten vergrößerte sich auch das Publikum, die rezeptive Seite. Durch die Herausbildung einer breiteren Leserschaft entwickelte sich folglich eine Massenöffentlichkeit, womit das Zeitunglesen nicht länger den Eliten und dem Bürgertum vorbehalten blieb (Telesko 2010, S. 228-229).

Neben den technologischen Innovationen und den sozialen Entwicklungen spielte die rechtliche Ebene eine entscheidende Rolle für die Entwicklung des Journalismus ab 1850. In Europa setzte nach den Revolutionen des Jahres 1848 allmählich ein Prozess der Liberalisierung ein. Die nationalen Pressgesetze bereiteten mit der langsamen Verdrängung und Abschaffung von Einschränkungen, Konzessionen und anderen Abgaben den Boden für einen Boom des Zeitungswesens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Um 1900 festigte sich die Zeitung schließlich als das Massenmedium schlechthin: Es wurde zum politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Leitmedium und zu einem Kennzeichen moderner Nationalstaaten (Melischek/Seethaler 2019, S. 9; Requate 2013, S. 17). Letztlich bildete es die zentrale Sphäre für die Herstellung einer politischen Öffentlichkeit, in der die relevanten Themen der Zeit kommuniziert und verhandelt werden konnten. Die historische Medienlandschaft und das Zeitungswesen mit der Produktion, Distribution und Rezeption stellten somit ein besonders komplexes politisches, soziales, wirtschaftliches und technologisches Feld dar.

Interaktion zwischen Redaktion und Publikum

Bei klassischen Massenmedien wie der Zeitung wird meist die einseitige Distribution von Informationen betont. Die Rolle des Publikums, der Leser*innen selbst, wird hingegen weitgehend vernachlässigt. Im medienhistorischen Diskurs liegt der Fokus häufig auf der politischen und wirtschaftlichen Berichterstattung. Daneben zählen lokale Ereignisse, Sportberichte und aufsehenerregende Meldungen sowie der große Anzeigenteil zu den „Schlüsselmerkmalen der Massenpresse" (Bösch 2019, S. 109). Die Interaktion mit den Rezipient*innen bleibt dabei vielfach unberücksichtigt. Ein Blick darauf ermöglicht jedoch die Erschließung von sozialen Funktionen von Zeitungen und von journalistischen Praktiken vor dem Hintergrund der technischen Strukturen.

In digitalen Zeitungsarchiven lässt sich die Wechselbeziehung mittels Suchbegriffen erfassen, welche die Leserschaft als direkte Adressat*innen einbindet. Zum Beispiel enthielten Artikel mit der Phrase „an unsere Leser" oder „Liebe Leser" sowie „Liebe Leserinnen" eine bewusste, explizite Hinwendung zum Publikum selbst. Da bei einer Zeitung davon auszugehen ist, dass sich ohnehin jeder veröffentlichte Artikel an die Leserschaft wendet, haben solche eine außerordentliche Bedeutung und Relevanz: Die Redaktion tritt aus dem Hintergrund hervor und wird als Einheit sichtbar. Durch die Unterzeichnung als Absender spricht sie mit einer Stimme und richtet sich in eigener Sache an das Publikum. In dieser direkten Adressierung an die Leser*innen manifestieren sich besondere Anlässe und Hintergründe, welche Aufschluss über die journalistische Meta-Ebene und damit die Entwicklung der Medien selbst geben.

Die Stichwortsuche der Phrase „an unsere Leser" liefert im digitalen Zeitungsarchiv ANNO der Österreichischen Nationalbibliothek 7.630 Treffer. In der Folge wurde manuell ein Korpus mit einer Auswahl von Artikeln für die Zeit zwischen 1850 und 1950 erstellt. Die Artikel wurden nach Relevanz für die journalistische Meta-Ebene ausgesucht. So wurden über 220 Ergebnisse aus 26 verschiedenen österreichischen Zeitungen herangezogen, wobei ein Fokus auf der Arbeiter-Zeitung, der Illustrierten Kronen Zeitung sowie der Neue Freie Presse lag. Ein Blick auf die Wortwolke (Abbildung 1) des Korpus zeigt die am häufigsten verwendeten Begriffe und gibt einen ersten Eindruck von den dominanten Wörtern und Intentionen hinter den Mitteilungen.

Die Häufigkeit von einigen dieser Begriffe ist ein interessanter Ausgangspunkt für die weitere Beschäftigung mit dem größeren Kontext dahinter. Die Relevanz von „wien" verdeutlicht die Bedeutung der Stadt als politisches und daher journalistisches Zentrum Österreichs mit vielen Redaktionen. Aus diesem Grund gibt es hier viele Bezugnahmen und Nennungen. Von dieser Darstellung ausgehend können mittels Voyant Tools oder KH Coder u.a. diverse Visualisierungen erstellt und damit ein besserer Überblick über die Verwendung der Phrase „an unsere Leser" gewonnen werden. Dabei kommen verschiedene spannende Aspekte der journalistischen Praxis an die Oberfläche, wie etwa das Selbstbild des Blattes.

Alle Jahre wieder: Das Selbstverständnis der Zeitung

Die Betrachtung des Begriffes „jahre" als Keyword in Context verdeutlicht, dass die Phrase „an unsere Leser" häufig mit Bezugnahme auf ein „Jahr" oder im Plural „Jahre" verwendet wurde. Der Zeitpunkt der Nennung war meist an der Schwelle von einem alten, ablaufenden Jahr hin zu einem neuen. Die Redaktion wendete sich damit in einer Art Jahresbilanz an das Publikum, resümierte über die vergangenen Monate und blickte voraus. Die Botschaft diente dabei der Herstellung einer Beziehung zur Leserschaft und zur Konstruktion einer „gemeinsamen" Vergangenheit und Zukunft. Sie war daher besonders wichtig für die Bindung der Leser*innen an das Blatt und für die Förderung einer Loyalität und Treue. Zum Beispiel schrieb die Arbeiter-Zeitung am 30. Dezember 1898 im Morgenblatt auf Seite 1 unter dem Titel „An unsere Leser":

„Arbeiter, Parteigenossen! Ein neues Jahr beginnt und mit ihm neuer Kampf. Düster und unsicher ist der Blick in die Zukunft dieses Landes, [...]. Unser Weg ist schwer, aber die Arbeiter-Zeitung wird ihn furchtlos wie bisher zu gehen wissen, wenn ihr uns zur Seite steht und euer Blatt kräftig fördert."

Im Artikel wird neben der Skizzierung der großen Herausforderungen auch ein Überblick über die anstehenden seriellen Romanpublikationen gegeben. Als Teil des Feuilletons nahmen diese eine zentrale Stellung ein. In dieser Vorschau fungieren sie als „Teaser", um vorab bei den Leser*innen ein Interesse zu wecken, das für die nächsten Monate anhält und sie zum Kauf der Zeitung bewegt. Am Ende des Artikels schien die Redaktion als Absender auf und sprach den Appell aus, die gemeinsame Sache zu unterstützen: den „großen, weltumspannenden Befreiungskampf des Proletariats". Außerdem wurde die Leserschaft dazu aufgefordert, für „euer Blatt" zu werben. Mitteilungen wie diese zum Jahreswechsel lassen sich oft finden, so etwa auch in der Morgen-Post, in Die Presse oder der Wiener Allgemeinen Zeitung. Meist werden sie von Aufforderungen zum Verlängern des Abonnements oder der Kundmachung von Preisänderungen begleitet.

Daneben ist in der Neuen Freien Presse ein interessantes Phänomen bemerkbar, welches ebenfalls aussagekräftig für das journalistische Selbstverständnis ist. Denn in der ersten Nummer nach der Neugründung der Zeitung am 1. September 1864 wendeten sich die ehemaligen Redakteure der Presse, Michael Etienne und Max Friedländer, auf der Titelseite „An unsere Leser". Dabei legten sie ihre Motivationen und ihren Auftrag, sozusagen ihr Mission Statement, dar und teilten es den Leser*innen mit. Der Gründungstag der Zeitung wurde im Laufe ihres Bestehens zu einem wiederkehrenden Bezugspunkt und zu einem Anlass für eine Selbstreflexion oder Selbstinszenierung. So richtete sich die Redaktion zu ihrem 5., 25., 30. sowie 50. Jubiläum an die Leserschaft und reflektierte über die Bedeutung des Blattes. In einem Nachwort zum „Gedenktage ihres fünfzigjährigen Bestehens" schrieben die Herausgeber und die Redaktion am 6. September 1914:

„Die ‚Neue Freie Presse' wird die Ueberlieferungen der Vergangenheit stets in Ehren halten und stets ein unabhängiges, für die Freiheit und Selbstbestimmung der Menschen, für das deutsche Volk, für den wirtschaftlichen Fortschritt in Oesterreich und für die Macht und Größe der Monarchie mit voller Kraft eintretendes Blatt sein."

Die Besinnung auf die Vergangenheit, die Bekräftigung der Unabhängigkeit und der Bezug auf die eigenen Werte verdeutlichen das Selbstverständnis und die Anschauung der Zeitung. Der sich in Intervallen wiederholende Verweis auf die eigene Gründung schuf eine Erinnerungskultur des Unternehmens selbst. Als Interaktion mit der Leserschaft stellte dies eine wesentliche Strategie dar, sie über längere Zeit an das Blatt zu binden und diskursiv eine gemeinsame Geschichte und Beziehung herzustellen. Der Ausdruck des Selbstverständnisses ist daher essentiell für die Leser-Blatt-Bindung und veranschaulicht die politische und ideologische Positionierung im journalistischen Spektrum.

Abschließend ist zu betonen, dass die Phrase „an unsere Leser" bei historischen Zeitungen eine relevante Mitteilungsform für die Redaktion, die Verwaltung oder die Herausgeber*innen war, um sich an die Leserschaft zu wenden. Wie zahlreiche Beispiele aus den Ergebnissen der Phrasensuche "an unsere Leser" zeigen, war die Interaktion zwischen Redaktion und Leserschaft ein wesentlicher Bestandteil der Zeitung. Der Anlass war vielfach die Vermittlung des eigenen Selbst- und Weltbildes sowie die Formulierung des eigenen Auftrages. Letztlich ging es um die Herstellung einer Nähe und der Festigung der Bindung der Leser*innen an das Blatt selbst. Digitale Zeitungsarchive liefern somit besondere Einblicke in journalistische Praktiken, Strategien der Redaktion und die Rolle der Interaktion mit dem Publikum.

Bösch, Frank (2019): Mediengeschichte. Vom asiatischen Buchdruck zum Computer, Frankfurt-New York (2. Auflage).

Melischek, Gabriele/Seethaler, Josef (2019): Die österreichische Tagespresse der Ersten Republik, Matthias Karmasin/Christian Oggolder (Hrsg.), Österreichische Mediengeschichte. Band 2: Von Massenmedien zu sozialen Medien (1918 bis heute), Wiesbaden, S. 7-36.

Requate, Jörg (2009): Einleitung, in: Jörg Requate (Hrsg.), Das 19. Jahrhundert als Mediengesellschaft, München, S. 7-18.

Telesko, Werner (2010): Das 19. Jahrhundert. Eine Epoche und ihre Medien, Wien-Köln-Weimar.

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