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Reportage

Queere Räume trotz Pandemie – Safe Space im Internet und im Buchladen (Podcast)

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Damoun lebt seit sechs Jahren als queere geflüchtete Person in Deutschland und kam im letzten März aus einem Austauschsemester in Paris zurück in den Lockdown nach Berlin. Seitdem vermisst Damoun die zahlreichen queeren Orte der Stadt.

„Was mir richtig fehlt in der Zwischenzeit, waren die Dragshows und Voguing-Balls. LGBTQIA*-Menschen, wir gehören zu diesem kulturellen Austausch und dieser Lautheit und Einheit in einem großen Raum, dass wir existieren. Wir leben noch, wir sind hier und wir gehen überhaupt nicht weg. Ich glaube, wir als queere Menschen sind so miteinander verbunden, dass, wenn wir für eine lange Zeit individuell und alleine sind, es wirklich eine negative Auswirkung hat.“

Helfen kann gegen diese Einsamkeit die digitale Sphäre. Sie war für queere Menschen schon vor der Corona-Pandemie ein Zufluchtsort, an dem zwar viele Anfeindungen passieren, aber auch Gemeinschaft und Solidarität entsteht. Ela, die wie Damoun in Berlin lebt, ist mit sozialen Medien aufgewachsen und findet ihre queeren Räume deshalb schon immer vor allem in der digitalen Welt. An deren Verfügbarkeit hat der Lockdown für sie persönlich nur wenig geändert.

„Das war schon lange so meine Community, wo ich einfach den Menschen, die ich inspirierend finde, auch eh folge. Und ich glaube, es war ganz wichtig diesen Input, Affirmation, Support und auch Zusammenhang auf diesen Online-Plattformen zu suchen. Ich glaube, durch die Pandemie ist das Bedürfnis auch größer geworden, da mir aufgefallen ist, wie wichtig die Nähe auch ist. Egal ob körperlich oder in gewissen Themen verbunden zu sein, ist gerade eben zu solchen schwierigen Zeiten besonders wichtig.“

Ela verweist im kulturellen Bereich auf queere Kollektive, die im Internet sehr schnell neue Begegnungsräume geschaffen haben. „SAVVY Contemporary“ bietet beispielsweise gestreamte Diskussionsrunden und digitale Ausstellungen. Und die queerfeministische, dekoloniale Plattform „Creamcake“ setzte ihr „3hd“-Festival größtenteils als dezentrale, digitale Veranstaltungsreihe an verschiedenen digitalen Orten um, unter anderem im Stream des Berliner Theaters „HAU Hebbel am Ufer“. Der Vorteil: Damit waren diese Orte auch für Menschen zugänglich, die nicht in der Hauptstadt leben.

Das Gleiche gilt für Beratungsstellen und Institutionen wie Queer Leben, GLADT, Schwulenberatung, LSVD und das Jugendnetzwerk Lambda, die seit letztem Jahr auch per E-Mail oder telefonisch erreichbar sind. Gleichzeitig konnten Präsenzangebote wie das Café KOCHOS für queere Geflüchtete bei der Schwulenberatung mit einem Hygienekonzept inzwischen wieder öffnen. GLADT wiederum bietet seine psychologische und psychosoziale Beratung für für queere Schwarze und indigene Menschen sowie People of Color jetzt per Telefon, Video und Chat an. Den analogen Kontakt können sie wohl kaum ersetzen. Und die Angebote kommen auch nur für diejenigen infrage, die dank mobilem Endgerät und Internetanschluss überhaupt am digitalen Leben teilnehmen können.

Die individuellen Freiräume innerhalb der eigenen vier Wände sind im Moment auf jeden Fall kleiner, meint Ela.

„Ich glaube, es eröffnet total viele Möglichkeiten, aber was ich auch sehr vermisse ist einfach Face-to-face-Kommunikation oder meine Freund*innen in den Arm zu nehmen oder einfach auch in der Öffentlichkeit zu sein. Einfach in eine Bar zu gehen, sich schick zu machen, das fehlt mir schon. Einfach zuhause zu sein, für sich selbst zu sein, diese Anonymität kann auch sehr belastend sein.“

Damoun geht es ähnlich.

„Wenn man sich neben eine andere queere Person setzt, besonders für mich als eine nicht-binäre Person neben einer anderen FLINT* Person, das war ein anderes Gefühl.“

FLINT* meint Menschen, die aufgrund ihrer geschlechtlichen Identität patriarchal diskriminiert werden: cis oder trans Frauen, trans Männer, Lesben, inter oder nicht-binäre Menschen.

Ela sind digitale Medien und Podcasts wichtig, um sich mit anderen queeren Menschen verbunden zu fühlen. Damoun wiederum schaut gerne Serien wie POSE oder Euphoria, die mit ihrer Repräsentation von trans Frauen und queeren Liebesgeschichten neue Standards setzen, und liest vor allem Bücher. Da trifft es sich gut, dass Damoun neben dem Studium seit letztem Jahr bei SheSaid arbeitet: dem deutschlandweit ersten queeren und intersektional-feministischen Buchladen. SheSaid kommt momentan eine besondere Rolle zu: Die Buchhandlung ist der wohl einzige geöffnete queere Ort Berlins, denn Buchhandlungen in der Hauptstadt sind vom Lockdown ausgenommen.

„Ich fand jetzt, dass SheSaid besonders seit dem zweiten Lockdown der neue queere safe space ist. Nicht nur für mich. Ich hab‘ auch von vielen Kund*innen gehört, dass sie sich relativ wohl und safe bei uns fühlen, wenn so viele diverse BIPoC und queere Bücher überall liegen.“

Vor der Eröffnung von SheSaid im Dezember verbrachte Damoun viel Zeit mit dem Kuratieren der englischsprachigen Abteilung des Ladens. Ela führte währenddessen Besucher*innen durch die improvisierte Galerie der BOROS-Collection im Technoclub Berghain.
Getroffen haben sich die beiden an anderer Stelle, denn Ela und Damoun sind Mitglieder in der queeraktivistischen Gruppe Voices4 Berlin, deren wöchentliche Treffen seit einem Jahr ins Internet verlegt sind. Viele der Aktionen und Kampagnen mussten ebenfalls online stattfinden, besonders im Sommer konnte die Gruppe aber mit Hygienekonzepten auch in Präsenz demonstrieren: etwa für queere Menschen in Polen und für ein neues Selbstbestimmungsgesetz, das trans*, nicht-binären und intergeschlechtlichen Menschen mehr Rechte und Freiheiten geben soll.

„Ich glaube, dass auch gerade mit der Pandemie mein Interesse für Aktivismus größer geworden ist, da ich auf einmal auch eben alleine zuhause war und dann mir diese Orte auch suchen musste, um weiterhin zu fühlen, dass ich Teil von etwas bin und dass ich nicht alleine bin.“