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Rezension

„My Echo“ von Laura Veirs – Soundtrack für die Apokalypse

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Der Schein trügt, denn was hier nach Strand und Palmen klingt, hat einen düsteren Kern. Laura Veirs beschäftigt sich auf ihrem neuen Album „My Echo“ mit dystopischen Gedanken über Unterdrückung, Unfreiheit und Bedrohung. Und trotzdem ist das Album ein ziemlich unbeschwerter Soundtrack für die Apokalypse geworden.

„In einer anderen Zeit ist Kalifornien nicht in Brand und die Meere steigen nicht“, singt Veirs in dem Song „Another Space and Time“. Ihr elftes Album hat aber nur am Rande mit Umweltkatastrophen zu tun. Es geht vor allem um ihre eigene, persönlichen Apokalypse: nämlich um das Ende ihrer Ehe mit Tucker Martine. Obwohl die Songs schon vor der Trennung entstanden, sieht Veirs sie als eine Art Vorhersehung, denn Gedanken, die sie beim Songschreiben noch nicht klar fassen konnte, finden sich aus heutiger Sicht schon in den Songs wieder.

„Als ich diese Platte schrieb, war ich wirklich ziemlich traurig. Ich wusste nicht, was mit meiner Ehe los war, aber ich wusste, dass etwas nicht stimmte. Und unterbewusst war mir bereits klar, dass sie auseinander fiel. Meine ganze Welt drehte sich um Tucker, und es ist sehr beängstigend, so etwas enden zu sehen.“

Ihre Trennung bedeutet für Laura Veirs nicht nur persönliche, sondern auch professionelle Veränderung, denn ihr Ex-Mann war auch ihr Produzent und „My Echo“ ist das letzte Produkt dieser Zusammenarbeit. Die Singer-Songwriterin klingt in den Songs traurig und desillusioniert, aber auch entschlossen. Die Musik unterstreicht diese Ambivalenz mit den Wechseln zwischen Dur und Moll und dem Kontrast von opulenten Streicherarrangements und zurückhaltenden Piano- oder Gitarrenballaden. Laura Veirs macht sich hier auf die Suche nach neuen Wege in der Musik an einem Punkt, an dem sich nach 25 Jahren als Musikerin Routinen eingeschlichen haben.

Auf „My Echo“ geht es auch darum, was danach kommt; nach dem emotionalen Kollaps, nach der Leere, nach der Traurigkeit. Im Lied „Freedom Feeling“ denkt Laura Veirs über die Suche nach Freiheit und über einen Neuanfang nach.

„Es bezieht sich auf ein Gedicht von Langston Hughes, in dem er über einen aufgeschobenen Traum spricht. Ich habe darüber nachgedacht, was passiert, wenn Menschen sich nicht eingestehen, was sie wirklich wollen, und in etwas Sicherem bleiben, das unangenehm ist, anstatt auszubrechen und an einen neuen Ort zu gelangen. Es geht auch darum, zwei Dinge gleichzeitig zu spüren: Ich fühle mich gefangen, stolpere herum, weiß nicht, wohin ich gehe, aber ich weiß auch, dass ein potentielles Freiheitsgefühl in mir liegt. Ich weiß nicht, wie ich dorthin komme, aber ich weiß, dass ich es schaffen kann.“

Viele der Songtexte auf „My Echo“ sezieren Veirs' eigene emotionale Verstricktheit und lassen in ihrer Vieldeutigkeit viel Raum für neue, eigene Interpretation. Und genauso ist das auch gedacht. Während der Arbeit an „My Echo“ besuchte sie nämlich eine Lyrik-Gruppe und veränderte dadurch ihren Arbeitsprozess grundlegend. Vorher habe sie Worte nie losgelöst von Musik und Rhythmen betrachtet, jetzt seien die neuen Songs direkt aus ihren Gedichten entstanden, so Veirs. Die Texte sind dadurch verträumter und assoziativer, die Geschichten werden weniger linear erzählt.

Viele Aussagen ihrer neuen Songs hält Laura Veirs für aktueller denn je, weil die Texte über Dystopien und Unfreiheit in Zeiten der Quarantäne andere, neue Bedeutungen annehmen können. Traurig, dass sie „My Echo“ nicht live spielen kann, ist sie aber nicht.

„Ehrlich gesagt bin ich froh, mit dieser Platte nicht zu touren, weil ich immer wieder in das Trauma meiner Trennung hineingezogen würde, wenn ich jede Nacht die ganze Platte spielen müsste. Das möchte ich nicht. Beim nächsten Album wird es mehr um Übergang und Fortschritt gehen und darum, Neues im Leben zu finden, während „My Echo“ wirklich von Desintegration und dem Auseinanderfallenden der Dinge handelt.“

Mit „My Echo“ richtet Laura Veirs den Blick gleichzeitig zurück und nach vorne. Die Songs sind komplex und abwechslungsreich, sie schwanken zwischen gutgelaunter, aber doppelbödiger Unbeschwertheit und melancholischem Realitätscheck. Damit sind sie nicht zuletzt ein Plädoyer dafür, mehr auf sich selbst zu hören und den eigenen Fähigkeiten zu vertrauen. Das Echo aus dem Inneren wird schnell übertönt, aber wer genau hinhört, kann immer wieder etwas Lernen.