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Wie hat der Lockdown die Ästhetik von Musikvideos verändert?

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Dua Lipas Album „Future Nostalgia“ erschien Ende März und damit genau zu Beginn der Quarantäne in den USA und vielen europäischen Ländern. Das Video zur Single „Break My Heart“ allerdings musste im Lockdown produziert werden, also ohne großes Team im Hintergrund, ohne die Tänzer*innen, die ihre Videos sonst bevölkern. Die Britin griff zu einem Trick: Animation. Im Video zum Song landet Dua Lipa jetzt auf dem Planeten BMH1 in der Galaxie Andromeda und muss dort ein edelsteinbesetztes Herz vor einem riesigen Roboter retten. Auch zur vierten Singleauskopplung „Hallucinate“ erschien Anfang Juli ein animiertes Video, dieses Mal in der Optik alter Disney-Cartoons.

Auch die US-amerikanische Musikerin Lizzo hat in ihrem Lyric-Video zu „Soulmate“ auf Animation zurückgegriffen, genauso wie The Weeknd in „Snowchild“ und Billie Eilish für ihre Single „My Future“.
Der Kunstwissenschaftler Henry Keazor bezeichnet die Funktion des Musikvideos als „image builder“, als Medium zur Stärkung eines Persönlichkeitsbildes. Der Lockdown scheint nun die Ästhetik von Musikvideos grundlegend zu verändern – und zu erweitern. Besonders animierte Avatare können helfen, Popstars noch einmal ganz neu zu inszenieren. Fröhlicher zum Beispiel, wie bei Billie Eilish. Im nächtlichen Regen stapft Eilish als Cartoon-Version durch einen mystischen Wald, der mit dem Sonnenaufgang z u wachsen beginnt. Lange Ranken transportieren die Musikerin schließlich aus dem Dickicht über die Baumwipfel hinaus – dorthin, wo ihre Zukunft auf sie wartet. Damit präsentiert sich die junge Künstlerin, die ihre psychische Gesundheit in früheren Songs offen behandelte, in einem anderen Licht: optimistisch und vorwärts gewandt.

Während in den Videos von Billie Eilish, Dua Lipa und Lizzo trotz Lockdown ein großes Budget steckt, gibt es auch Musiker*innen, die bewusst die begrenzten Mittel der häuslichen Isolation inszenieren. Das deutsche Starlet Kim Petras etwa beamt sich per Greenscreen an den Strand von Malibu – die Lo-Fi-Ästhetik gehört hier unbedingt dazu. Dazu posiert Petras' Freundin Paris Hilton mit Regenbogenschmetterlingsflügeln am Pool. Weitere namhaften Künstler*innen wie Demi Lovato, Charli XCX und Pablo Vittar präsentieren im Verlauf des dreiminütigen Videos ihre Version vom Strandurlaub zuhause. Das Video möchte sagen: Wir sind alle in derselben Situation. Aber auch: The show must go on.

Das dachte sich auch Jessie Ware, die – trotz komplett veränderter Produktionsbedingungen – seit Ende Februar ganze neun Musikvideos zu ihrem neuen Album „What’s Your Pleasure?“ veröffentlicht hat. Bei der ersten Single „Spotlight“ konnte Ware noch aus dem Vollen schöpfen und mit Tänzer*innen in einem mondänen alten Zug auf Tuchfüllung gehen. Für die zweite Single „Save A Kiss“ setzte Ware dann wie Kim Petras auf eine Heimvideo-Collage, die Fans beim Tanzen einer vorher online vorstellten Choreografie zeigt. Ein interessanter Weg, den Kontakt zur Fanbase trotz Ausgangsbeschränkungen und abgesagter Tour digital aufrecht zu erhalten – beziehungsweise die Fans sogar in die eigene Kunst zu integrieren.

Die Videos zu drei weiteren Songs von „What's Your Pleasure?“ zeigen jeweils eine tanzende Person im One-Cut-Verfahren, also ohne Schnitte im Video. Jessie Ware betont damit in ihren Musikvideos aus dem Lockdown Gemeinsamkeit und Körperlichkeit, die viele Menschen gerade entbehren müssen. Mit Einzelperformances oder Collagen wie bei Kim Petras zeigen die Künstlerinnen gleichzeitig, dass sie die Abstandsgebote und Ausgangsbeschränkungen ernst nehmen. Im Sinne von Henry Keazors „Persönlichkeitsbild“ ist das durchaus gute Werbung, denn eng gedrängte Tanzszenen würden jetzt Kritik auf sich ziehen.

Animierte Videos wiederum stellen die Kreativität der Musiker*innen und ihrer Teams unter Beweis und unterstreichen den Wert von Fantasie. Die Message lautet: Wenn die Welt um dich herum verrückt spielt, träum dich einfach weg. Und mit ihrer Musik und den Videos präsentieren sich die Künstler*innen damit als Motivation und Begleitung in schweren Zeiten.