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Rezension

Versammlung der Schwäne: Choir Boy veröffentlichen „Gathering Swans“

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Adam Klopps wasserstoffblonde Haare sind herausgewachsen und zum 90er-Jahre-Mittelscheitel gekämmt. Sein Gesicht leuchtet kalkweiß vor einem idyllischen Sonnenuntergang. Und unter dem rot leuchtenden, linken Auge klafft eine Fleischwunde, aus der Blut zum Kinn hinunter läuft. Das Cover zu Choir Boys neuer Platte „Gathering Swans“ wirkt abstoßend und anziehend zugleich, wie eine Mischung aus Happy Ending und Zombieapokalypse. Gleich im zweiten Song des Albums, „Toxic Eye“, geht es um Weltschmerz, die große Frustration mit dem Zustand der Welt. Ein Gefühl, das Adam Klopp begleitet und belastet.

„I think it's so easy to just see bad at a certain point. You just become disgusted with people and the world and it's hard to overcome that. I think people just get sad and angry at the world and there's so much bad in the world that I can't blame them. But I think it's not constructive to only see the negative and I struggle with that a lot.“

Den Song „Toxic Eye“ sieht Klopp als eine Aufforderung zum Handeln, gegen die Frustration, für konstruktive Lösungen. Das Ziel sei, sich von Zynismus und Nihilismus zu befreien. Dafür singt Klopp von der „Vermessung des toxischen Blicks“. Der Song „Eat the Frog“ schlägt in dieselbe Kerbe und bezieht sich auf ein altes Sprichwort von Mark Twain: „Iss als erstes am Morgen einen lebenden Frosch und dir wird den Rest des Tages nichts Schlimmeres passieren.“

Adam Klopp sagt, er habe bildhafte Sprache immer als eine Art Verschleierungstaktik angewandt, um Gefühle und Erlebnisse nicht zu offensichtlich zu machen. Ihm zufolge sind die Songs auf „Gathering Swans“, dem zweiten Album von Choir Boy, direkter und unmittelbar verständlicher als auf dem Vorgängeralbum – aber tatsächlich bleiben die Texte oft kryptisch und abstrakt. Schon als Jugendlicher war Adam Klopp in der Punk-Szene seiner Heimatstadt Cleveland, Ohio aktiv. Die religiöse Prägung durch seine Eltern und seine sakrale Stimme brachten ihm damals den abschätzig gemeinten Spitznamen „Choir Boy“, „Chorknabe“ ein. Aber Klopp hat sich der Beleidigung ermächtigt – und sie in etwas Positives gewandelt, als er für sein Studium nach Utah gezogen ist und seine neue Band nach diesem Spitznamen benannte.

Nostalgie und Melancholie sind die bestimmenden Gefühle auf „Gathering Swans“. Manchmal übertreten Adam Klopp und die drei weiteren Bandmitglieder von Choir Boy dabei auf leicht unangenehme Weise die Schwelle zum Kitsch. Klopp erklärt den nostalgischen Blick zurück nicht unbedingt mit Retromanie, sondern mit dem Verlust kindlicher Unbeschwertheit.

„When you're a child you don't really struggle with an identity or purpose or ideas like that. They can be moved by moments like seeing a flower or seeing snow for the first time. I think a lot about how I'd like to regain that. I guess maybe I'm looking for deep meaning in things but in the process it sours the simplicity and the beauty of things. But yeah, I think a lot of people miss the wonder of being a child and maybe that's why nostalgia is oftentimes a common theme in music. Because when people get older it's harder to be happy or content.“

Ohrwurmpotenzial hat Choir Boys Musik durchaus, aber mit ihrer Energie und Raffinesse lässt die Singleauskopplung „Complainer“ die anderen Songs letztendlich ziemlich blass hinter sich zurück. Damit ist „Gathering Swans“ auf weiten Strecken recht vorhersehbar und repetitiv: eine Mischung aus Spandau Ballet, den Simple Minds und The Smiths. Was bleibt, ist aber Adam Klopps zentrales Anliegen, trotz aller Unzufriedenheit mit der Gegenwart den konstruktiven Blick nach vorne zu bewahren.