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Rezension

Vom Blutegel gebissen: Austras neues Album „HiRUDiN“

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Erst ist da der Schmerz, dann die Scham und letztlich die Erleichterung. Und mit der Zeit heilen die Narben und erinnern an Dinge, die so nie wieder geschehen sollen. In diesen immer wiederkehrenden Kreisläufen von Beziehungen romantischer, kreativer und freundschaftlicher Natur fand sich Katie Stelmanis in den letzten Jahren wieder. Ein ständiger Wechsel aus Ende und Anfang.

„A lot of the songs were written within the past three years. And at the time of writing them I was writing them about something that I don't really think about much anymore. But I'm finding that it's now becoming relevant to something else that's happening. And so it's kind of nice to feel that these songs have multiple lives. Even for me, for the person that wrote them, they just become relevant in different ways. So that's an interesting experience.“

Austras viertes Album trägt den Namen „HiRUDiN“, benannt nach dem Peptid, das Blutegel freisetzen, wenn sie sich an anderen Lebewesen festsaugen. Hirudin ist ein starker Blutgerinnungshemmer, es ermöglicht dem Parasiten, seinem Wirt in kurzer Zeit größere Mengen Blut zu entziehen. Aber das Peptid wird auch zu Therapiezwecken eingesetzt. In den Augen von Katie Stelmanis ist es daher eine eindrückliche Metapher für Schmerz genauso wie für Heilung und damit zusammenhängende Lerneffekten: Jede Wunde hinterlässt Spuren, aber was die Wunde verursachte, hat an anderer Stelle auch das Potenzial, zu heilen.

„HiRUDiN“ handelt vom Ende einer aufreibenden Liebesbeziehung. Beim Zusammenstellen der Tracklist habe sie gemerkt, dass alle Songs des Albums diese Erfahrung auf ihre Weise reflektieren, sagt Katie Stelmanis: Das Gefängnis, als das sie ihre Beziehung erlebte, das daraus resultierende Ohnmachtsgefühl. Das Erkennen ungesunder Verhaltensmuster, der Befreiungsschlag, die Heilung. Dazu komme immer auch die Scham, eine toxische Situation nicht rechtzeitig verlassen, sich selbst nicht beschützt zu haben, so Stelmanis. Davon handelt die Single „Risk It“.

Weil sie neben persönlichen Herausforderungen zunehmend das Gefühl hatte, in kreativer Hinsicht gegen Wände zu laufen, hat Austra ihre bisherigen musikalischen Partner*innen für das neue Album hinter sich gelassen und sich ein neues Team gesucht. Für „HiRUDiN“ arbeitete sie erstmals mit Ko-Produzenten zusammen: Joseph Shabason und Rodaidh McDonald. Damit brachte die Arbeit am Album für Katie Stelmanis auch im kreativen Bereich ganz neue Impulse.

„For me, this record was a huge learning experience because it was the first record that I worked on with all-new collaborators. And I had for some a long time been really kind of closed about letting other people in cos I was always just scared that I would be giving up some of my own identity or autonomy. But working with outside producers and completely new players ended up just being kind of the most liberation experience because I realized that outside producers rather than kind of like shaping your vision, they just help you to fulfill yours.“

Katie Stelmanis' charakteristischer Falsettgesang wird gepaart mit mehr analogen Elementen, die sich in vielen Songs vom zarten Beginn bis zur Soundexplosion steigern. Sich mit neuen, inspirierenden Menschen zu umgeben, hat die Essenz von Austra gestärkt und die Musik gleichzeitig auf neuen Kurs gebracht. Damit ist „HiRUDiN“ nicht nur ein musikalisches Manifest für Heilung und Weiterentwicklung, sondern auch eine Lektion in Sachen „Teamwork“.

„[…] each person is kind of like in their own space and on their own journey. And sometimes those journeys make sense to separate and sometimes for one person it doesn't make sense. So yeah, it's never the same. I feel like you can never really guess how difficult that's gonna be.“