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MADANII - Zwischen Fesselkunst und Future-Pop

Bondage-Ästhetik, schwere Bässe und eine auratische Pop-Mystik, die auf Facebook nur „Persian cats" als Einfluss angibt. Die Künstlerin Dena Zarrin aus Berlin werkelt an hybriden Songs und Videos, die klare Einordnungen beinahe unmöglich machen. Für ihr Projekt MADANII arbeitet sie mit dem Beatproducer Lucas Herweg zusammen, den sie an der Popakademie Mannheim kennengelernt hat. Seitdem überspringt MADANIIs fesselnder Future-Pop direkt drei Hauptseminare in Konzeptkunst und Multimedialität. Die Deutsch-Iranerin, die unter dem Geburtsnamen ihrer Mutter Musik macht, klingt mitunter nach Sevdaliza und FKA twigs, aber nie nach copy & paste. Benedict Weskott erwischte Dena Zarrin über Skype, um mit ihr über das schwierige Wort „Exotisierung" sowie die Ästhetisierung von Kontrasten zu sprechen.


Let's face it: Ein Song alleine reicht heutzutage oft nicht mehr aus, um sich zu etablieren. Dafür ist die Aufmerksamkeitsspanne einfach zu sehr geschrumpft. Ein Umstand, den auch einige Newcomer*innen immer mehr reflektieren. Ein Blick auf „die ganz Großen" könnte demonstrieren, worum es geht: In Zeiten, wo zu Musikalben ganze Filme erscheinen (zum Beispiel Beyoncés „Lemonade"), Songs ihr politisches Statement vor allem durch bedeutungsschwangere Musikvideos zementieren (im kollektiven Pop-Gedächtnis landete zuletzt wohl vor allem „This Is America" von Childish Gambino, aber auch „PYNK" von Janelle Monáe sei hier erwähnt) oder sogar gleich neue Äras der Künstler*innen einläuten (Paradebeispiel: „Cellophane" von FKA twigs) und Live-Auftritte oft bombastischer produziert werden als die Songs selbst, kann Pop-Musik nicht mehr alleinstehend gedacht werden. Kurzfassung: Songs ganz ohne Appendix aufnehmen und spielen - das ist einfach 2000 and late. Kali Uchis, FKA twigs, Sevdaliza oder auch Lana del Rey setzen häufig auf multimediale Kunst, in der alle künstlerischen Mittel miteinander verbunden werden. Das sieht auch die Newcomerin Dena so, für die es nie in Frage kam, als MADANII „nur" Musik zu machen. Stattdessen steht Multidimensionalität auf dem selbst erstellen Stundenplan: Aus der Kombination aus Musik, Videos und Performance entstehen bei ihr dreidimensionale Kunstwerke, in denen die visuelle Komponente gleichberechtigter Bestandteil ist und eine ganz bestimmte Bildästhetik zum Aushängeschild wird. Das ersetzt natürlich längst keinen Soundcheck für die Live-Gigs. Aber es gilt die Devise: Think big!


Dena Zarrin konkretisiert die Grundausrichtung von MADANII: „Es ist auf jeden Fall ein spartenübergreifendes Projekt. Ohne die visuelle Komponente würde etwas fehlen, die Videos könnten aber genauso wenig nur für sich allein stehen. Und erst mit den Live-Performances ergibt alles zusammen das Produkt oder das Projekt MADANII. Das komplette Drumherum, das Styling und die Vision, ist eine Erweiterung von dem, was in der Musik passiert, und das alles zusammen ergibt erst das komplette Bild. Für mich war einfach klar, dass das Visuelle bei uns auch dabei sein muss." Eine EP steht in der Pipeline, der zumindest bisherige Arbeitstitel: „Do I Look Dangerous 2 U". Der Fokus liegt für Dena aber so oder so erst einmal auf einzelnen Song-Aufnahmen. Diverse Single-Releases sicherten ihrem Projekt schon im vergangenen Jahr erste Aufmerksamkeit, beispielsweise einen Platz in der Musikexpress-Hotlist, die unter anderem von „persischen Soundsamples" sprach. Auch das Musicboard Berlin war für eine Förderung mit an Bord. Klingt also nach massenhaft Zukunft für MADANIIs Future-Pop. Dena behält jedenfalls weiterhin alle Fäden in der Hand. Das visuelle Konzept, das Zusammenspiel aus Musik und Visuellem, die Videos, Performances und Fotos - all das entwickelt sie zuerst einmal selbst. Um neue Einblicke und Ideen zu bekommen, setzt sie dann zusätzlich gerne auf Kollaborationen: Neben Lucas Herweg, der sich um MADANIIs Beats kümmert und den Dena von der Mannheimer Popakademie kennt, ist die Netzwerk-Liste mitterweile schon ziemlich lang. Für das Video zu „HOLES/MVNIA" war Regisseurin Anette K. Hansen, bei „DRKNSS" Dominik Braz Bittrich involviert. In die Gestaltung der Live-Performances ist mittlerweile sogar eine Designerin eingebunden. Solche Formen von Gruppenarbeit sieht Dena auch als Entlastung: „Wenn es gut ist, dann freue ich mich sehr, weil ich Sachen einfach mache wie ich sie sehe oder ich suche dann Menschen, die es so machen können, wie ich mir das vorstelle. Jemand, dessen Arbeit es ist, solche Dinge zu machen, hat ganz andere Einblicke und Ideen und deshalb kollaboriere ich super gerne mit Leuten aus anderen Sparten, weil die mit ihrem Spezialwissen einfach ganz neue Sachen einbringen können. Aber ich bin manchmal schon ein kleiner control freak. Ich muss das echt lernen, auch mal Sachen abzugeben. Erstens eröffnet es viel mehr Möglichkeiten und zweitens entlastet es auch einfach."


Zu den vielen Dimensionen des Projekts MADANII gehören auch weit gefächerte musikalische Einflüsse zwischen R'n'B, Electropop, Trap und persischen Elementen, was im hybriden Klangresultat neben Sevdaliza oder FKA twigs teils auch an Marian Hill oder die wuchtigen Arrangements von BANKS erinnert. Aber das ist allenfalls ein Modul unter vielen: MADANII drückt häufig auf die Aktualisieren-Taste und entwickelt ihren Klang für die kommenden Singles schon wieder weiter. Durch die Instrumente und Melodien, die sich bei traditioneller iranischer Musik bedienen, wird das Spektrum der Songs weit und je nach Grundstimmung erhebend oder melancholisch. Zwischen den hypnotisch wirkenden Beats von „ROSEMVRY" ist etwa eine Kamanche zu hören, eines der ältesten persischen Saiteninstrumente. Undurchsichtig bleiben die Songs aber immer. Die iranischen Anleihen werden erst in der Kombination mit vielen anderen Sounds zum charakteristischen MADANII-Klang. Also bitte nichts künstlich hochexotisieren. Wenn es nach Dena geht, kann auch gerne auf den Terminus „Weltmusik" verzichtet werden. Die Wahlberlinerin erklärt: „Wenn Musik organisch entsteht, ist das ja eine Mischung aus Musik, mit denen die Künstler*innen in Berührung gekommen sind, die sie fasziniert durch einen subjektiven Filter. Und ich bin eben auch mit persischer Folklore aufgewachsen und deshalb ist das auch in meinem System drin. Und dann lasse ich es natürlich auch raus. Aber gleichzeitig brauche ich auch nichts in den Vordergrund stellen, was nicht in den Vordergrund gehört. Warum können nicht persische Einflüsse auch einfach ein Element sein, ohne dass es direkt in eine Box gepackt werden und exotisiert werden muss. Es wird dann exploitativ in den Vordergrund gestellt, ist dann aber doch einfach Popmusik. Und das wollte ich einfach alles irgendwie umgehen und sagen: Okay, ich stehe dazwischen, weil ich Deutsche und im Westen geboren und aufgewachsen bin und in meinem Leben zweimal im Iran war." Dena akzentuiert: „Es wäre völlig unmöglich, mich da jetzt hinzustellen und zu sagen, dass ich eine Repräsentantin der persischen Kultur bin. Aber natürlich sind diese Einflüsse in meiner Musik. Und nein, das ist keine Weltmusik und auch kein orientalistischer Pop".


Musikmachen strikt nach Lehrplan begreifen? Pro Genre eine passende Gleichung parat haben? Für Dena gestaltet sich ihr Arbeitsprozess viel komplexer. Kontraste und Undefinierbarkeiten machen für sie erst den eigentlichen Reiz aus. Musik wird so zum Ausdruck individueller Biografien, der in einem organischen Prozess aus eigenen Erfahrungen, Sozialisationen und Widersprüchen entsteht. Auch die MADANII-Videos sind deutliche Statements dafür, sich nicht festlegen zu müssen. Im in Pastellfarben getauchten Doppelvideo zu „HOLES" und „MVNIA" wird Dena zum Beispiel von einer Art Geist am Halsband in einen großen Saal geführt, hängt in Bondagetechnik verknotet von der Decke und ersteht aus einem Haufen verknotet-verknüpfter Menschen wieder auf. Das gibt Rätsel auf, die auch die Lyrics nicht lösen: „Eyes are open wide but you're still blind / I'm digging deeper, digging holes, nobody finds mine", singt Dena hier, deren Gesicht inklusive Mundpartie im Video phasenweise von Strickfäden umzogen ist. Was passiert hier eigentlich? Irritation deluxe - zumindest zu Beginn. Ein Versuch, zu entknoten: Laut Dena werden in beiden Songs gesellschaftliche Normen, Restriktionen, Erwartungen und Vorurteile verhandelt. Von all diesen Dingen können Menschen auf ganz unterschiedlichen Ebenen tangiert werden, im Song-Kapitel von „MVNIA" geht es etwa um westliche Schönheitsnormen. Die gewählte Bondage-Ästhetik macht im Video also die Zwänge sichtbar, von denen es sich zu befreien gilt. Und die Pastellfarben sorgen für den gewollten Kontrast: „Ich spiele einfach gerne mit ein bisschen befremdlichen Visuals und Themen, die nicht ganz so oberflächlich sind. In Kombination mit zugänglicherer Musik eröffnet das einfach mehr Spielraum und man fällt nicht direkt in so eine düstere, schwere Ecke. Da ergibt sich ein ganz spannendes Paradox und das ist genau die goldene Mitte, die ich verfolgen möchte. Ich dachte, dass es einfach spannend ist, wenn alles rosa und nett ist und dann passieren auf einmal komische Dinge und dadurch ist man in so einem etwas merkwürdigen Zusammenspiel von verschiedenen Sachen." Dena konkretisiert: „Uneindeutigkeit oder einfach das Dazwischen ist der Raum, in dem ich mich am besten ausdrücken kann und deshalb versuche ich immer wieder, ihn zu kreieren. Komplett düster fände ich einfach langweilig, irgendwann ist es dann auserzählt. Und komplett poppig oder bubbly ist belanglos. Aber eine Mischung aus Ernsthaftigkeit, Mystik und politischem Interesse mit dieser Prise Pop finde ich interessant." Und so wird bei MADANII aus der Uneindeutigkeit ein Prinzip, aus dem Dazwischen eine Haltung und aus der Kombination von Musik und Visuellem ein fornderndes Gesamtkunstwerk, das ganz ohne Seminarfolien auskommt. Think big? Aber sowas von. Fortsetzung folgt.

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