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Trekken in der Mongolei: Wo Tiere den Takt angeben

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Was untrainierten Besuchern einen schmerzenden Rücken beschert, ist für die Nomaden Teil des Alltags: In der Westmongolei reiten bereits Zehnjährige virtuos auf ihren Pferden durch die Gegend.


Langsam lässt sich das Kamel nieder. Erst knicken die Vorderbeine ein, dann die Hinterbeine. Während vier Männer an ihm zerren und zurren, stösst das Tier ungewohnte, fast zwitschernde Laute aus. Lange Stangen werden beidseits der Höcker angebracht, Rucksäcke, Zelte und Proviantsäcke daran festgebunden. Daneben, an einem kleinen Wasserlauf, grasen die gesattelten Pferde. Zwei Stunden dauert es jeden Morgen, bis das Lager abgebrochen ist und sich der Tross von zwanzig Pferden und drei Kamelen über die mongolische Hochebene in Bewegung setzt.


Vorbei an Edelweiss und Enzian

Wir befinden uns in der westmongolischen Provinz Bajan-Ölgii. Es ist Sommer, und wir sind unterwegs zum Nationalpark Tsambagaraw Uul. Durch die baumlose, karge Landschaft schieben sich die grünbraunen Bergzüge des Altai-Gebirges. Wege oder Strassen gibt es fast keine. Doch die kleinen mongolischen Reitpferde bewegen sich trittsicher im steinigen Gelände, bewältigen Pässe, durchqueren Flüsse. Es geht hinauf zu den Sommerweiden der Nomaden: Hier weiden Ziegen, Schafe, Pferde und Yaks. Auf einer Höhe von 3000 Metern über Meer säumen Felder von Edelweiss und Enzianen die steilen Hänge. Auf einem Grat zeigt sich eine Herde von Steinböcken, am Horizont tauchen runde weisse Jurten auf, die traditionelle Behausung der Nomaden.


Auf andere Reisende treffen wir während des fünftägigen Ritts kaum. Die riesige Mongolei ist mit knapp drei Millionen Einwohnern eines der am dünnsten besiedelten Länder. Die Provinz Bajan-Ölgii zählt 90 000 Einwohner. 80 Prozent davon sind Kasachen. Anders als die Bevölkerung im Rest des Landes, wo der Buddhismus überwiegt, sind sie sunnitische Muslime. Die wilde Region liegt abgeschieden - rund 1700 Kilometer von der Hauptstadt Ulaanbaatar entfernt -, deshalb beginnt sie der Tourismus erst langsam zu entdecken.

Hundert Schafe oder Ziegen sichern das Existenzminimum, wer eine Herde von tausend Tieren besitzt, gilt als reich.


Im Verlauf des Tages weicht das helle Grün der Hochebene dem Grau einer unwirtlichen Steinwüste. Darüber spannt sich der blaue Himmel, gespickt mit abenteuerlichen Wolkenformationen. Wir reiten vorbei an Jurten und weidenden Viehherden. Am Abend rasten wir in einem Flusstal unweit von zwei Jurten. Sie gehören Tamsbek und seiner Familie. Die Schwiegertochter des Hirten ist gerade dabei, Ziegen und Schafe zu versorgen und zu melken. Dazu werden die Tiere Kopf an Kopf in einem Pferch aus aufgeschichteten Steinen eng aufgereiht und an einem langen Seil festgebunden. Der 60-jährige Tamsbek mit Schnurrbart und Schiebermütze erzählt, dass seine Familie bis im August hier an ihrem Sommerplatz bleibe. Dann werde die Jurte samt dem ganzen Hausrat auf einen Lastwagen verladen, und die Familie ziehe in das zwei Kilometer entfernte Herbstlager auf der anderen Seite des Berges.


In Tamsbeks Jurte werden die Gäste mit salzigem Milchtee, getrocknetem Käse und einem erfrischenden Joghurt aus Yak-Milch bewirtet. Im Zentrum der kreisrunden Behausung steht der Ofen, angefeuert wird mit getrocknetem Mist. Bunte Teppiche kleiden die Jurte aus. Links und rechts stehen zwei Betten und eine Kommode, gesessen wird auf dem Boden. Zwischen Dachstangen und Filzabdeckung stecken Geschirr, Zahnbürsten und Familienfotos. Eine Autobatterie mit einer Glühbirne spendet für ein paar Stunden Licht. Aufgeladen wird sie von einem Solarpanel.


Nicht die Technik, sondern die Tiere geben den Menschen den Rhythmus vor. Auch wir richten uns danach, machen Pausen, damit unsere Pferde grasen können, und lagern an Futter- und Wasserstellen. Das Wichtigste für die Nomaden ist, dass sich die Tiere in den kurzen Sommermonaten genügend Fett anfressen können, um den harten Winter zu überstehen, fällt die Temperatur doch mitunter auf minus 40 Grad. Ein Verlust der Herde bedeutet für die Nomaden meist auch, die Existenzgrundlage zu verlieren. Hundert Schafe oder Ziegen sichern das Existenzminimum, wer eine Herde von tausend Tieren besitzt, gilt als reich, so erzählt man uns in der Jurte.


Trotz dem engen Verhältnis zwischen Menschen und Tieren erhielten diese keine Namen, erzählt Nurgajaiv Khaivkhan. Gemäss der Tradition der mongolischen Kasachen würden die Tiere sonst rasch sterben, ergänzt die 24-Jährige, die uns auf unserer Reise begleitet. Obwohl uns auch hin und wieder ein Motorrad entgegenknattert: Pferde sind aus dem Alltag der Nomaden auch heute nicht wegzudenken. Bereits 10-Jährige schwingen sich mühelos auf den Pferderücken, reiten ganz ohne Sattel virtuos mit einem breiten Grinsen an uns vorbei. Ihre Reitkünste nötigen uns angesichts des eigenen schmerzenden Rückens Neid und Bewunderung ab. Aber auch wer telefonieren will, setzt sich aufs Pferd. Nur an wenigen Orten gibt es ein Handynetz, erst müssen die Menschen mit dem Handy auf eine exponierte Anhöhe galoppieren.


Arbeit in der Stadt

Leben und Arbeit der Nomaden ist hart. Vor allem den jüngeren Generationen erscheinen die Perspektiven in der Stadt attraktiver. Auch Tamsbeks älterer Sohn arbeitet als Koch in einer Kleinstadt. "Es ist gut, dass er etwas verdient", erzählt Tamsbek. Er könne ja immer wieder zurückkehren und als Viehzüchter arbeiten, wenn er die Stelle verlieren sollte, findet sein Vater. Eine Möglichkeit, Geld einzunehmen, ist für die Nomaden der Verkauf der Unterwolle der Kaschmirziegen. Bis nach China wird die begehrte Faser exportiert. Lukrativ ist auch die Zucht von Rennpferden. Zudem gibt es in den Nationalparks, die während des drei Monate währenden Sommers von Touristen besucht werden, Arbeit als Parkwächter, oder es können Pferde an Trekkingtouristen vermietet werden.


Der Raum für die Hirten in der Mongolei wird allerdings zunehmend enger. Durch den Bergbau-Boom, der das Land seit einigen Jahren erfasst hat, drohen die Nomaden immer mehr Weideland zu verlieren. Ihre Ansprüche werden vom Gesetz nur schlecht geschützt. Weideland gilt nicht als landwirtschaftlich genutzt. Dem Bergbau- und dem Transportministerium ist es daher vorbehalten, Pachtbewilligungen für die Nutzung zu vergeben. Viele Nomaden begegnen dem Bergbau mit Misstrauen. Sie erzählen, dass sie den Ausverkauf des Landes, vor allem an chinesische Bergbauunternehmen, fürchten.

Trotz dem wirtschaftlichen Aufschwung sind die nomadisch geprägten Traditionen auch heute noch für viele in der Mongolei keine Folklore, sondern identitätsstiftender Teil ihres Alltags.


Zum Schluss unserer Reise treffen wir Aisholpan Nurgaiv, die als Adlerjägerin ihre Familientradition weiterführt. Scheinbar mühelos hält die 16-Jährige den gewaltigen Vogel auf dem Arm und posiert für Fotos. Vor drei Jahren hat Aisholpan den Adler aus dem Nest geholt, abgerichtet, geht mit ihm nun im Winter auf die Jagd nach kleinen Tieren und nimmt am Adlerfestival in der Provinzhauptstadt Ölgii teil, wo die mongolischen Kasachen ihre Künste zeigen. Später möchte sie gerne Ärztin werden, antwortet Aisholpan schüchtern auf unsere Fragen. Lieber, als mit uns zu reden, schaut sie sich aber mit ihren Geschwistern Fotos auf einem Handy an, gemeinsam wird gekichert. Bereits ist die Filmindustrie auf sie aufmerksam geworden. Nachdem ein Dokumentarfilm über Aisholpan gedreht worden ist ("The Eagle Huntress", 2016), soll sie nun zur computeranimierten Heldin eines Animationsfilms werden. Wie lange der Teenager noch unbeschwert seinem Hobby frönen kann, ist fraglich.


Wieder zurück in Ölgii, hängen wir noch lange der Frage nach, welchen Platz die Nomaden in Zukunft in diesem Land einnehmen werden - einem Land, das auf der schwierigen Suche ist nach seinem Weg zwischen Modernisierung, Bergbau, Tourismus und der Bewahrung seiner Identität.


Gut zu wissen

Anreise: Verschiedene Fluggesellschaften bieten ab Zürich Flüge nach Ulaanbaatar an - allerdings keine direkten Verbindungen. Von Ulaanbaatar weiter mit einem Inlandsflug in die Provinzhauptstadt Ölgii. Schweizer benötigen für die Mongolei ein Visum. 


Touren: Reiseveranstalter in Europa und in der Mongolei organisieren Touren. Neben Reittrekkings werden etwa Wanderferien oder Rundreisen im Jeep angeboten. Es empfiehlt sich, das zur Verfügung gestellte Material wie Zelte oder Iso-Matten im Voraus zu überprüfen. 


Beste Reisezeit: Juli bis Oktober. Ende September/Anfang Oktober findet in Ölgii das Adlerfestival statt.

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