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"Vatermord"

„Die Hysteria-Burschenschaft ist hier, wir trinken gerne ein Dutzend Flaschen Bier. Wir trinken gern vom guten Weine, legen Männer an die Leine“, tönt es lauthals. Es sind ausschliesslich Frauen, die um den langen Biertisch sitzen, sich zuprosten und Fahnen schwingen. Bezüglich der schwarz gewandeten Gruppe von Frauen mit den roten Kappen macht sich im österreichischen Fernsehen eine gewisse Ratlosigkeit breit. Es handle sich wohl um eine Satire auf rechte Burschenschaften, meint die Kommentatorin des ORF-Nachrichtenbeitrags.


Nicht nur dem ORF fällt eine Einordnung der exklusiv weiblichen Burschenschaft Hyste- ria schwer. Die Bezeichnung als Satireprojekt wird kategorisch zurückgewiesen. Auch als reines Medienphänomen sieht sich die Gruppe, die Anfang 2016 zum ersten Mal in Erscheinung trat, nicht. „Fakt ist, dass die Burschenschaft Hysteria die älteste Verbindung Österreichs ist und mittlerweile über 200 Jahre alt ist“, schreibt die Burschenschaft der WOZ dazu. Erst vor ein paar Monaten hätten sie sich jedoch dazu entschlossen, das „sogenannte Weltnetz“ – die Burschenschaft spielt immer wieder mit rechtsextremem Jargon – zu nutzen. In europäischer Geschichte nicht sehr gebildete Menschen könnten so zu der Ansicht gelangen, sie seien ein neumodisches Phänomen.


Zwischen Kunst, Satire und Politik


Ihre Facebook-Seite unterscheidet sich auf den ersten Blick kaum von der anderer österreichischer Studentenvereinigungen. Bilder von Feiern, sogenannten Kommersen, werden gepostet. Erst ein genaueres Hinsehen verrät den Unterschied. Die Burschenschaft Hysteria hat etwa auch den „Saalschutz“ für das Stück „Die Schutzbefohlenen“ von Elfriede Jelinek übernommen, nachdem zuvor eine Aufführung von VertreterInnen der rechtsextremen Identitären Bewegung gestürmt worden war. Bekanntestes Mitglied der Verbindung ist die Autorin Stefanie Sargnagel.


Mit ihrer Wortwahl, den Uniformen und Ritualen macht die Verbindung starke Anlei- hen bei deutschnationalen Burschenschaften. Die Mitglieder von Hysteria tragen Couleur- namen wie Rothraut oder Sprenghilde. Statt des burschenschaftlichen Dreiklangs „Ehre, Freiheit, Vaterland!“ heisst es bei ihnen jedoch „Ehre, Freiheit, Vatermord!“. Sie fordern das weltweite Matriarchat.


Die Burschenschaft, die sich irgendwo zwischen Kunst, Satire und Politik bewegt, verweigert sich jeder Interpretation. Auch im Interview fällt niemand aus der Rolle: „Wir sind eine ganz normale Burschenschaft wie jede andere auch. Wir pflegen unser Brauchtum, singen traditionelle Lieder und heben auch gerne mal das eine oder andere Bierchen.“


Hysteria thematisiert immer wieder den für Burschenschaften typischen Sexismus, die traditionellen Geschlechterrollen und das Männerbündlerische. Dabei wird der ewig gestrigen Ideologie die Spitze genommen und gekonnt mit den Ängsten von Männern gespielt, die vorgeben, Frauen schützen zu wollen, und gleichzeitig Migration oder Feminismus als Bedrohung für „unsere“ Werte und Kultur anprangern.


Völkischer Verbund


Präsent sind deutschnationale Studentenverbindungen, von denen das Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes einige als rechtsextrem einstuft, vor allem rund um den Akademikerball in der Wiener Hofburg. Regelmässig kommt es zu Zusammenstössen zwischen der Polizei und linken GegendemonstrantIn- nen. Dem völkischen Verbindungswesen in Österreich sollen schätzungsweise 4000 Personen angehören. Bekannt ist, dass die rechtsnationale FPÖ PolitikerInnen aus diesen Netzwerken rekrutiert. Ihr Präsidentschaftskandidat Norbert Hofer etwa ist Mitglied der Marko-Germania zu Pinkafeld, die offen deutschnationale Ideen vertritt.

Aus diesem Milieu wird Hysteria online immer wieder frontal angegriffen. #linkewei- berausknocken lautet etwa der von der Wiener Burschenschaft Hansea auf Facebook verwendete Hashtag. Bislang begegnet Hysteria den frauenfeindlichen und gewaltverherrlichenden Attacken mit Humor. Zum Beispiel mit einer Kampagne gegen den Sextourismus reicher Ausländerinnen in Österreich. Flyer fordern in verschiedenen Sprachen dazu auf, die Finger von einheimischen Männern zu lassen. Die Burschenschaft dazu: „Zigtausende Hintern werden begrapscht und reihenweise stramme Schenkel gestreichelt! Das Mass ist voll! Unsere Knaben für unsere Frauen! Denn niemand res- pektiert Männer mehr als wir!“

 

Der Artikel ist am 1.Dezember 2016 in der WOZ erschienen