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Ein Hektar für jeden

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ARCHARA. Mehr als drei Stunden dauert die Fahrt, bis Vadim Ostrowerch auf seinem Hektar steht. Von Archara, ganz im Osten des Oblast Amur im Fernen Osten Russlands, muss er erst eineinhalb Stunden mit dem Auto, dann noch zwei Stunden mit dem Motorboot fahren, bis er im Dorf Tatakan angelangt ist, wo sein Stück Land liegt. Die große Distanz schreckt ihn nicht. Ostrowerch schwärmt von der unberührten Natur, zeigt voller Stolz Fotos von den Fischen, die er dort gefangen hat.


Den Hektar hat Ostrowerch im Rahmen des Ein-Hektar-Projekts erhalten. Mit dem am 1. Juni in Kraft getretenen Gesetz hat jeder russische Staatsbürger Anrecht auf einen kostenlosen Hektar Land im Fernen Osten von Russland. Bis zum 1. Oktober können sich erst einmal Einwohner ausgewählter Gebiete im Föderationskreis Fernost bewerben. Ab Februar 2017 ist die Vergabe dann für alle russischen Staatsbürger offen.


Die russische Regierung erhofft sich davon mehr Aufmerksamkeit und eine wirtschaftliche Belebung der strukturschwachen Region. Der Ferne Osten ist arm. Im Gebiet Amur, zu dem auch das 19.000 Einwohner zählende Archara gehört, betrug der Durchschnittslohn 2015 umgerechnet 411 €.Massenhaft haben die Einwohner seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 die Region verlassen. Nur noch gerade etwas mehr als sechs Millionen Menschen leben in einem Gebiet, das vom Baikalsee bis an die Pazifikküste reicht und 36 Prozent der Fläche Russlands umfasst.


Nur zwei Wochen habe es gedauert, dann hätte er positiven Bescheid über seinen Antrag erhalten, erzählt Ostrowerch. Sämtliche Formalitäten können online erledigt werden. Fünf Jahre hat er das Stück Land nun gratis und steuerfrei gepachtet. Nach Ablauf der Frist kann er den Hektar kaufen. Einzige Bedingung: Das Land muss wirtschaftlich genutzt werden, sonst fällt es wieder an den Staat zurück. Konkrete Pläne hat Ostrowerch noch keine, wenn es sein muss, kaufe er sich halt eine Ziege und produziere Mozzarella, meint er scherzhaft. Land besitzt er eigentlich genug. Auf 420 Hektar baut er in der Nähe von Archara Soja und Buchweizen an. Auf seinem Hektar hat er nun erst einmal ein Ferienhaus auf dem Fundament eines verfallenen Hauses gebaut. In Tatakan hätten früher Altgläubige, eine Abspaltung der russisch-orthodoxen Kirche, gewohnt, erzählt der 43-Jährige. Außer ihm gibt es dort nur noch zwei Häuser. Tatakan zählt heute noch einen einzigen ständigen Einwohner. Einen Mann, der wegen seiner Alkoholsucht von seiner Familie dorthin verbannt wurde.


Der Gratishektar ist nicht das erste Projekt, mit dem Russland versucht, wirtschaftliche Impulse im Fernen Osten zu setzen. 2012 wurde extra ein Ministerium für Ostentwicklung gegründet. Zu dessen Aufgabe gehört insbesondere die Anwerbung von Geldern aus Asien. Vor allem seit die EU und die USA infolge der Ukraine-Krise Sanktionen gegen Russland verhängt haben, werden hochrangige Politiker in Moskau nicht müde, eine wirtschaftliche und politische Wende hin nach China zu beschwören. Die großen Hoffnungen haben sich bislang jedoch kaum erfüllt. Zwar stiegen die Ölexporte nach China um 30 Prozent, vom schwachen Rubel wurden die daraus resultierenden Mehreinnahmen aber gleich wieder aufgefressen. Wegen der Wirtschaftskrise in Russland und des schwächeren Wachstums in China ist das Handelsvolumen in den ersten neun Monaten 2015 Medienberichten zufolge um 30 Prozent zurückgegangen. Im selben Zeitraum fielen die Gaslieferungen um 51,3 Prozent, was einem Rückgang bei den Einnahmen von 71,5 Prozent entspricht.


Gerade einmal 0,7 Prozent der chinesischen Auslandsinvestitionen, 794 Millionen von 116 Milliarden Dollar, gingen 2015 nach Russland. Im Fernen Osten sind mit Abstand die größten Investoren Staaten und Gebiete wie Zypern oder die Britischen Jungfraueninseln. Dabei handelt es sich wohl um russisches Kapital aus Offshore-Firmen, das erneut im Land investiert wird. Neben den Sanktionen gegen Russland, die auch chinesische Banken dazu zwingen, vorsichtig zu agieren, gibt es nach Aussage von Experten einen weiteren Grund für die chinesische Zurückhaltung: Die Unternehmen finden im Fernen Osten zu wenige Arbeitskräfte und die riesige, dünn besiedelte Region ist kein lohnender Absatzmarkt.


Zu den wenigen Erfolgsbeispielen gehört die RFP Group. Das größte Forstunternehmen im Fernen Osten führt 85 Prozent seiner Exporte nach China aus. "Schon wegen unserer geografischen Lage ist die Ausrichtung für uns logisch", sagt Vizepräsident Alexander Blinow. Über einen gemeinsamen Fonds halten der russische und der chinesische Staatsfonds 42 Prozent an der RFP Group. Die Chinesen seien schon vor der nun propagierten Wende nach Osten auf sie zugekommen, sagt Blinow.


Die schlecht ausgebaute Infrastruktur der an Ressourcen reichen Region erschwert allerdings auch ihr Geschäft. Die russischen Staatsbahnen haben quasi ein Monopol, die Transportkosten sind groß. Die Häfen sind nur mangelhaft ausgebaut, große Schiffe können nicht anlegen. Das führt laut Blinow dazu, dass Unternehmen aus Skandinavien schlussendlich für dieselben Kosten nach China liefern könnten wie die RFP Group.

Ostrowerch sieht vor allem in der Landwirtschaft Chancen. Land gibt es genug, es sollte verteilt werden und damit Arbeitsplätze geschaffen werden. Im Internet haben sich bereits Gruppen von mehreren hundert Interessenten zusammengeschlossen, die ihren Hektar gemeinsam beantragen wollen, damit sich die landwirtschaftliche Nutzung besser rentiert und die Behörden auch einen Anschluss an die Strom-und Wasserversorgung herstellen.

Ob das Ein-Hektar-Projekt ein Erfolg wird, ist fraglich. Angesichts des riesigen unbebauten Gebiets scheint ein einzelner Hektar, etwas größer als ein Fußballfeld, fast absurd winzig. Wie Ostrowerch werden wohl viele Bewohner des Fernen Ostens die Möglichkeit nutzen, um bereits bestehende Projekte nachträglich zu legalisieren. Auch Ostrowerch bezweifelt, dass dafür extra jemand aus dem Westen Russlands herzieht. "Im Sommer haben wir Mücken, im Winter Frost",meint er. Das müsse man schon mögen.


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