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Vierfüßlerstand mit Mundschutz: Corona-Alltag in einer Rehaklinik

"Wir haben genügend Desinfektionsmittel." Diesen Satz wiederholt die Chefin der Abteilung Pflege zum dritten Mal innerhalb von 20 Minuten. Ich sitze auf einem gepolsterten Stuhl im großen Saal einer Rehaklinik am Hochrhein: Hier möchte ich nach einer Gehirnhautentzündung wieder zu Kräften zu kommen. Vier Wochen lang bin ich in Reha. Gerade steht die gesamte Klinikleitung vor uns Neuangekommenen, rund 70 Männer und Frauen zwischen Abitur und Rente. "Wir haben genügend Desinfektionsmittel", höre ich dann ein viertes Mal und erinnere mich, dass die Handspender vor dem Speisesaal, an den Hauseingängen, vor der Turnhalle und neben dem Wasserspender mit Kabelbindern fixiert sind. Offensichtlich werden diese großen Flaschen hier gerne geklaut. Doch was tun damit? Auf dem Schwarzmarkt des nahe gelegenen Dorfs verkaufen? Oder vielleicht den Familienmitgliedern mitgeben, die am Wochenende zu Besuch kommen?


Besuch ist plötzlich nicht mehr erlaubt

"Kein Besuch", höre ich da vom Chefarzt. Er beruft sich auf eine neue Entscheidung der Baden-Württembergischen Regierung angesichts der Coronakrise und bittet uns, jedem Besuch abzusagen. Auch meinen: Mein Mann und meine Jungs wollten eigentlich am nächsten Wochenende kommen. Mit den Atemschutzmasken ausgestattet, die meine Mutter seit Tagen am Küchentisch näht. Ich rufe nach der Versammlung zuhause an und überbringe die schlechte Nachricht. Mein Kleiner weint, mein Großer spricht mir Mut zu und mein Mann seufzt.


Einige Tage später finde ich ein Schreiben der Klinikleitung in meinem Briefkasten. Alle Therapeutinnen und Therapeuten müssen nun Mundschutz tragen: beim Sport ebenso wie in der neuropsychologischen Sprechstunde oder der Gedächtnisgruppe. Der Sportwissenschaftler, der die Dehngruppe leitet, bringt einen großen Eimer Desinfektionsmittel in die Turnhalle. Damit wischt er die roten Turnmatten ab, auf die wir uns im Anschluss legen: im Vierfüßlerstand das rechte Bein und den linken Arm heben, den Rücken strecken und dann zusammenrollen. Am meisten schwitzt der mit dem Mundschutz: Die Schweißtropfen rinnen darunter hervor. Wir andern halten gebührend Abstand.


Kommunikation mit Mundschutz fällt schwer

"Es mag Ihnen seltsam vorkommen, mit mir zu sprechen, ohne mein Gesicht zu sehen." Stimmt! Mir gegenüber sitzt ein Logopäde. Ich kann sein Hochdeutsch ausgezeichnet verstehen - Mundschutz plus schwäbischer Dialekt ist da schon schwieriger, wie ich heute morgen im Gespräch mit einer Schwester erfahren habe. Aber ohne seine Mimik ist schwer zu erkennen, ob er meine Antworten auf seine Fragen lustig oder doof findet. Grinst er oder gähnt er unter dem Mundschutz?


In der Sprachgruppe motzt eine Patientin: Sie fände es unmöglich, dass einige andere Besuch von ihren Frauen empfangen hätten. "Die sollen ihre Wäsche mal selbst waschen, dann müssen die Frauen auch nicht mehr kommen!", schimpft sie. Ein anderer meint, es würde bald zu einem Aufstand auf dem Gelände kommen, wenn die Klinikleitung nicht mit härteren Bandagen kämpft. Vor dem Speisesaal steht dann eine Dame vom Küchenpersonal und fordert jeden einzeln auf, sich die Hände zu desinfizieren, bevor in die Besteckkiste gegriffen wird. „Und zwei Meter Abstand halten!", befiehlt sie in strengem Schwäbisch. Die Schlange vor der Essensausgabe geht die Treppe runter, einige Patienten müssen sich zwischendurch setzen. Der gefürchtete Aufstand bleibt aus.


Nordic-Walking übers Klinikgelände

Seitdem der Klinikbus nicht mehr ins Dorf fahren darf, geht der Busfahrer in Drogeriemarkt oder Supermarkt und kauft auf Bestellung Handcremes, Limo oder Kartoffelchips ein. Bezahlt wird das mit Karte am Empfang, dort kann neuerdings auch Bargeld abgehoben werden. Als ich ein Care-Paket mit Lieblingskeksen und Zeichnungen meiner Kinder abhole, begegne ich der 11-Uhr-Nordic-Walking-Gruppe: Die marschiert jetzt übers Klinikgelände, da das Versammlungsverbot auch den die Klinik umgebenden Wald betrifft. Ich muss heimlich lachen, weil immer wieder ein Nordic-Walking-Stock im Gulli hängen bleibt.


Meine letzten Rehatage sind gekommen: Das Desinfektionsmittel kommt jetzt von einem anderen Anbieter, "Made in Switzerland" steht auf der Flasche, es brennt auf der Haut und riecht stark nach Alkohol. Meine Abschluss-Therapiestunde ist wieder die Gymnastikgruppe: Im strahlenden Sonnenschein stehen wir zu zehnt auf dem Sportplatz, der Therapeut natürlich mit Mundschutz. Wir bilden einen Kreis und halten uns nicht an den Händen - sondern an großen, bunten Plastikreifen. „Versuchen Sie, Ihren Nachbarn aus dem Gleichgewicht zu bringen - Sie werden sehen, dass er nicht umfällt, weil die Gruppe ihn hält", sagt der Therapeut. Stimmt: Es fällt niemand um, es wird nur viel gewackelt und gelacht.


In der Klinik wirkt die Krise weniger bedrohlich

Als ich die Klinik verlasse, fällt mir der Abschied nach vier Wochen fast schwer: Ich habe mich beschützt gefühlt in diesem Mikrokosmos, in dem Schutzmaßnahmen und Social-Distancing-Regeln zwar spürbar waren, die bedrohliche Komponente der Coronakrise aber durch die klaren Ansagen von Chefärzten und Therapeuten ganz schön abgemildert wurde. Zuhause angekommen freue ich mich über die handgemachte Kollektion Mundschütze made by meiner Mutter: Dann kann ich ja gut erholt und angemessen ausgestattet zum Einkaufen gehen. In der Schlange vor der Bäckerei erreicht mich die SMS einer Patientin aus der Klinik: „Dir alles Gute."

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