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Die Nylonstrümpfe werden 75

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N-Day nannte man den 15. Mai 1940, als in den USA der Chemiekonzern DuPont zum allerersten Mal offiziell und in vielen amerikanischen Geschäften Nylonstrümpfe verkaufte. Fünf Millionen Stück wurden für diesen Tag produziert, jede Frau durfte nur ein Paar kaufen. Und doch das reichte nicht hinten und nicht vorne. Viele Frauen gingen leer aus. An nur einem Tag war alles weg.

Die Erfindung der Basisfaser Nylon datiert allerdings früher, weiß Wikipedia: Bereits 1935 entwickelte der DuPont-Forscher Wallace Carothers die reißfeste Faser. 1938 macht DuPont seine Erfindung öffentlich und 1939 wurde sie auf der New Yorker Weltausstellung dargeboten. Es ist die erste von Menschen geschaffene organische Textilfaser, steht im Fachbuch „Künstliche Versuchung", einem umfangreichen Werk über Nylons. In Deutschland tüftelt man auch und die IG Farben, damals der größte Chemiekonzern der Welt, erfindet ebenfalls eine künstliche Faser, aufbauend auf die Patente von DuPont. Sie wird Perlon genannt.

Derzeit läuft in den USA eine raffinierte Marketingaktion an: Am Firmen-Stammsitz in Wilmington werden die ansässigen Damen eingeladen, die neuen Strümpfe zu kaufen und zu testen. Jede Frau darf nur drei Paar erwerben in einem der sechs Wäschegeschäfte. Angeblich reisen zu diesem Vorab-Exklusivverkauf Frauen aus dem ganzen Land an, in der Hoffnung sich, dank Hoteladresse, ein Exemplar zu sichern. 4000 Paar gehen in nur drei Stunden weg. Die leer ausgegangenen Frauen müssen auf den N-Day warten. Obwohl die Strümpfe doppelt zu teuer sind als herkömmliche Seidenstrümpfe (aus japanischer Seide), werden im ersten Jahr über 64 Millionen verkauft. Warum: Sie gelten als Laufmaschen-sicher und haltbarer.

Doch das neue Must-Have ist leider nur sehr kurz am Markt. Als die USA 1941 in den Krieg eintreten, wird die gesamte Nylonproduktion zu Militärzwecken genutzt. Der Traum der engen, glänzenden Strümpfe ist erstmal ausgeträumt. Die Frauen werden sogar aufgerufen, ihre Nylons abzugeben, damit diese für die Kriegsproduktion (vor allem Fallschirme) wieder verwendet werden können. Durch die Verknappung werden Nylons zu einer Art Ersatzwährung während des Krieges und auch danach. Auf dem Schwarzmarkt sind sie Gold wert und ein Soldat kann dafür fast alles tauschen. Wer keine Nylons hat, behilft sich mit „Strumpfzauber", zum Beispiel von Palmers, der Beinen seidigen Glanz verleiht. Die Strumpfnaht wird einfach aufs nackte Bein gemalt.

Als sie wieder erhältlich sind, kommt es zu sogenannten Nylon-Riots, bei denen sich die Frauen um die Strümpfe regelrecht schlagen. Vor den Geschäften bilden sich ellenlange Schlangen, um die Wunderstrümpfe zu ergattern. Damals kursieren Gerüchte wie „Wer Nylons trägt, braucht nie wieder Strümpfe stopfen."

In Hollywood wird der Superstrumpf zum unverzichtbaren Accessoire für Filmstars und Pin-up-Girls. Parallel werden die Strümpfe immer dünner: 1951 wird 10den erreicht. Auf Bahnhöfen stehen Strumpfautomaten, an denen man sich die Nylons und Perlons selbst ziehen kann. Chemiefasern als Innovationen sind damals „in" und nach den beschwerlichen Nachkriegsjahren begehrter als Naturfasern. Das bleibt rund zwei Jahrzehnte so. Die Strümpfe werden nahtlos, die Strumpfhose ersetzt die Strapsstrümpfe und die Herren tragen Nylonhemden. Mit den Siebzigern und der Hippie-Bewegung kommen Natürlichkeit und Naturstoffe wieder in Mode. Im Sommer geht man nun „ohne", die Männer wollen nicht mehr in Plastik rumlaufen. Erst in den Achtzigerjahren werden vor allem schwarze Seidenstrümpfe wieder zum unverzichtbaren Accessoire der opulenten Mode von Mugler und Konsorten.

Sie sind es bis heute. Auch wenn in unserer Zeit auf den Laufstegen meist nur nackte Beine über den Catwalk laufen, so gehört im Herbst und Winter ein Seidenstrumpf noch immer zur Grundausstattung einer Frau.

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