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Die Bakterienflüsterin

Bonnie Bassler erforscht seit über 20 Jahren die Kommunikation von Bakterien. In

diesem Jahr wurde sie dafür mit de L’Oréal-Wissenschaftspreis „For Women in Science“ ausgezeichnet

 

Quorum Sensing nennt man die Kommunikation zwischen Bakterien und sobald die amerikanische Wissenschaftlerin Bonnie Bassler darauf zu sprechen kommt, vibriert ihr ganzer Körper. Die wilden braunen Locken fliegen, die Hände gestikulieren wild in die Luft und sie zappelt derart enthusiastisch auf dem Stuhl herum, dass ihr ständig der Rock nach oben rutscht. Dass sie ihn wie ein kleines Mädchen immer wieder züchtig unten zieht und ihn zwischen ihre Beine klemmt, hilft auch nichts. Frau Professorin kann einfach nicht still sitzen.

Die gebürtige Chicagoerin entspricht so gar nicht dem Klischee einer in sich gekehrten Forscherin. Sie redet schnell, lacht viel und beendet ihre schlauen Sätze gerne mit „Stimmt, oder?“. Mit ihrem Schauspieler-Ehemann und einer Katze  lebt sie zusammen in der Unistadt-Princeton, wo sie jeden Morgen um 6 Uhr einen Yoga-Kurs gibt. Für ihre Arbeit erhielt sie nicht nur viele Auszeichnungen, sondern man verlieh ihr sogar einen Spitznamen: „Bakterienflüsterin“. Die  49-jährige Microbiologin ist Mitglied der amerikanischen Nationalakademie für Wissenschaft, Preisträgerin des Genie-Preises MacArthur Fellowship und erhielt in diesem Jahr den Preis „For Women in Science“ der L’Oréal-Stiftung. Anlässlich dieser Auszeichnung traf Vogue die „etwas andere“ Professorin zu einem Gespräch über Bakterien und den Berufsalltag in der Forschung.

 

 

Vogue: Wie kommt man dazu, sich ein Leben lang mit Bakterien zu beschäftigen?

Alles war ein reiner Zufall. Als Kind wollte ich eigentlich Tierärztin werden. Doch nach wenigen Wochen an der Uni, stellte ich fest: Ich liebe lebende Tiere, aber keine toten. Also wechselte ich zur Biologie und dort entschied ich mich für ein Labor, das zwei Projekte betreute. Eines mit Krebs und eines mit Bakterien. Ich wollte in das Krebsprojekt und die steckten mich zu den Bakterien. Anfangs ärgerte ich mich darüber, weil ich der Meinung war, dass Bakterien sicherlich uninteressant sind, doch dann verliebte ich mich in sie.

 

Wie bitte?

Bakterien bekommen immer eine schlechte Presse. Alle denken, das ist was Schreckliches, Bakterien lösen böse Krankheiten aus und so weiter. Dabei sind sie das erste Leben, das auf der Welt existierte. Sie sind vier Milliarden Jahre alt. Sie stecken in jeder Pflanze, in jedem Tier, in jedem Menschen. Wir brauchen sie, um zu überleben. Ihre Erforschung zeigt, wie der menschliche Körper funktioniert. Ich verliebte mich in sie, weil sie einfach zu studieren sind, eine faszinierende Persönlichkeit und magische Eigenschaften haben.

 

Wie zum Beispiel, dass sie im Meer leuchten können.

Genau. Für meine Doktorarbeit untersuchte ich das Thema „Bakterien im Umfeld“, als ich von einem Wissenschafts-Symposium mit Mike Silverman hörte, der sich mit dem magischen Glühen eines bestimmten Meeres-Bakterium beschäftigte. Es war sein erster Vortrag seit zehn Jahren und ich saß unter den Zuhörern. Was für ein glücklicher Zufall! Silverman erklärte, dass es nur dann leuchtet, wenn mehrere Bakterien zusammen kommen. Irgendwie müssten die Bakterien also miteinander kommunizieren können, um zu unterscheiden, ob sie alleine oder in der Gruppe sind. Ich saß da und dachte: Das ist das Verrückteste und Tollste, was ich in meinem ganzen Leben gehört habe. Denn 400 Jahre lang war die Wissenschaft davon überzeugt, dass Bakterien zu rein gar nichts Interessantem fähig sind. Am Ende des Vortrags rannte ich zu Silverman aufs Podium und bat, das Post-Doktorat bei ihm machen zu dürfen.

 

Was Sie dann auch taten.

Ja, es waren wunderbare vier Jahre. Dabei sind wir sind die unterschiedlichsten Menschen, die man sich nur vorstellen kann. Er ist extrem schüchtern und ich plappere ständig. Ich mag das, was er nicht mag. Zum Beispiel Vorträge halten. Er kann das, was ich nicht kann. Zum Beispiel in die Tiefe denken. Es war die perfekte Partnerschaft.  Er wurde nicht nur mein Mentor, sondern baute mich auch immer wieder auf, wenn ich an mir zweifelte.

 

War das denn nötig?

Natürlich, denn diese Bakterienforschung ist ein absolutes Randgebiet. Außerdem konzentrierte sich meine Arbeit auf diese lächerliche Bakterienart aus dem Ozean, die weder Krankheiten verursacht, noch in der Landwirtschaft nutzbar ist. Nach meinem Post-Doktorat war die Uni Princeton die einzige von 50 angeschriebenen Universitäten, die mir einen Job anbot. Das war eine unglaubliche Chance, doch mein zweites Problem war, dass ich keine Forschungsgelder für mein Projekt auftreiben konnte.

 

Wie wichtig ist das?

An den Forschungsgeldern misst sich der Erfolg. Princeton gab mir den Platz für ein Labor und das Geld für die Grundausrüstung. Das ist das Start-Packet. Für den Unterhalt meines Labors bin ich selbst verantwortlich. Sprich, ich muss die Moleküle kaufen, die Gehälter meiner Studenten zahlen etc. Forschung ist sehr teuer. Normalerweise kann man nach fünf Jahren Fundraising machen, aber ich bekam nichts.  Wohin ich auch schrieb, nur Absagen. Ich begann an mir zu zweifeln. Doch ständig kamen neue Studenten zu mir, die unbedingt mit mir arbeiten wollten. Wenn ich allein in meinem Büro war, dachte ich nur: Ich zerstöre das Leben dieser armen Studenten, die an mich glauben, denn sie merken nicht, dass ich ein Looser bin.

 

Und dann kam 2002 plötzlich die Auszeichnung der MacArthur Stiftung.

Die änderte alles. MacArthur ist ein sehr amerikanischer Preis. Er wird jedes Jahr in 20 Kategorien vergeben. Ausgezeichnet werden Clowns, Tänzer, Leute, die obdachlosen Schwangeren helfen oder den Nuklearwaffenabbau unterstützen. Er ist in den USA weithin als Genie-Preis bekannt. Man bekommt aus heiterem Himmel einen Anruf. Der ist eine halbe Million Dollar wert und dann hört man nie wieder etwas von der Stiftung. Man muss auch keine Gegenleistung bringen. Es ist ein verrückter Preis, der an verrückte Menschen verliehen wird.

 

Wie lange reicht eine halbe Million in der Forschung?

Ach nicht lange. Der Scheck ist nicht das Wichtigste an dem Preis, sondern seine Öffentlichkeitswirkung. Man wird zum Genie erhoben. Von einem auf den anderen Tag stand mein Labor im Rampenlicht. Der Preis stieß mein ganzes Forschungsgebiet raus aus dem Randgebiet der Wissenschaft ins allgemeine Interesse. Plötzlich dachten alle, da ist was. Das muss man beobachten.

 

Und dann kamen auch die Fördergelder?

Ja. Aber vor allem gab der Preis mir mein Selbstvertrauen zurück und ich entdeckte, dass Hunderte von anderen Labors am gleichen Thema forschten. Da draußen waren andere und die waren genauso verrückt wie ich.

 

Wie lebt es sich nun mit dem Image eines Genies?

Noch erkennt mich niemand auf der Straße. Ich bin Wissenschaftler und kein Hollywoodstar. Aber dennoch hat sich mein Leben verändert. Die Hälfte meines Berufslebens investierte ich in ein Gebiet, bei dem es keine Entwicklung gab und an das niemand glaubte. Viele Menschen denken auch, dass Wissenschaftler traurig, böse, langweilig oder alte weißhaarige Männer sind. Durch die Bekanntheit konnte ich zeigen, dass Forschung etwas Mirakulöses ist und man Spaß haben kann. Ich will jungen Frauen Lust machen, darin zu mit zu arbeiten. Forschung ist ein Abenteuer.

 

Haben Sie nach all’ den Auszeichnung auch noch eigene Träume?

Wir wissen nun, dass Bakterien sich unterhalten. Und vielleicht können wir uns auch einmal mit ihnen unterhalten. Mein Wunsch wäre auch, dass man allgemein besser über Bakterien denkt. Dass die Allgemeinheit weiß, was sie können und was sie alles Gutes tun. Wenn man über unsere Welt nachdenkt, dann sind die großen Baustellen Ernährung, Energie und Umwelt. Bakterien spielen in diesen Bereichen eine große Rolle und können helfen, Probleme zu lösen. Das zu vermitteln, wäre mein Traum.

 

 

 

 

 

Kasten:  

Zu Bonnie Basslers Forschung

Zusammen mit ihrem Mentor Mike Silverman entdeckte Bonnie Bassler ein Molekül, das beim untersuchten Meeresbakterium namens Vibrio harveyi die Kommunikation innerhalb dieser Bakterienart steuert. In den 90-er Jahren fand die Professorin in ihrem  eigenem Labor in Princeton ein weiteres Moleküls, das alle Bakterien produzieren können. Dies war der Beweis, dass verschiedenen Bakterienarten untereinander zur Kommunikation fähig sind. Jedoch kennt die Wissenschaft bis heute nur rund 1% aller existierenden Bakterien.

Derzeit sucht Bonne Bassler nach weiteren, noch nicht bekannten Bakterien und nach Mechanismen, nach denen die Kommunikation zwischen den Bakterien abläuft. Konkret: Wer gibt in der Gruppe den Ton an? Wer folgt? Gibt es eine Kontrollinstanz? Wie schaffen die Bakterien, Aktionen zu synchronisieren? Ziel ist, in die Kommunikation eingreifen zu können, damit die Bakterien nicht reden können oder sich nicht mehr hören können. So könnte der Mensch bakterielle Krankheitsattacken verhindern. Durch Kontrolle der Bakterien könnte man aber auch die „guten“ Bakterien noch besser machen, so dass sie uns nützlich wären z.B. für die Herstellung von Produkten.