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Hermès – die Hüter des Savoir-Faire

Das 1837 gegründete Unternehmen Hermès gehört zu den erfolgreichsten und rentabelsten Firmen der Luxusbranche. Wie kommt’s? Von Outsourcing und Lean Management will die Erbenfamilie Dumas nichts wissen. Der Erfolg gibt ihnen Recht.

Paulette und Hélène sind Rentnerinnen in Paris. Ab und an sieht man sie mit einer vollen Supermarkttüte das Stammhaus von Hermès in der Rue Faubourg Saint Honoré verlassen. In ihrem Plastiksack verstecken sich Schätze, aber das weiß natürlich keiner. Denn Paulette und Hélène arbeiten diskret im Hintergrund. Sie sind Heimarbeiterinnen für das berühmte Luxushaus, für das sie am Küchentisch fertig bedruckte, aber noch nicht gesäumte Seidentücher per Hand einrollen. Die beiden über 60jährigen machen das schon seit Jahren und haben ihre Methode: Drei Tücher rollen, dann die Hände in Eiswasser legen. Drei Tücher rollen, dann die Hände...

Geschichten wie diese mögen bizarr klingen im Zusammenhang mit einem Unternehmen, das mitten in der Weltwirtschaftskrise ein Rekord-Umsatzjahr hinlegt mit einem Plus von über 18% auf fast 2,8 Milliarden Euro, dessen Produkte von gekrönten Häuptern, Stars und Millionären gekauft werden und gegen das im Jahr 2010 an der Börse ein feindlicher Übernahmeversuch schwelte. In dem einem Wirtschaftskrimi ähnlichen Szenario sicherte sich der größte Luxuskonzern der Welt, LVMH, über 20% der wertvollen Anteile, bevor die Eigentümerfamilie des Pariser Traditionshauses die Reißlinie zog. Aus purer Angst, ihre Firmenkultur zu verlieren. Denn die ist der Familie heilig und zu dieser Kultur gehören auch Paulette, Hélène und ihre Küchentisch-Handarbeit.


Hermès ist in meinen Augen gar kein Unternehmen, sondern ein Haus mit Eltern und Kindern.


«Die Familie kümmert sich um uns. Die Chefs wissen von allen Mitarbeitern die Namen. Fabriken, wo keiner den anderen kennt, das passt nicht zum Haus», versucht Kamel Hamadou in metaphorischen Worten seine Wertschätzung für den Arbeitgeber auszudrücken. Der Mitte 50jährige arbeitet seit einem Vierteljahrhundert in der Textilholding des Luxusunternehmens, kurz HTH genannt, und ist dort für die Kommunikation verantwortlich, was letztlich gleich bedeutend ist mit «Geschichtenerzähler». Denn darum geht es bei Hermès, das seit sechs Generationen in den Händen einer einzigen Familie liegt, das Produkte in höchster Qualität und mit Kultcharakter schafft und dem das Savoir Faire über alles geht.


«Wir sind Handwerker», wurde der legendäre, vor wenigen Jahren verstorbene Firmenchef Jean-Louis Dumas nicht müde, immer wieder zu betonen.


Seine Botschaft wird heute von den beiden aktuellen Firmenlenkern, Pierre-Alexis Dumas als Abgesandter der Familie und Kreativdirektor, und Patrick Thomas, dem ersten familienfremden, aber absolut auf die Firmenwerte eingenordeten Vorstandsvorsitzenden, weiter in die Welt getragen: «Wir versuchen die schönst möglichen Produkte zu schaffen. Unsere Handwerker bringen ihr Herz und ihre Seele in die Waren mit ein. Wer ein Produkt kauft, erwirbt auch ein bisschen dieser Ethik.»

Ein Seidentuch wie kein anderes

Deshalb ist das berühmte Hermès-Seidentuch, eines der Kultprodukte des Hauses, auch nicht einfach nur ein bunt bedruckter Schal, sondern mehr: ein Meisterstück an Qualität, Kreation und ein Zeugnis von Freude an der Arbeit. Ein Carré, wie die 90 x 90 cm quadratischen Tücher im Fachjargon heißen, kostet 310 Euro. «Finden Sie das teuer?», fragt leicht provokant Kamel Hamadou, um sofort die Frage selbst zu beantworten. «Nein, das ist nicht teuer und ich erkläre auch warum: In einem Hermès-Tuch stecken 24 Monate, also zwei Jahre, harte Arbeit. Allein die Erstellung der Originalzeichnung dauert ein halbes Jahr.» 

Rund 30 bis 40 Illustratoren arbeiten für Hermès. Dazu kommen berühmte Künstler wie Hiroshi Sugimoto, Graffity-Artist Kongo oder der amerikanische Maler Hilton McConnico. Um nur ein paar zu nennen.


Wer aber meint, ein Carré designen zu wollen, sollte einfach mal was einschicken.


 Das Bild musste in 46 einzelne Farbfolien aufgeteilt werden.

«Wir haben auch schon Tücher eines texanischen Postboten verwirklicht. Nicht zu vergessen die Tücher von Sefedine.» Sefedine Kwumi gehörte zu den Kindersoldaten im Südsudan, bevor er im Kinderheim einer NGO zu malen begann. Ein Arzt brachte die Zeichnung des 14jährigen zu Jean-Louis Dumas nach Paris, der sich in den Wisch-Stil des Kindes verliebte und mit ihm zusammen mehrere Tücher realisierte, unter anderem das Carré «Feux du Ciel», das zum Jahrtausendwechsel auf dem Markt kam. 

Als Basismotiv eines Carrés kann ein Foto, ein Ölgemälde, eine Collage oder eine Zeichnung dienen. Hauptsache, sie ist 90 x 90 cm groß. Damit ist die Voraussetzung geschaffen für die Weiterverarbeitung in der Fotogravur – in Lyon. Hamadou gerät ins Schwärmen: «Was da passiert, ist ein regionales Savoir Faire, das man heute kaum noch findet auf der Welt.»

Nadine Rabilloud schmunzelt angesichts der Leidenschaft, mit der ihr Kollege ihre Arbeit preist. Die zarte Blondine arbeitet seit 34 Jahren an der Übertragung der Tuch-Vorlagen auf Fotogravur-Folien, die als Grundlage für den späteren Druck dienen. Eine echte Sisyphus-Arbeit, für die man ein gutes Auge, zeichnerisches Können, eine ruhige Hand, aber vor allem sehr viel Geduld benötigt. Konzentriert neigt sich Nadine bewaffnet mit einer spitzen Tintenfeder über das neueste Motiv. «Es ist Handarbeit. Seit 1945 hat sich die Technik nicht geändert.»

Madame gilt unter den 20 Graveuren als Expertin für besonders schwierige Fälle. Deswegen wurde ihr auch die Indianerin Wa’Ko’ni anvertraut. An dem Carré, das 2011 in die Läden kam, saß sie zusammen mit zwei Kolleginnen 2000 Stunden lang. 


Viel Arbeit sei es gewesen, aber auch viel Freude. «Mit jedem Tuch tauche ich in eine neue Geschichte ein. Und ich lerne etwas. In einem Indianer-Fachbuch habe ich sogar Wa’Ko’nis Schmuck wieder gefunden.»

Die Folien, die Nadine in mühsamer Handarbeit zeichnet, werden danach von ihrer Kollegin Delphine für die Druckvorbereitung digital aufbereitet. Im Anbau des wie ein Mehrfamilienhaus aussehenden Firmengebäudes belichten Philippe und Jean-François diese Daten später auf 46 mit Polyestergaze bespannten und mit foto-sensiblem Lack beschichteten Metallrahmen. «Für diesen Arbeitsschritt haben wir seit zwei Jahren eine neue Maschine, die mit einem speziellen Wachs arbeitet. Früher ging das Bespannen, Lackieren, Belichten per Hand. Die alte Methode können wir aber auch noch», erklärt Jean-François. Innovative Technik in die traditionelle Herstellung zu integrieren, sei Hermès sehr wichtig, erklärt Kamel Hamadou und rückt geschäftig seine Seiden-Krawatte zurecht. «Aber nur, wenn damit die Qualität verbessert wird!»

Beim traditionellen Plattendruck und auch vorher bei Auswahl der Druckfarben durch die Koloristinnen macht solch eine neue Technik allerdings keinen Sinn. 


Hier zählen noch immer der Mensch und sein gutes Auge, sein Gespür für Trends und vor allem seine Erfahrung, aus 75’000 Farbnuancen die richtigen auszuwählen.


In diesem Arbeitsschritt schaltet sich auch wieder die Pariser Firmenleitung ein. Kreativdirektor Pierre-Alexis Dumas kümmert sich höchstpersönlich als Leiter des Farbkomitees um die Bestimmung der perfekten Farben. Erst wenn alle zufrieden sind, in der Regel nach drei Monaten, wird gedruckt. Auf der berühmten 6A+ Seide, gerne auch Hermès Seide genannt, deren Qualität legendär ist.

Qualität und Renommee durch Perfektion

Gut zwei Drittel der bedruckten und danach veredelten Tücher wandern in den Ausschuss. Die gesamte Fertigung der Carrés wird heute zu 100% in hauseigenen Firmen realisiert. Sogar die Rohseide stammt aus einer Hermès Farm in Brasilien.


Eine zweite Wahl gibt es bei Hermès nicht. Was die Kontrolle nicht übersteht, wird vernichtet oder recycelt. Und wir kontrollieren alles!


In Lyon hat die Dumas-Familie über Jahrzehnte hinweg ihre besten Zulieferer aufgekauft. «Trotz der Übernahme haben alle ihre ursprünglichen Firmennamen behalten. Hermès kauft keine Firmen, sondern das Savoir Faire der Mitarbeiter. Das ist etwas anderes», erklärt der Textilholding-Sprecher mit Nachdruck. Allein beim letzten Fertigungsschritt, der Handrollierung à la Française, was bedeutet, dass der Seidentwill exakt einen Zentimeter gegen die bedruckten Seite nach unten mit nur einem einzigen Seidenfaden fixiert wird, ist Hermès auf Heimarbeiterinnen angewiesen. «Es ist sehr schwierig, hierfür Leute zu finden. Selbst mit 30 Jahren Erfahrung braucht eine Frau für die Handrollierung eines einzigen Tuchs gute 45 Minuten.»

Hermès bildet zwar selbst aus, aber am Personal ist es immer knapp. «Wir suchen Leute, die Lust auf diese Arbeit haben. Ein Diplom ist nicht so wichtig.» Das haben wahrscheinlich auch Paulette und Hélène nicht, die mit weit über 60 Jahren vom Küchentisch aus den Dumas bei der Umsatzsteigerung helfen und in Supermarktüten fertige Carrés im Wert von mehreren Tausend Euro ganz diskret und unauffällig nach getaner Arbeit zurück ins Stammhaus in der Pariser Faubourg St. Honoré tragen.