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Feature

Dreck, lass nach!

Unsere Meere versinken in Plastik. Einige Firmen verwerten den Ozeanmüll zu Fasern, aus denen Mode entsteht. Kann schicke Recycling eine Lösung sein?


In zarten hellrosa, leicht durchscheinenden Wellen ergießt sich eine zarte Rüsche über die Brust und führt entlang des feinen Plissees hinab bis zum bodenlangem Saum. Das ärmellose Prinzessinnenkleid, das H&M 2017 im Rahmen seiner ökologisch orientierten „Conscious“-Kollektion auf dem Markt brachte, ist ein textilgewordener Traum  – und besteht aus 88 PET-Flaschen, die vom Meer angespült, eingesammelt und zu einem neuen Polyestergarn verarbeitet wurden. Dass aus den steifen und resistenten Plastikflaschen ein seidig-weicher Stoff für eine Abendrobe werden kann, ist ebenso verblüffend wie zeitgemäß. Denn Recycling von Plastik gilt als eine der Lösungsansätze, um dem immer größer werdenden Müllproblem entgegen zu treten. Die Ursachen dafür sind schnell ausgemacht: Wir produzieren heute 20 mal mehr Plastik als in den Sechziger Jahren. Das meiste davon wird nur ein einziges Mal benutzt und dann weggeschmissen.

 

Vor allem die Weltmeere sind stark belastet, denn in ihnen schwimmt der Großteil der nicht korrekt entsorgten Plastikabfälle. Acht Millionen Tonnen Plastik landen jedes Jahr in den Ozeanen. Plastisch ausgedrückt fährt jede Minute ein vollbeladenes Müllfahrzeug an den Strand und kippt dort seinen Inhalt ins Wasser. Die UNEP, die Umweltabteilung der Vereinten Nationen, berichtet, dass an manchen Stellen im Meer sechsmal mehr Plastik als Plankton festzustellen ist. Manche Strände unbewohnter Inseln versinken laut WWF sprichwörtlich im Treibgut der leeren Flaschen, Plastikeimer, Zehensandalen, Umverpackungen und kaputten Fischernetzen. Im Nordpazifik treibt seit Jahrzehnten ein Müllstrudel, der mittlerweile so groß ist wie Zentraleuropa. Die Experten nennen ihn „Great Pacific Garbage Patch“ oder auch den „siebten Kontinent“.

 

Erik Solheim, amtierender Chef der UNEP, die 2017 unter dem Hastag #Cleanseas zur größten globalen Kampagne zur Reinigung der Meere aufgerufen hat, schildert die aktuelle Situation: „Die Plastik Verschmutzung lässt sich von den entferntesten indonesischen Stränden bis sogar zum Nordpol feststellen und kommt über die Nahrungskette bis zu uns auf den Esstisch. Wir haben zu lange tatenlos zugesehen und dabei ist es immer schlimmer geworden. Wir müssen das Plastikproblem der Weltmeere jetzt in Angriff nehmen!“ Dabei sind wir alle gefordert, denn ändern wir unsere Konsum-Gewohnheiten nicht, so werden 2050 laut Schätzungen mehr Plastikteile als Fische in den Ozeanen schwimmen und 99% aller Seevögel Kunststoff im Magen haben.

 

Neben der Vermeidung von neuem Abfall, muss vor allem auch das im Meer befindliche Plastik herausgefischt werden. Mehrere NGOs und private Initiativen sind bereits seit einigen Jahren dabei, den Müllinseln zu Leibe zu rücken, aber auf kaum einem anderen Projekt liegt mehr Hoffnung als dem von Boyan Slat. Der gerade mal 23 Jahre alte und mehrfach ausgezeichnete Holländer hatte noch während seines Luft- und Raumfahrstudium die Firma „The Ocean  Cleanup“ ins Leben gerufen. Die Idee zur Reinigung der Meere kam ihm bei einem Urlaub in Griechenland, als er beim Tauchen mehr Abfall als Fische entdeckte. Sein Ziel ist, die fünf großen Müllstrudel, allen voran The Great Pacific Garbage Patch, mittels einer schwimmenden Filters von großen Teilen des Abfalls zu befreien. Die halbrunde, am Boden fixierte Anlage soll mithilfe der natürlichen Meeresströmung in nur fünf Jahren die Hälfte des dort im Wasser treibenden Mülls (größer als 1 Zentimeter) abfangen. Nach ersten erfolgreichen Tests, z.B. an japanischen Insel Tsushima und der niederländischen Norseeküste, soll die „The Ocean Cleanup“ im Pazifik Ende 2018 in Betrieb gehen. Die aufgefangenen Flaschen, Geisternetze und Tüten können danach der Entsorgung oder dem Recycling zugeführt werden, also zum Beispiel auch zu neuen Chemiefasern versponnen werden.

 

Wie wird aus dem Plastiktreibgut Mode? Seit Anfang der Zehner Jahre haben sich bestimmte Firmen, wie Econyl aus Italien oder Bionic Yarn in den USA, auf Recycling-Garne spezialisiert und ein Verfahren entwickelt, das Müll in neue Kunststoffgarne transformiert. Und das geht so: Das gesammelte Plastik-Treibgut wird in einem chemischen Prozess gereinigt, zerkleinert, erhitzt und in Pellets umgewandelt, aus denen Fäden versponnen werden. Aus diesen Garnen könne Textilunternehmen neue Stoffe weben oder stricken. Der Prozess ist zwar vom Einsatz an Chemikalien nicht unumstritten, aber spart im Vergleich zur Neuproduktion von Polyamid- , Polyester oder Nylon-Textilien vor allem teure Rohstoffe ein, konkret Erdöl, Energie und Wasser.

 

Pioniere im Bereich „Mode aus Ozeanmüll“, wie die spanische Firma Ecoalf, die bereits seit 2012 Jacken und Taschen aus den wiedergewonnenen Garnen produziert, steht mit den Recycling-Spezialisten und Forschergruppen in ständigen Kontakt, um dieses Verfahren weiter zu perfektionieren und noch umweltgerechter zu machen. Ecoalf hat in den Jahren seine Kollektion auch immer weiter ausgebaut und bietet heute sogar Strickwaren, Schuhe und Schwimmanzüge an. Um das Projekt „Upcycling the Ocean“ besser verständlich zu machen, hatte der Gründer Javier Goyeneche anfangs bei jedem seiner Kleidungsstücke ihr Vorleben offengelegt: Im Rucksack stecken fünf PET-Flaschen, in der Regenjacke 30 Plastikflaschen und die Daunenjacke ist die hübsche Neugeburt alter Fischernetze.

 

So genial die Idee auch ist, aus Ozeanmüll neue Mode zu machen, so wenig wurde das Thema anfangs von den Konsumenten wahrgenommen. Einzig in den Surferkreisen, deren Leben sich am und im Meer abspielt, kamen eine Handvoll Recycling-Kollektionen auf den Markt, wie die des elffachen Weltmeisters Kelly Slater mit Namen „Outerknown“. Doch kaum eine dieser Brands schaffte es, sich ein größeres Publikum zu erschließen. Erst als ein paar Promis und ein paar internationale tätige Marken für das Plastik-Recycling die Werbetrommel rührten, wurde es plötzlich „trendy“, etwas gegen den Abfall in den Ozeanen zu tun. Als im Juni 2016 Adidas seinen ersten, aus Müll recycelten Schuh zusammen mit dem NGO Parley for the Ocean herausbrachte, reichte noch eine Auflage von 7000 Stück. Als der Sportartikler wenig später mit Fußballstars wie Xabi Alonso Trikots aus Müll für die Clubs FC Bayern München und Real Madrid auflegte, sprachen zum ersten Mal auch Fußballfans über die Verschmutzung der Meere. Für das aktuelle Schuhmodell, das komplett aus alten PET-Flaschen besteht, sind nun eine Million Exemplare geplant. Damit wird das Meer um 11 Millionen Plastikflaschen erleichtert.

 

Wichtig für das Bekanntmachen der Ozeanverschmutzung in der breiten Masse war auch der Hip-Hoper Pharrell Williams, der als Anteilseigner der Denim-Marke G-Star Raw eine Jeans herausbrachte, die zu rund einem Viertel aus recycelten Plastikmüll bestand. Inzwischen ist der Amerikaner auch bei der Firma Bionic Yarn finanziell eingestiegen und aktuell eifrig dabei, das noch größere Problem der Microfasern anzuprangern, die durch Waschen frei gesetzt und ins Meer geschwemmt werden. Der Vorstandsvorsitzende von G-Star, Shubhankar Ray, umschreibt das Engagement des Musikers sehr treffend: „Pharrell Williams schafft es, ein ernsthaftes Thema wie die Nachhaltigkeit sexy zu machen.“ Genau. Darum geht es.

 

Mode aus Plastikmüll der Meere steht seitdem bei vielen Modefirmen aus der Agenda. Der Öko-Schuhhersteller Véja hat zusammen mit der Surfrider Stiftung, die sich seit Jahren für die Reinigung der Ozeane einsetzt, aktuell den Sneaker WATA herausgebracht, der komplett aus wiederverwerteter Plastik und Baumwolle besteht. Der italienische Outdoorhersteller Save the Duck, der schon lange Plumtech, ein Material aus recycelten PET-Flaschen für die Füllung seiner Daunenjacken nutzt, legt für den Sommer 2018 eine sehr attraktive Jacken-Kollektion auf, bei der wirklich jedes einzelne Teil ein Vorleben hatte. Hinter dem Label Timberland x Tread steht ein gelungenes Projekt in Haiti. Der amerikanische Schuhhersteller beschäftigt in dem von Armut gezeichneten Land rund 1300 Menschen damit, Müll in den Straßen, den Kanälen und am Strand aufzulesen, um es zu Schuhen, Taschen und T-Shirts umzuarbeiten. Und selbst im Designersegment gibt es erste Engagements: Ökofashion-Aktivistin Stella McCartney legte im Winter 2017 ihre Kulttasche Falabella in einer Ozeanmüll-Recycling-Version auf.

 

Auch wenn diese Recycling-Mode nur einen winzigen Teil dazu beiträgt, die Meere vom Abfall zu befreien, und damit weitere, umweltschädliche Kunststoff-Kleidung in den Markt kommt, so ist der PR-Effekt dieser Aktionen nicht zu unterschätzen. Ozeanforscher Paul Rose, einer der wichtigsten Polar-Experten unserer Zeit, schaut trotz der kritischen Lage deshalb hoffnungsfroh in die Zukunft: „Noch nie in meinem Berufsleben habe ich mehr positiven Aktionismus erlebt wie jetzt. Wir wissen jetzt, dass wir nicht weiter unsere Meere so verschmutzen dürfen wie früher. Wir können nur gewinnen, wenn wir jetzt etwas tun.“