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Nanopartikel in Kosmetik

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BioHandel 07/14 - Nanopartikel in Kosmetik:

Für einige sind Nanopartikel die Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts. Andere halten die Risiken für noch nicht überschaubar. Wegen des stark zunehmenden Einsatzes von Nanomaterialien in allen Bereichen des Lebens, nimmt die EU die Hersteller in die Pflicht. Kosmetikproduzenten müssen seit Mitte 2013 Nano-Zutaten in der Internationalen Nomenklatur für kosmetische Inhaltsstoffe (INCI) deklarieren, für Lebensmittel soll das im Laufe dieses Jahres ebenfalls gelten.


Grundsätzlich sind Nanopartikel in der Naturkosmetik erlaubt Auch in zertifizierter Naturkosmetik sind Nanomaterialien nicht per se verboten. Der BDIH-Standard beschreibt beispielsweise Kriterien für die Zulassung von Bestandteilen bezüglich Herkunft und Verarbeitung, jedoch nicht, was die Partikelgröße betrifft. Nanomaterialien, die nach den gesetzlichen Vorgaben der EU Kosmetikverordnung zulässig sind und den Regeln des BDIH entsprechen, können also durchaus in Naturkosmetik mit BDIH Standard-Zeichen enthalten sein. Sie unterliegen dann der Kennzeichnungspflicht mit dem Zusatz „nano“ in der Liste der Bestandteile.


Das Wort Nanopartikel leitet sich aus dem Griechischen „nanos“ für „Zwerg“ ab.


Lässt der Hersteller sein Produkt zusätzlich nach internationalem COSMOS-Standard zertifizieren, darf allerdings kein Nanomaterial enthalten sein. Das steht in den Richtlinien, die die Gründer dieses Siegels – BDIH, Cosmebio (Frankreich), Ecocert Greenlife (Frankreich), ICEA (Italien) und Soil Association (England) – beschlossen haben. Dennoch ist die Kennzeichnung „Nano“ auf den Produkten von deutschen Naturkosmetikherstellern nicht zu finden, denn sie setzen keine Nanotechnologie (mehr) ein.


Sonnenschutz und angenehmes Auftragen ohne unerwünschte Zutaten

Auch in naturkosmetischen UV-Schutzprodukten werden keine Nanopartikel eingesetzt. Zertifizierter Sonnenschutz enthält meist Titandioxid, das mit seiner Größe von 400 bis 600 Nanometern nicht unter die Nano-Verordnung fällt. Diese gilt nur für Partikel von 1 bis 100 Nanometern.

Das schmälert keineswegs den Anwendungskomfort. Die weißen Schlieren beim Auftragen – früher ein verbreitetes Problem naturkosmetischer Sonnenschutz-Produkte – haben die Firmen durch neue Rezepturen ebenfalls in den Griff bekommen. Eco-Cosmetics hat beispielsweise transparentes Sonnenöl und -gel entwickelt. Das darin enthaltene orangene Sanddornöl legt sich um die Pigmente, was für eine leichte Tönung sorgt. Eingebunden in das Öl verändert sich auch die Lichtbrechung auf der Haut, was das Weißeln ebenfalls reduziert. Auch Lavera kaschiert den unerwünschten Weißeffekt mit öligem Karotten- und Paprikaextrakt. In Sonnencremes und -lotionen setzt Eco Cosmetics auf ein weiter entwickeltes Titandioxid mit einer Korund-Ummantelung. Korund ist eines der härtesten Mineralien. Die damit ummantelten Partikel sind vier- bis sechsmal so groß wie kosmetisches Titandioxid mit seinem Silicium-Mantel. Das Korund-Titandioxid reflektiert das UV-Licht nach Aussage von Rhea Sorge von Eco Cosmetics deutlich besser. Die Rezeptur kommt aufgrund der Partikelgröße und der Wirksamkeit mit einer geringeren Menge aus. Und es gibt noch einen Vorteil: Der Korundmantel ist nicht weiß, wie das Titandioxid, sondern durchsichtig, „ähnlich wie ein Bergkristall“, sagt Rhea Sorge. Damit bekommt das Unternehmen das Weißeln auch bei hohem UV-Schutzfaktor in den Griff.


Wo werden die kleinen Teilchen eingesetzt? Ein Überblick:

Mit Hilfe von Nanopartikeln erschaffen konventionelle Hersteller neuartige Materialeigenschaften, Funktionen sowie neue Verbund-Werkstoffe.

Die kleinen Teilchen finden sich in vielen Zahnpasten, die Risse und poröse Stellen in den Zähnen reparieren sollen. Es handelt sich um Hydroxylapatit-Nanopartikel. Hydroxylapatit ähnelt natürlichem Zahnschmelz.

Nano-Silberpartikel, die eine keimtötende Wirkung haben, können in Seifen und Deos stecken.

Eine weitere Nano-Quelle in Kosmetik ist etwa Carbon Black, ein industriell hergestellter Ruß, der in Mascara als Farbstoff eingesetzt wird, außerdem sogenannte Fullerene. Das sind kugelförmige Moleküle aus Kohlenstoffatomen. Sie können freie Radikale binden und sind daher in der Anti-Aging-Kosmetik gefragt.

Am bekanntesten und häufigsten in Kosmetik anzutreffen sind nanokleine Titandioxid- und Zinkoxid-Partikel in Sonnschutzprodukten. Die winzigen mineralischen Partikel sind mit Silizium- oder Aluminiumoxid beschichtet. Sie reflektieren das UV-Licht wie kleine Spiegel. Diese Verwendung gilt nach heutigem Wissensstand als sicher. Studien haben gezeigt, dass gesunde Haut die kleinen Partikel nicht passieren lässt. Bei verletzter, entzündeter oder besonders empfindlicher Haut steht eine abschließende Beurteilung noch aus. Denn man weiß noch viel zu wenig darüber, was passiert, wenn Nano-Partikel in den Organismus gelangen.


Folgen für Menschen, Tiere und die Umwelt noch unklar

Tierversuche haben gezeigt, dass sich die Winzlinge eingeatmet in der Lunge ablagern und dort Entzündungen auslösen können. Problematisch sind sie auch für die Umwelt. Nano-Titandioxid gehört zu den am umfangreichsten untersuchten Substanzen. Mit der Sonnenlotion abgewaschene Partikel gelangen in Badegewässer, auch die Kläranlage filtert sie nicht restlos heraus. Fische nehmen die Partikel über die Nahrung auf, Versuche haben sie in Kiemen, Darm, Leber, Gehirn und Milz nachgewiesen.

Was das langfristig für Umwelt, Mensch und Tier bedeutet, lässt sich noch nicht sagen. Das gilt auch für andere Nano-Materialien, die über Luft, Wasser und Boden in unser Ökosystem und über Atmung, Verdauung und Haut in unseren Organismus gelangen. 


Am Anfang war der Lotuseffekt

Ins Bewusstsein vieler rückte die Nanotechnologie durch den Lotuseffekt. Er beschreibt den besonderen Blattaufbau des Lotusblattes. Es ist mit Wachskristallen in nanokleiner Struktur überzogen. Dadurch perlt Schmutz ab, so dass das Blatt quasi selbstreinigend ist.

Inzwischen beeinflusst die Nanotechologie alle Bereiche unseres Lebens, von der Lebensmittelindustrie über die Landwirtschaft, Medizin und Dinge des täglichen Lebens bis zur Anti-Faltencreme. Die Nano-Datenbank des Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND) umfasst derzeit allein für Deutschland mehr als 1.000 Produkte.


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