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Wahlerfolg der FDP: Christian Lindner, gib endlich zu, dass du ein Gangsta bist!

Beweg dein Arsch! Bruder, reiß dich zusammen, heute wird dein Tag. Steh auf. Geh raus und mach's einfach. Beweg dein Arsch!

Warum gleich haben junge Menschen so häufig die gewählt?

Seit den Bundestagswahlen zermartern sich jüngere, aber noch mehr ältere Menschen das Hirn über diese Frage. Unter Erstwählern ist die FDP mit 23 Prozent stärkste Partei geworden. Die 28-jährige Grüne Cansin Köktürk, Sozialarbeiterin aus Bochum, ärgert das so sehr, dass sie in der Talkshow Markus Lanz sagte, es sei "ein Skandal", dass so viele Jungwähler für die FDP gestimmt hätten. Dabei war es weder ein Skandal noch Zufall. Sondern folgerichtig.

Manche behaupten, die FDP verdanke ihren Erfolg einer smarten Kampagne im sozialen Netzwerk . Andere meinen, den Jungwählern sei eben die Digitalisierung wichtig. Aber das ist alles nur die halbe Wahrheit. Die FDP nämlich hatte ganz andere Wahlhelfer: Hip-Hop und Rap. Jene Musiker, die sich für Gangster halten, sind die heimlichen intellektuellen Wegbereiter der Liberalen. Denn deren Texte, wie der von Tony D ganz am Anfang dieses Artikels, erzählen nicht von Hartz IV, sie erzählen nicht von Ökologie. Sie erzählen von Aufstieg und Reichtum, von Erfolg aus eigener Leistung. Sie erzählen von Verschwendungssucht und von Besitz - weil man hat und weil man kann. Sie erzählen von großen Autos, vom Schlag bei Frauen (oder Männern), von knallharter Leistungsgesellschaft. Jene, die heute unter 30 sind, sind mit Hip-Hop aufgewachsen: die Generation Rap-Kultur.

Der deutsche Gangsta-Rap hat mit seiner Weltsicht nicht Millionen Drogendealer hervorgebracht, sondern Millionen FDP-Wähler. Man könnte auch sagen: Rapper wie Kitty Kat, Sido und Tony D sind die Helden in der Comeback-Geschichte der FDP.

Man nehme beispielsweise Olexesh, einen deutschen Rapper ukrainischer Herkunft: "Ich hab gestern nur von Uhren geträumt, jetzt ist die Rolex echt. ... Kein Geld für Burger King, jetzt ist die Rolex echt!"

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Olexesh, möchte man ihm zurufen, steh halt dazu, dass du neoliberal bist! Überhaupt, ihr Gangsta-Rapper: Hört auf, so zu tun, als wärt ihr das Gegenteil von BWL-Studenten, von Bankern, von Christian Lindner! Der Weg, den ihr geht, das Leben, das ihr propagiert, führt wohl kaum in die Sozialdemokratie. Ihr erzählt keine Geschichte von möglichst viel Gleichheit im Kollektiv. Nein, ihr macht Werbung fürs Individuelle, fürs Einzelerkämpfen. Du kannst alles schaffen, wenn du dich anstrengst!

Und Christian Lindner sollte endlich zugeben, dass er ein Gangsta ist.

"Durch die Mitte nach vorne heißt für uns / Werden wir fit für die Zukunft! / Entfesseln wir die Kräfte der Sozialen Marktwirtschaft." So steht es im Wahlprogramm der FDP. Eine Strophe wie aus einem Rap-Song.

Wir müssen zurück in die Jugend der Jungwähler, um zu verstehen, was da passiert ist; wann alles angefangen hat. Zurück ins Jahr 2008: Greta Thunberg ist noch nicht eingeschult. Die Mittzwanziger von heute sitzen in einem Schulbus auf dem Weg vom Sportunterricht nach Hause. Das erste iPhone, gebrannte CDs, Playstation. Sie hören Beweg dein Arsch! Zehn Wochen hält sich der Titel in den Charts. Gangsta-Rap ist so populär wie es die Rolling Stones oder die Neue Deutsche Welle einmal waren. Er verkörpert den Traum von gefahrloser Rebellion in den Kinderzimmern der Millennials. Die Kultur des Hip-Hops, also auch der Rapmusik, sie ist da. Vielen Erwachsenen macht Rap Angst, auch damals schon. Sie hören die Reime und denken an Gewalt, Exzess, Drogen. Der Abstieg ihrer Kinder? Schon vorherbestimmt, wenn sie so weitermachen!

Die Kinder dagegen denken an Freiheit, an die selbst erarbeitete Erfüllung von Lebensträumen. An Christian Lindner denken sie noch nicht.

"Ich zeig dir, dass man Träume und Geld vereinen kann. Reiß dich zusammen und pack es an, Schwester. Du weißt, dass du es kannst!" So geht es weiter im Song Beweg dein Arsch. "Du weißt, dass du es kannst." Ist dies das wahre Narrativ dieser Generation?

Die Aufstiegsgeschichte, die Rap und Hip-Hop erzählen, bringt alle zusammen: Jugendliche, die ohne aufwachsen, hören Gangsta-Rap, weil sie nach Reichtum und Anerkennung streben. Jugendliche, die aus gutem Hause kommen, die schon alles haben, hören Gangsta-Rap, weil sie sich danach sehnen, so cool zu sein wie Jugendliche ohne Geld. Sogar die, die später zu Fridays-for-Future-Demos gehen werden, hören Rap. Für sie, oft Kinder der oberen Mittelschicht, ist es der Blick in ein Leben, das ihnen vermutlich niemals droht. Aber man kann ja nie wissen.

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