Annette Bulut

Dipl.-Journ. / freie Journalistin (Medizin, Immobilien, Energie), Dortmund

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Gesundheit: Risiken vermeiden

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Größtmögliche Sicherheit im Gesundheitswesen bedeutet mehr als ein geschütztes IT-Netzwerk, eine funktionierende Infrastruktur, bestmögliche Hygiene und Medizintechnik auf höchstem Niveau. Für die Sicherheit im Krankenhaus spielen viele Details eine Rolle. Viele Krisen lassen sich durch Frühwarnsysteme und vorsorgliche Risikobewertungen voraussagen. Die meisten kommen nicht überraschend, viele sind sogar vermeidbar. Die wirkliche Gefahr einer Krise - nicht nur die einer IT-Sicherheitskrise - ist, dass sie außer Kontrolle gerät.

In modernen Krankenhäusern sind Prozesse und Strukturen auf vielfältige Weise durch Informationstechnik geprägt. Krankenhausinformationssysteme für administrative Daten und Patientendaten, Spezialanwendungen für Funktionsbereiche wie Labor, Radiologie oder Intensivstation, elektronische Patientenakten und eine umfassende Vernetzung der Anwendungssysteme sind aus modernen Krankenhäusern nicht mehr wegzudenken.

Alle Sicherheitsrisiken eines Krankenhauses haben eins gemeinsam: Kommt es durch sie zu einer Krise, wird der vitale Nerv der Organisation getroffen. Eine mögliche dramatische Folge ist, dass der Krankenhausbetrieb ganz oder in Teilen nicht mehr aufrecht zu halten ist. So passiert im Februar diesen Jahres im Krankenhaus des nordrhein-westfälischen Arnsberg. Ein Computervirus legte die komplette digitale Kommunikation lahm. Der Virus war auf allen der über 200 Klinikserver entdeckt worden. Außer Notfällen konnte die Klinik für mehr als einen Tag keine Patienten aufnehmen. Aber nicht nur das. Weil das gesamte Computersystem heruntergefahren werden musste, wurde die digitale Kommunikation zwischen den Abteilungen unmöglich. Immerhin funktionierten medizinische Geräte und Systeme weiterhin.

Bei einer Krise im medizinischen Bereich ist die Gesundheit oder das Leben von Menschen akut bedroht. Nichtsdestotrotz interessiert den Patienten in erster Linie seine ganz persönliche Sicherheit bei Therapien oder Diagnosen. Patientensicherheit heißt beispielsweise das Vermeiden eines plötzlichen Herztods, die unkomplizierte Einholung einer ärztlichen Zweitmeinung oder die sichere Möglichkeit des Gesprächs mit dem Arzt des Vertrauens mittels Telemedizin, wenn es sein muss, auch über tausende Kilometer. Dies ist ohne moderne Technologie nicht möglich. Die zunehmende Technisierung der medizinischen Versorgung braucht individuelles Risikomanagement, das vor allem den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Wie so etwas funktionieren kann, dafür gibt es drei gute Beispiele.

Die "LifeVest"

Persönliche Sicherheit entscheidet sich manchmal in Sekunden oder Minuten. So verringert sich die Überlebenschance eines Patienten um zehn Prozent pro Minute, die zwischen dem Auftreten eines Herzstillstandes und dem Einsatz eines Defibrillators liegt. Hier setzt die "LifeVest" an: Der Risiko-Patient trägt den Lebensretter ständig mit sich. Die LifeVest ist der erste Defibrillator, den ein Patient wie eine schützende Weste am Körper trägt. Da sie auf die Körpersignale des Trägers reagiert und daher vollautomatisch funktioniert, schützt sie den Betroffenen, ohne dass eine andere Person Zeuge des Kollapses sein muss - und gibt ihm damit zu jeder Zeit optimale persönliche Sicherheit.

Der Patient trägt die Weste rund um die Uhr und legt sie nur beim Duschen ab. Sie ist leicht und schränkt die Lebensqualität und Bewegungsfreiheit des Betroffenen nicht ein. Voraussetzung ist immer, dass der behandelnde Arzt den tragbaren Defibrillator für medizinisch notwendig eingeschätzt und das Medizinprodukt für die Dauer der Hochrisikophase verschrieben hat. "Sie rettet das Leben von Patienten, die aufgrund von Herzrhythmusstörungen ständig gefährdet sind, einen plötzlichen Herztod zu erleiden", erklärt Horst Esser, Unternehmenssprecher der Herstellerfirma Zoll CMS. Durch die LifeVest werden laut Herstellerangaben jeden Tag zwei Menschen vor dem plötzlichen Herztod bewahrt. Trotzdem übernehmen einige Krankenkassen die Kosten für diese Therapie noch nicht.

Die Funktionsweise ist denkbar einfach: Die LifeVest überwacht das Herz des Patienten kontinuierlich. Wenn sie einen lebensbedrohlichen Herzrhythmus erkennt, wird ein Warnton ausgelöst. Ist der Patient bereits bewusstlos und nicht mehr in der Lage zu reagieren, gibt das Gerät einen Behandlungsimpuls ab, um den normalen Herzrhythmus wiederherzustellen. "Die LifeVest kann in allen Fällen eingesetzt werden, in denen der behandelnde Arzt bei seinem Patienten ein hohes, möglicherweise vorübergehendes Risiko für einen plötzlichen Herztod feststellt. Dies kann nach einem Herzinfarkt oder einer Herzmuskelentzündung der Fall sein", erläutert Esser.

Die High-Tech-Weste bietet ihren Trägern Schutz für einen Zeitraum von in der Regel bis zu drei Monaten. Gleichzeitig gibt sie dem Arzt wertvolle Zeit, das langfristige Arrhythmie-Risiko des Betroffenen zu ermitteln und über die weitere Behandlung zu entscheiden. Bei einigen Patienten stabilisiert sich in diesem Zeitraum der Gesundheitszustand wieder so weit, dass gar kein Defibrillator mehr implantiert werden muss. Deshalb hat jetzt auch die europäische Fachgesellschaft für Kardiologie die LifeVest in ihre Leitlinien aufgenommen.

Telemedizinische Plattform cyomed.com

Warum gibt es das nicht schon längst? Diese Frage stellt sich unweigerlich, wenn der praktizierende Arzt Michael Kaldasch, einer der Gründerväter von "cyomed", über sein telemedizinisches Startup, erzählt. Zusammen mit seinem Kollegen Ben El Idrissi gründete er eine Internetplattform, die ein perfektes Bindeglied zwischen Patient, Klinik und den niedergelassenen Ärzten und Therapeuten darstellen soll.

Ben El Idrissi und Michael Kaldasch arbeiteten zusammen in einer Notaufnahme und stellten immer wieder fest, dass ihnen insbesondere nachts wichtige Patienteninformationen von den eingelieferten Notfall-Patienten fehlten. "Tagsüber kann man noch den Hausarzt anrufen und nach den Vorerkrankungen oder verschriebenen Medikamenten fragen. Nachts konnten wir uns dann nur auf die oft ungenauen Angaben der Patienten verlassen", beschreibt Kaldasch die wenig zufriedenstellende Situation.

Aus dieser tagtäglichen Erfahrung des Mangels an wichtigen Patienteninformationen, kam den beiden Medizinern eine Idee: Es müsste eine digitale, weltweit nutzbare elektronische Gesundheitskarte geben mit aufbereiteten Daten wie etwa Arztbriefen, Laborwerten oder Röntgenbildern auf einer sicheren Plattform, auf die der Arzt wie auch der Patient Zugriff haben. Zudem müsste es ein System sein, dass die Daten sprachunabhängig und weltweit zur Verfügung stellt.

Die Idee ist inzwischen Realität. Erfahrungen sammelten die beiden Ärzte zunächst mit der aus eigenen Mitteln finanzierten Plattform "IhrArzt24", welche die Umsetzbarkeit eines solchen Systems testen sollte. Jetzt steht ihre neue Plattform Cyomed kurz vor der Veröffentlichung, nachdem die Gründer Investoren für das Projekt begeistern konnten.

"Für Ärzte bietet Cyomed einen übersichtlichen Zugriff auf die Patientenhistorie, relevante Daten und einen sicheren Weg mit anderen Ärzten zu kommunizieren", erklärt Kaldasch und weiter: "Für Patienten gibt es die Möglichkeit rund um die Uhr einen Arzt oder Psychotherapeuten via Videochat oder E-Mail zu erreichen, egal ob der Patient gerade in Kapstadt oder in München ist." Andere Module unterstützen dabei die Terminsuche für einen Facharzttermin in der Nähe. Wartezeiten, um ein Rezept zu erhalten, gibt es auch keine mehr. Sie können online angefordert werden. Das geht natürlich nicht bei jedem Medikament und jeder Krankheit.

Auch Krankschreibungen in einfachen Fällen könnten in Zukunft so online möglich sein. Nicht nur der Mediziner, auch der Patient kann Daten hinterlegen oder ein Tagebuch über sein Befinden führen. Die Darstellung des Patientenprofils in anderen Sprachen ist auch kein Problem. Mit dieser telemedizinischen Innovation können Diagnose und Therapie des Einzelnen nicht nur sicherer, sondern auch einfacher, kostengünstiger und zeitsparender werden.

"Netzwerk Zweitmeinung"

Um das Arzt-Patienten-Verhältnis geht es auch beim dritten Beispiel für individuelles Risikomanagement in der Medizin. Sicherheit ist im Gesundheitswesen naturgemäß ein Thema. Schließlich vertraut sich der Patient dem Arzt an und geht davon aus, dass er in sicheren Händen ist, die medizinische Technik sicher funktioniert und die Hygieneregeln eingehalten werden. "In der medizinischen Versorgung war der Sicherheitsaspekt schon immer wichtig, aber durch die technischen Innovationen in unserer Branche stellt er eine fortwährend neue Herausforderung dar", erklärt Dr. Dirk Albrecht, Sprecher der Geschäftsführung der Contilia in Essen.

Die Contilia Gruppe ist ein Verbund von Gesundheitsunternehmen im Ruhrgebiet. Sie beschäftigt etwa 4500 Mitarbeiter in verschiedenen medizinischen und sozialen Einrichtungen. "Das Sicherheitsempfinden verändert sich in Bezug auf Medizin. Seit einiger Zeit ist ein Trend festzustellen. Das mittlerweile auch gesetzlich verankerte Recht auf eine ärztliche Zweitmeinung wird vermehrt genutzt", so Albrechts Erfahrung. Aus diesem Grund unterstützt die Contilia "netzwerk-zweitmeinung.de", ein unternehmensübergreifender Zusammenschluss von Experten und Spezialisten. "In dem Netzwerk kooperieren sechs Krankenhäuser aus Essen, Mülheim und Oberhausen. Die teilnehmenden Ärzte weisen sich durch ihre hohe medizinische Expertise aus und haben langjährige Erfahrungen bei der Erstellung von Zweitmeinungen", sagt Albrecht.

Der Patient hat die Möglichkeit telefonisch oder per E-Mail Kontakt aufzunehmen. Das Netzwerk versteht sich als Koordinationsstelle und hilft beispielsweise dabei, alle organisatorischen Fragen vor Einholung einer Zweitmeinung zu klären. Leitender Koordinator ist Professor Dr. Georg V. Sabin. Der Kardiologe gründete vor mehr als 30 Jahren die Abteilung für Kardiologie und Angiologie am Elisabeth-Krankenhaus in Essen. Parallel dazu engagierte er sich für die Erforschung und Umsetzung neuer Versorgungsformen, beispielsweise der Telemedizin. In der Ärzteliste des Nachrichtenmagazins "Focus" wird der Kardiologe von Beginn an zu den Top-Medizinern seines Faches gewählt. Anfang 2015 übernahm Sabin die Position des Ärztlichen Direktors der kardiologischen Rehabilitationseinrichtung im Herzpark Hardterwald Mönchengladbach.

"Eine zweite Meinung kann helfen, das Wichtigste in der Beziehung zwischen Arzt und Patient zu stützen: Vertrauen. Deshalb engagiere ich mich im Netzwerk Zweitmeinung. Mit dem uns allen gemeinsamen Ziel, die individuell bestmögliche Methode für den Patienten zu finden und dabei den Blick aller behandelnden Ärzte für alle grundsätzlich zur Verfügung stehenden Behandlungswege zu öffnen", erklärt Sabin.

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