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Mit Wagner fing es an

Unsere Autorin Anne Klesse im Gespräch mit Donald Runnicles Von Anne Klesse

Er hat diese Präsenz, die wenige Menschen haben. Betritt einen Raum und füllt diesen irgendwie aus mit bloßer Anwesenheit (nicht körperlich, natürlich nicht). Der Fotograf Martin Lengemann und ich holen Donald Runnicles im Hotel ab. Wir sind zum Mittagessen verabredet, danach wollen wir eine kleine Runde im Tiergarten drehen. Normalerweise geht es ja gerade um den Spaziergang, der aber ist diesmal eher Nebensache. Es ist ohnehin ein kleines Wunder, dass dieses Treffen überhaupt stattfindet. Zu diesem Zeitpunkt.

Donald Runnicles, der von der kommenden Spielzeit an Generalmusikdirektor der Deutschen Oper Berlin sein wird, pendelt zwischen den Kontinenten. Europa, Amerika. Heute Berlin, morgen Philadelphia, dann wieder London, Atlanta. Er hat wenig Zeit und verbindet deshalb die zweite Mahlzeit des Tages mit unserem Gespräch.

Seine Hände sind das Erste, was mir an ihm auffällt. Groß und kräftig und immerfort in Bewegung. Während er redet, gestikuliert er, mal zackig und schnell, dann wieder bedacht. Diese Hände unterstreichen Worte, Gesten formen die Aussagen. Das verwundert nicht - Donald Runnicles ist schließlich Musiker, Dirigent. Man merkt: Diese Hände sind sein wichtigstes, sein kostbarstes Instrument.

"Ich hatte immer starke Intendanten"

Auf dem Weg zum Restaurant räumt er gleich ein Gerücht aus der Welt. Es hieß, Donald Runnicles wolle spätestens ab dem Jahr 2011, wenn der Vertrag von Deutsche-Oper-Intendantin Kirsten Harms endet, sein eigener Intendant werden. "Da ist ü-ber-haupt nichts Wahres dran, ich weiß nicht, wie jemand auf so etwas kommen kann", sagt er. Mit rollendem "r" und lang gezogenen Vokalen. "Ich habe immer starke Intendanten gehabt, warum sollte das ausgerechnet jetzt anders sein?" Der gebürtige Schotte spricht fließend Deutsch. Seine grauen Locken wehen im kalten Januarwind. Entschlossen sieht er jetzt aus. Den Blick streng nach vorn gerichtet. Vielleicht verstärkt die schwarze Metallbrille des 54-Jährigen diesen Eindruck.

Zur dunkelblauen Jeans trägt der Maestro sportliche Wildlederschuhe, Hemd, rote Krawatte, Sakko, einen königsblauen Schal, Mantel. Man kennt ihn sonst oft in knallbunten Westen. Im Gegensatz zu anderen Dirigenten, die meist im schwarzen Frack auftreten, trägt Donald Runnicles zu Anzughose und Oberhemd gern Weste - mal in Knallrot, mal in Königsblau oder Violett. Im Konzert dann wirkt er stets hoch konzentriert. Ausdrucksstark und kraftvoll.

Wir setzen uns an einen Tisch und bestellen. Donald Runnicles trinkt naturtrübe Apfelschorle und schlendert zum Büffet. Der neue Berliner Generalmusikdirektor studierte Musikwissenschaften in Edinburgh und Cambridge, er gilt als einer der besten Richard-Wagner-Interpreten weltweit, dirigierte an großen Opernhäusern wie der Metropolitan Opera in New York, der Wiener Staatsoper sowie bei den Bayreuther und den Salzburger Festspielen. Man könnte ihn als eine Art internationales Schwergewicht der Opernszene bezeichnen. Wenn man Runnicles jedoch trifft, ist da trotz der großen Bekanntheit und des Erfolges nichts Abgehobenes, nichts Blasiertes.

Als Sohn eines Kantors und einer Amateur-Pianistin wuchs er mit zwei älteren und einer jüngeren Schwester in Edinburgh auf. "Wir waren eine ganz normale Familie", sagt er. "Musik hat unser Haus geprägt." Die Welt des Vaters drehte sich vor allem um Kirchenmusik, manchmal dirigierte er auch. Als Fünfjähriger wurde der Sohn Sängerknabe im Chor der anglikanischen Kirche, lernte ab dem siebten Lebensjahr Klavier und Orgel. "Als meine Beine irgendwann lang genug waren, habe ich meinen Vater manchmal bei Gottesdiensten vertreten", erzählt er und streckt dabei seine Beine neben dem Tisch aus. Er tut so, als würde er versuchen, mit den Füßen das Pedal einer Orgel zu treten. Er macht ein komisches Gesicht dabei und lacht.

Mit der Oper war es bei ihm Liebe auf den zweiten Blick. Das erste Mal, mit 15 Jahren, gefiel ihm nicht so, das war "La Traviata" von Giuseppe Verdi. Ein Jahr später nahm der Musiklehrer der Schule ihn und die Klassenkameraden mit in "Das Rheingold" von Richard Wagner. Und da passierte es.

Geisterhand aus dem Orchestergraben

Donald Runnicles holt jetzt ein bisschen aus. Er erzählt von einer Szene aus dem Film "Poltergeist" (er ist Kinofan): ein Mädchen vor dem Fernseher, statt des Programms ist nur ein Schwarz-Weiß-Flimmern zu sehen, das Kind sitzt fasziniert davor, ganz dicht am Bildschirm. Donald Runnicles spricht jetzt immer schneller: Auf einmal greift eine Hand aus dem Bildschirm, packt das Mädchen und zieht es hinein in das Gerät. Als würde er ihn würgen, langt Donald Runnicles quer über den Tisch an den Hals von Martin Lengemann und macht seltsam erstickte Geräusche. Dann lässt er von ihm ab, lächelt und nickt uns mit großen Augen gespannt zu. "So war's für mich. Ich hatte das Gefühl, aus dem Orchestergraben kommt eine Hand und zieht mich hinein." Das war der Augenblick, in dem es plötzlich ganz klar war: "In dieser Klangwelt will ich leben." Mit 16 Jahren hatte er, was viele selbst mit 26 noch nicht haben - ein Ziel. "Mit der Musik will ich arbeiten. Egal wie, egal wo."

Sein erstes Engagement zog ihn 1978 nach Deutschland, in Mannheim arbeitete er als Korrepetitor. Nachdem er bei den Bayreuther Festspielen assistiert und als Gastdirigent bei verschiedenen europäischen Orchestern gewirkt hatte, wurde er 1989, nur elf Jahre nach seiner ersten Anstellung, Generalmusikdirektor in Freiburg.

Die Musik und das Werk Richard Wagners begleiten ihn bis heute. "Mit Wagner fing meine Liebesaffäre mit Deutschland an", sagt Donald Runnicles. "Und sie hält bis heute." Die zweite große Liebe in seinem Leben (abgesehen von seinen Töchtern) ist nun Lebensgefährtin Adelle. Seit 1994 ist sie Pianistin an der San Francisco Opera, wird aber mit ihm nach Berlin ziehen. Die beiden lernten sich in San Francisco kennen, arbeiteten dann vor allem in Salzburg eng zusammen. Die gebürtige Kanadierin assistierte ihm 2004 bei "Die tote Stadt" von Erich Wolfgang Korngold.

Vogelstimmen und Kuhglocken

Das Essen wird gebracht, und Donald Runnicles spricht über Musik und Bilder: "Ich suche immer die Geschichte, den Gesang in einer Melodie, in einem Musikstück", sagt er. "Wie in einem Lied ohne Worte, das Kindliche." Manchmal hat Musik etwas Wehmütiges.

"Dann wieder Augenblicke, in denen ein Fenster aufgeht und sich zeigt: Eigentlich ist die Welt doch in Ordnung, eigentlich scheint doch die Sonne." Bei Gustav Mahler etwa, Vogelstimmen in der 1. Sinfonie, Kuhglocken in der 7. Jetzt ist er in seinem Element. Er macht die Vögel nach, die Glocken. Formt sie mit seinen Händen. "In seiner 7. Sinfonie dann sieht Mahler einerseits den Schrecken, dann wieder schaut er zurück, so liebevoll, so kindlich zurück, nutzt Volkslieder, solche, wo die Welt ursprünglich gut ist." Ja, das seien doch eindeutig Bilder. Ganze Geschichten in einer schönen langen Melodie.

Im Oktober 2007 wurde Donald Runnicles an die Deutsche Oper berufen, am 1. August dieses Jahres tritt er - für zunächst fünf Jahre - die Nachfolge des glücklosen Renato Palumbo an, der sein Amt niederlegte. Der Italiener hatte öffentlich in der Kritik gestanden, war bei einer Premiere im Frühjahr 2007 gar ausgebuht worden. Das zweitgrößte Opernhaus des Landes machte Negativschlagzeilen - mit finanziellen Problemen, Fusionsüberlegungen, Publikumsschwund und der "Idomeneo"-Sache: Die Deutsche Oper hatte die Hans-Neuenfels-Inszenierung im November 2006 nicht wieder aufgenommen, weil Gewalt von Islamisten befürchtet wurde. In dem Stück sollte am Ende der abgeschlagene Kopf des islamischen Propheten Mohammed gezeigt werden. Nach Kritik an der Absetzung wurde die Oper einen Monat später unter Polizeischutz dann doch aufgeführt. Über die Verpflichtung von Runnicles aber jubelten die Feuilletons dann: "Runnicles als Retter", "Die neue Hoffnung der Deutschen Oper" und "Endlich, ein Profi".

Die Erwartungen an den designierten Generalmusikdirektor, der in San Francisco nur liebevoll "Mo" gerufen wird und dazu passend ein Auto mit den Buchstaben M und O, "also Mo wie Maestro", fährt, sind groß. Donald Runnicles aber bleibt gelassen. "Ich freue mich auf die kommenden Monate", sagt er, als wir das Restaurant für unseren kleinen Spaziergang verlassen. "We're just at the beginning." Berlin - "eine irrsinnig aufregende Stadt." Mit dem für Kultur zuständigen Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit führe er sehr offene Gespräche. Mit Daniel Barenboim, dem künstlerischen Leiter und Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden, verbindet ihn ein freundschaftliches Verhältnis: Bei der Berliner Operngala zugunsten der Deutschen Aids-Stiftung im vergangenen November spielten die beiden gemeinsam am Konzertflügel Franz Schubert.

Die besten Leute möchte er holen

Donald Runnicles möchte den regelmäßigen Austausch zwischen den Berliner Opernhäusern und Sinfonieorchestern wieder kultivieren und deren musikalische Leiter gelegentlich als Gäste an die Deutsche Oper holen. "Ich wünsche mir das Beste für das Haus und werde dafür alles tun, was ich kann." Gewisse Künstler gehören einfach nach Berlin, findet er. Die besten Leute möchte er hierher holen. Und den Nachwuchs fördern. "Fordern und fördern. Das ist wichtig. Da kann man noch mehr machen."

Er selbst wird wegen Verpflichtungen, die er noch vor seiner Berufung eingegangen ist, erst einmal eher selten in Berlin sein. Doch spätestens 2010 will Donald Runnicles mit seiner Lebensgefährtin Adelle und ihren Töchtern nach Berlin ziehen. Sie hatten bereits mit einem großen Haus geliebäugelt - direkt am Hang, mit Blick auf den See in Berlin-Pichelsdorf. Doch man hätte zu viel daran machen müssen, es war stark renovierungsbedürftig. Wahrscheinlich fällt die Wahl des Paares auf Zehlendorf, wegen der zweisprachigen Schule dort. Die Kinder seiner Lebensgefährtin sind drei, sechs und elf Jahre alt. Seine eigenen zwei Töchter aus erster Ehe werden jedoch weiterhin in San Francisco leben, ihre Schulferien dann in Berlin verbringen, erzählt Donald Runnicles. "Es ist nicht ganz unkompliziert." Aber gut, mit Telefonieren via Internet mit Webcam und allem Drum und Dran ist das alles zu machen. Das ist toll, stundenlang zu reden, sich Bilder zu zeigen und alles, sagt er. "Ich würde natürlich gern viel mehr Zeit mit meinen Töchtern verbringen, sie in den Armen halten."

"Mein Wunsch ist es, lange zu bleiben"

Seit 20 Jahren lang lebt Donald Runnicles in San Francisco. Doch, es wird ihm schon ein bisschen schwerfallen, das alles zu verlassen - "I will leave something in San Francisco", sagt er. Zuhause, noch ist das San Francisco, Amerika. Mehr noch sogar als Schottland. Doch Deutschland, das ist das Land, dessen Musik ihn seit jeher faszinierte: Wagner, Strauss, Mahler, Mozart (wenn auch nicht Deutsche, dann zumindest Deutschsprachige, die Österreicher). Kulturell, sagt Donald Runnicles, komme er in Berlin nach Hause. "Mein Wunsch ist es, lange zu bleiben."

Donald Runnicles wurde am 16. November 1954 in Edinburgh (Schottland) geboren. Mit zwei älteren und einer jüngeren Schwester wuchs er in einem musikalischen Elternhaus - der Vater Kantor, die Mutter Pianistin - auf. Mit sieben Jahren begann er mit dem Klavierspiel. Nach der Schule studierte Donald Runnicles mit einem Stipendium in Edinburgh und Cambridge Musikwissenschaften. Erste Station seiner Karriere war die Anstellung als Korrepetitor in Mannheim. 1982 ging er nach Bayreuth und assistierte James Levine während der Bayreuther Festspiele. Nach Engagements als Gastdirigent bei verschiedenen europäischen Orchestern wurde er 1989 Generalmusikdirektor in Freiburg. Zwischendurch assistierte er wieder James Levine, diesmal an der Metropolitan Opera in New York, dirigierte dort "Lulu" von Alban Berg. 1992 ging er als Generalmusikdirektor nach San Francisco. Donald Runnicles dirigierte schon an der Wiener Staatsoper und bei den Salzburger Festspielen, das BBC Symphony Orchestra und das NDR Sinfonieorchester. 2004 wurde er mit dem Ritterorden "Order of the British Empire" ausgezeichnet. Ab August ist er Generalmusikdirektor der Deutschen Oper in Berlin und Chefdirigent des BBC Scottish Symphony Orchestra. Am 23. Februar um 19.30 Uhr dirigiert er das 14. Benefizkonzert des Lions Club Berlin-Wannsee in der Deutschen Oper. Karten kosten 19, 35, 52 und 70 Euro (inkl. Sektempfang): Telefon 21 24 70 24 oder benefizkonzert@lions-wannsee.de

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