Anne Fischer

Freie Journalistin und Texterin, Dresden

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Städtewachstum: Kein Ende in Sicht in Leipzig

Leipzig, die Denkmalhauptstadt, verzeichnet seit Jahren bundesweit den größten Wanderungsgewinn. Warum die Stadt besser fürs Wachstum gewappnet ist als andere.


Leipzig ist Wachstum gewohnt: Zwischen 1870 und 1915 macht die Stadt erstmals einen exorbitanten Sprung, die Einwohnerzahl versechsfacht sich von 100.000 auf rund 625.000 Menschen, die in neue, ausgedehnte Viertel ziehen. Mehr als 100.000 Gründerzeitbauten entstehen in dieser Zeit in der bereits von Schiller und Goethe gerühmten Stadt, durch die sich das größte Auwaldgebiet Europas erstreckt. – Leipzig ist architektonisch schön und atemberaubend grün, davon schwärmt eigentlich jeder, der hier lebt.

"Aus Unternehmersicht ist die Stadt spannend, weil sich auch kleine und mittlere Akteure gut entwickeln und ohne viel Kapital etwas aufbauen können. Ich persönlich hätte mir in keiner anderen Stadt eine solche Karriere vorstellen können. Denn anderswo ist der Markt gesättigt mit Ketten und großen Playern", sagt Dietrich Enk, Urleipziger und vierfacher Familienvater. Der 47-Jährige leitet in Leipzig einen der größten privaten Gastronomiebetriebe Sachsens mit zwei Restaurants, der Gastronomie in der Red Bull Arena, einer Eventlocation, einem Cateringservice und einem Seminar- und Kräuterhof, den er eine reichliche Fahrtstunde von Leipzig entfernt betreibt. "Die Stadt ist attraktiv angelegt: Um die City gruppieren sich sternförmig die angrenzenden Viertel, die Industrie wurde bewusst an den damaligen Rand der Stadt gelegt. Auch heute noch sind Großunternehmen wie DHL, Porsche, BMW außerhalb der Stadt angesiedelt. Leipzig hat außerdem kurze Wege – und die sind auch noch schön", sagt Unternehmer Enk.

Sein erstes Restaurant gründete er 1999 in einer ehemaligen Schürzenfabrik. Die gehörte einem Leipziger Architekten, dem die Vorstellung, ein anspruchsvolles Lokal als Mieter zu haben, gefiel. Im Städtischen Kaufhaus, in dem er inzwischen eines seiner Restaurants betreibt, haben sich die Eigentumsverhältnisse in zehn Jahren Mietzeit vier Mal geändert: "Und nie war es ein einzelner Mensch, den man in sein Lokal einladen und mit ihm gemeinsam an einem Tisch sitzen kann." Er sieht ein Problem in Fondsgesellschaften, die allein ihr finanzielles Interesse zur Investition in Leipziger Immobilien antreibt. "Leipzig braucht Eigentümer, die auch eine emotionale Verbundenheit mit der Stadt und ihrer Entwicklung haben."

Die Mieten steigen, der Flächendruck wächst

Reichlich hundert Jahre nach dem ersten Bauboom ist die urbane Sogwirkung nirgendwo in Deutschland stärker als hier. Laut der Studie "Die demographische Lage der Nation" des Berlin Instituts wird Leipzig bis 2035 stark wachsen, die Prognose liegt bei 16,5 Prozent auf 677.843 Bewohner*innen. In manchen Vierteln klettern die Mietpreise schon jetzt in Höhen, die Alteingesessene kaum mehr stemmen können. In der gesamten Stadt stiegen die Mieten zwischen 2012 und 2016 im Schnitt um 21 Prozent, in besonders beliebten Vierteln noch mehr. Und mit ihnen die Verdrängungsängste der Menschen.

Was die Planung zu einer Herausforderung macht, ist die rasante Entwicklung: Nach vielen Jahren der Einwohnerverluste und der hohen Arbeitslosigkeit braucht es nun möglichst schnell Strategien für soziale Stadterneuerung und eine Wohnungspolitik, die Einkommensschwache berücksichtigt. Björn Teichmann vom Büro für urbane Projekte arbeitet seit langem mit der Stadt Leipzig zusammen. Das Büro hat zum Beispiel Strategien für die Wohnbauflächenentwicklung erarbeitet und Potenziale für Gewerbeflächen ermittelt. Die ortsspezifische Besonderheit fasst er so zusammen: "Leipzig hatte lange kein Flächenproblem. Im Gegenteil: Jahrzehntelang gab es hier mehr als genug Platz, daran hat auch der Bauboom in den 90er Jahren nichts geändert. Nun nimmt der Flächendruck zu und überall werden die Lücken, Brach- und Konversionsflächen bebaut, die es im Gegensatz zu anderen Großstädten bis vor kurzem selbst in besten Lagen um den Innenstadtring noch reichlich gab. Es muss jedoch ständig beobachtet werden, wie sich die Situation weiter entwickelt, auch wenn das Gros dieser Flächen in einigen Jahren bebaut sein wird. Das weitere Wachstum hängt vor allem auch vom dann bestehenden Wohnungsangebot ab. Ist es ausreichend vorhanden und kann ich es mir leisten?"

In manchen Vierteln ist die Stimmung besonders angespannt. In Leipzig Connewitz kam es 2020 zu gewaltsamen Krawallen bei einer Hausbesetzungs-Aktion und Demos gegen überteuerten Wohnraum. Die Stadt plant zwar, in den nächsten Jahren 10.000 Sozialwohnungen zu bauen, doch das Vorhaben nimmt nur langsam Fahrt auf. Wie Leipzig sich wandelt, hängt deshalb auch maßgeblich von der Gunst der Investoren ab, die in der Vergangenheit großflächige Grundstücke spekulativ erworben haben – und naturgemäß auf hohe Mieteinnahmen statt auf soziale Durchmischung erpicht sind.

Die Stadt selbst hat in ihrem "Integrierten Stadtentwicklungskonzept Leipzig 2030" mehrere Maßnahmen festgelegt, um mit den knapper werdenden Flächen umzugehen: Dazu gehört gezielte Nachverdichtung in dafür passenden Vierteln – meist in Stadtrandlage, die verbesserte Auslastung, also Mehrfachnutzung und Multifunktionalität von öffentlichen Gebäuden und Freiflächen, sowie die Umnutzung von Brachflächen.

Die grüne Stadt

In Leipzig erstrecken sich die begrünten Stadtplätze und Grünanlagen über insgesamt 380 Hektar Fläche. Damit ergibt sich eine durchschnittliche Freiraumversorgung pro Kopf mit 15,9 Quadratmetern, was vergleichsweise viel ist. Allerdings ist sie in verschiedenen Stadtteilen sehr unterschiedlich. Deshalb will die Stadt sich in Zukunft neben dem Bewahren der Freiflächen besonders darauf konzentrieren, sie zu vernetzen und allen Bürgern zugänglich zu machen. In der aktuellen Freiraumstrategie heißt es dazu: "Das erfreuliche Wachstum der Stadt Leipzig führt bereits zu einem spürbaren Bebauungs- und Nutzungsdruck nicht zuletzt auf bestehende oder potenzielle Grünflächen. Freiraumpolitische Argumente müssen daher weiter geschärft und kommuniziert werden. Potenzielle Flächen des zukünftigen Freiraumsystems, welche die Lebensqualität einer sich zunehmend verdichtenden Stadt bestimmen werden, müssen von Bebauung freigehalten, Gewässer weiter geöffnet und mit hohem Gestaltungsanspruch in das Stadtbild integriert werden."

In den Parkanlagen, die die Stadt neu angelegt hat, setzt sie teilweise auf extensive Formen der Parkgestaltung, um "mit geringerem Investitions- und Unterhaltungsaufwand relativ große Areale für die Erholung bereit zu stellen". Auch ökologisch ist das vorteilhaft, weil es sich positiv auf die Artenvielfalt auswirkt. In baulich stark verdichteten Stadtteilen will die Stadt zumindest grüne Akzente setzen –  und neu angelegte Straßen stets mit Straßenbäumen besetzen. Flächenmäßig ist das Kleingartenwesen ein wichtiger Bestandteil des Stadtgrüns. Hier will Leipzig mit Kindergräten und Schulen kooperieren und Projekte im öffentlichen Raum anstoßen und die Anlagen weiter öffnen. Manche Flächen, die lange leerstehen oder zeitweise überflutet werden, sollen in eine "naturnahe Entwicklung überführt werden".


Umdenken in der Verkehrspolitik nötig

Wie in allen wachsenden Städten mit steigenden Preisen und schwindenden Freiräumen wird auch in Leipzig auf das Umland ausgewichen. Laut einer aktuellen Analyse des Onlineportals Immowelt bevorzugen die Bürger statistisch gesehen allerdings bisher das Leben in der Stadt. Die Nachfrage nach Häusern steigt in Leipzig stärker als im bis zu 40 Minuten entfernten Umland. Stadtplaner Teichmann sieht einen effizienten und attraktiven ÖPNV, wie er vor allem mit dem Ausbau des mitteldeutschen S-Bahn-Netzes in den letzten Jahren geschaffen wurde, als Voraussetzung für eine gute Anbindung des ländlichen Raums. Damit auch die Stadt selbst trotz stark steigender Bevölkerungszahlen weiterhin als gefühlt "entspannter" Lebensort wahrgenommen werden kann, „müssen wir in der Verkehrspolitik den beschrittenen Weg der Mobilitätswende weg von der Dominanz des Autos hin zu einer integrierten Mobilität kontinuierlich fortsetzen."


Das bestätigt auch Stefanie Komm, Abteilungsleiterin Stadtentwicklungsplanung: "Aufgrund des Wachstums und unserer ambitionierten Klima- und Umweltziele ist die Anpassung des heutigen Verkehrssystem und des Mobilitätsverhaltens unserer Stadtgesellschaft nötig. Im Mittelpunkt steht die Stärkung des Umweltverbundes, also des ÖPNV, des Rad- und Fußverkehrs." Leipzig hat eine kompakte und durchmischte Siedlungsstruktur und schon heute gut ausgebaute, autofreie Wegenetze. Ziemlich einzigartig im Städtevergleich: Seit 2018 sorgt in Leipzig, zusätzlich zum Radverkehrsbeauftragten, ein Fußverkehrsbeauftragter für barrierefreie und sichere Fußwege. Die größte Anstrengung bei der Mobilitätswende gilt laut Komm allerdings dem Ausbau des Straßenbahnnetzes: vom Neubau mehrerer Trassen über den barrierefreien Ausbau der Haltestellen bis zur Beschaffung größerer Fahrzeuge.

Ob Leipzig es schafft, schnelle und gleichzeitig nachhaltige Antworten auf das Wachstum zu finden, zeigt sich in den kommenden Jahren. Aus Einwohnersicht, so empfindet es zumindest Gastronom Enk, "besinnt sich Leipzig wieder auf seinen starken Kern: die bürgerliche Stadt, die von ihren Bewohnern aktiv mitgestaltet und geprägt wird. Im Gegensatz zur Residenzstadt Dresden, wo der König bestimmte, haben die Leipziger schon immer selbst umgesetzt, sei es in Kultur, Wirtschaft oder Wissenschaft. Diesen Gestalter-Geist spürt man noch heute."

Projekte:

Stadtraum Bayrischer Bahnhof
Die Planungen für das Areal, einst ältester Kopfbahnhof der Welt, inzwischen riesige Brachfläche, stockten mehrmals. Geplant ist ein komplett neues, teilweise autoreduziertes, 36 Hektar großes Viertel mit 1.600 Mietwohnungen (davon rund 30 Prozent preisgebunden), drei Schulen, zwei Kindergärten, Büro- und Gewerbeflächen sowie einem sechs Hektar großem Stadtteilpark, der sich als grünes Band durchs Viertel zieht. Laut Stadt Leipzig handelt es sich um das größte ostdeutsche Neubaugebiet. Nach rund einem Jahrzehnt Planungszeit sollen die Bauarbeiten 2021 beginnen und 2027 beendet werden.

Bürgerbahnhof Plagwitz
Das 17,5 Hektar große Gelände des ehemals größten Industrieverladebahnhofs Europas im Leipziger Stadtteil Plagwitz lag seit der Wiedervereinigung brach. Die Stadt entwickelte gemeinsam mit einer Bürgerinitiative eine öffentliche Grünfläche mit einer großen Wiese, einem Bauspielplatz, einem Pfadfinder-Areal, Nachbarschaftsgärten, einem Obsthain, Graffiti-Flächen, einem Café und mehr. Das Projekt ist Bundespreisträger "Stadtgrün 2020", der "außergewöhnliches Engagement für urbanes Grün, vielfältige Nutzbarkeit, gestalterische Qualität, innovative Konzepte und integrierte Planungsansätze" auszeichnet.

Löwitz Quartier
Im Herzen der Stadt, unmittelbar neben dem Hauptbahnhof, entsteht auf rund elf Hektar ehemaligem Bahngelände das Löwitz Quartier. Geplant ist ein gemischt genutztes, autoarmes Quartier mit rund 650 Miet- und Eigentumswohnungen, Hotel, Büro, Gastronomie und Einzelhandel sowie einem fünfzügigen Gymnasium und einem Kindergarten. Mehrere denkmalgeschützte Gebäude des früheren Zollamtes werden saniert. Die Erschließungsarbeiten beginnen 2021. Die Fertigstellung des Löwitz Quartiers plant das verantwortliche Joint Venture der Hamburger Unternehmen Hamburg Team Projektentwicklung, Haspa PeB Projektentwicklungs- und Beteiligungsgesellschaft und des Bauunternehmens Otto Wulff für 2026.


Parkbogen Ost
Ab 2024 sollen Leipziger*innen und Touristen auf dem Gelände einer 2012 stillgelegten Gleistrasse der Deutschen Bahn Spazierengehen und Radfahren können. Die Idee des Parkbogens, zu dem auch Aktivflächen gehören und der streckenweise über ein eindrucksvolles Viadukt verläuft, kommt von den Bürger*innen selbst. Der Leipziger Osten soll mit dem rund fünf Kilometer langen, grünen Band über den Dächern aufgewertet werden. Dabei wird zum Beispiel eine alte Feuerwache als Nachbarschaftszentrum umgenutzt, bestehende Grünflächen werden besser vernetzt und Brachflächen revitalisiert. Laut Stadt handelt es sich "im Kontext der gegenwärtigen Leipziger Stadtentwicklung um eines der wichtigsten und über die Stadt ausstrahlenden Projekte".

Übrigens: Dass sich die vorgestellten Projekte allesamt auf ehemaligen Bahnbetriebsflächen befinden, ist kein Zufall, sondern eine ortstypische Besonderheit. Leipzig war einst der bedeutendste Eisenbahnknoten Deutschlands. Mit dem Wandel des Gleisverkehrs ergaben sich in der ganzen Stadt brachliegende Flächen, und zwar an Standorten, die für die Stadtentwicklung bedeutsam sind. In der Innenstadt wurden weitere ehemalige Bahnhofsanlagen in Parks umgewandelt, so entstand beispielsweise der Lene-Voigt-Park.


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